Schick im Ländle: Wohnen in Vorarlberg

Noch nie wurde das private Leben im Ländle so akribisch dokumentiert: Rita Bertolini zeigt Wohnwelten zwischen Tradition und Moderne.

Architektur wird in Vorarlberg seit jeher groß geschrieben und ist mittlerweile auch zu einem lukrativen Tourismusziel avanciert: Jährlich besuchen über 15.000 Gäste das Bundesland allein wegen seiner einzigartigen, modernen Bauweise. Bisher ging die Aufmerksamkeit jedoch selten merklich über die äußere Gebäudehülle hinaus. Rita Bertolini hat für ihren außergewöhnlichen Bildband Vorarlberger Hausbesitzer gewinnen können: Das Buch "Innenleben" erzählt mit über 650 Fotografien von den unterschiedlichsten Lebensformen und -experimenten, von gepflegten Traditionen und von neuen, radikalen Bauten. Zwischen Städten wie Bregenz und Feldkirch, dem Bregenzerwald und dem Skiparadies Lech erhält man Einblicke in Bürger- und Bauernhäuser, Architekten- und Gasthäuser, sowie eine offizielle Notschlafstelle.

Klicken Sie ins Bild um fortzufahren! Bertolinis Buch beschäftigt sich bewusst, wie der Titel schon verrät, mit dem Innenleben. Sie selbst bewohnt gemeinsam mit ihrem Mann Frank Mätzler ein Haus am Fuße des Pfänders, des aufgrund seiner wunderschönen Natur sehr begehrten Bregenzer Hausberges. Der Schwiegervater ist Architekt und half bei der Umsetzung, entworfen aber haben die Eheleute alles selbst. Umgeben von dichter Natur entstand in steiler Hanglage ein klares, schnörkelloses Anwesen. Alle eingesetzten Werkstoffe wurden konsequent in ihrem Rohzustand belassen, Tische und Kästen sind aus Betoplan-Platten gefertigt, jenem Industriestoff, der auch für die Betonschalung des Gebäudes zum Einsatz kam. Eintausend Tonnen Beton wurden für das Bregenzer Haus von Rita Bertolini und ihrem Mann, Designer Frank Mätzler, verarbeitet. In Küche und Bad kam außerdem massiver Schwarzstahlzum Einsatz. Große Fensterfronten bieten viel Blick ins Freie. "Man lebt hier wie in einem Baumhaus", sagt Frank Mätzler. Ganz anders leben Rosalinde und Manfred Ganahl in Schruns, in einem der schönsten Täler der Region, dem Montafon: 1990 hat das Ehepaar ein altes, baufälliges Bürgerhaus aus dem 19. Jahrhundert gekauft und es über zwei Jahre lang mit Leidenschaft und viel Liebe fürs Detail renoviert. "Die Einrichtung hat natürlich etwas leicht Museales", sagt Rosalinde Ganahl, die im Dorf seit Jahrzehnten von allen "die schöne Frau Ganahl" genannt wird. Sie und ihr Mann sind gerade vom Skifahren in Gargellen zurückgekommen. "Das ist schön, denn da ist nicht so viel Rummel, wie in anderen Schneeregionen." Ihr Lieblingsraum im Haus ist das Stüble, wie man das Wohnzimmer auf gut Vorarlbergerisch in bäuerlichen Häusern nennt. "Wir haben viele Möbel von der Vorbesitzerin, einer sehr alten Frau, übernommen, Sofas neu gepolstert und überzogen, Holzmöbel renoviert", erzählt Rosalinde Ganahl. "Damit die kleinen Räume etwas heller wirken, haben wir weiße Vorhänge genommen und die Einrichtung mit hellen, moderneren Stücken ergänzt." Auch den drei Kindern der Ganahls gefällt das antike Wohnparadies: "Sie sind bei jedem Besuch neugierig, was wir wieder erneuert oder verändert haben. Und unsere sieben Enkelkinder kommen regelmäßig mit ihren Schulfreunden und fragen, ob sie Hausführungen machen können." Mit einem ausgeprägten Blick für Werte und Prinzipien haben sich auch die Architektin Katja Schneider und ihr Mann, der Hotelier Gerold Schneider, einen Raum für Ruhe und Erholung geschaffen. Bauland ist in Lech knapp und teuer. So wurde ein ehemaliger Heustadl oberhalb von Lech zur "Allmeinde", einem Kulturzentrum und privaten Sommersitz seiner Besitzer. Da die Nutzung des Hauses vielfältig ist, wurde auch den Räumen keine bestimmte Funktion zugewiesen. Die minimalistische Architektur aus Holz und Lehm bleibt flexibel und lässt die unterschiedlichsten Aktivitäten zu. Man ist fleißig in Vorarlberg: Gerold Schneider betreibt einerseits zusammen mit seiner Frau ein Architekturbüro, andererseits gemeinsam mit seiner Mutter eines der besten und elegantesten Wintersporthotels in Österreich. Der Almhof Schneider in Lech steht für gehobene Hotelkultur, Einrichtung und Umbauten werden von Gerold Schneider geplant. "Nach dem dichten Betrieb in der Wintersaison freut man sich auf die Ruhe, die Nähe zur Natur und den Luxus des leeren Raumes", so Schneider. Wie es zu diesem außergewöhnlichen Buch kam? "Begonnen hat alles damit, dass ich mich jedes Jahr in mehreren Buchhandlungen nach Büchern über Gärten in Vorarlberg erkundigte und man mir immer sagte, so etwas gäbe es nicht", erzählt Rita Bertolini. "Irgendwann entschloss ich mich dann einfach, selbst eines zu machen." 2009 veröffentlichte Bertolini, die bis dahin ausschließlich ein Grafikbüro betrieben hatte, "Bodengut – Vom Zauber Vorarlberger Gärten". Und weil sie im Zuge ihrer Recherchen in so viele besondere Häuser kam, stand schnell das zweite Projekt. Buchtipp
116 Wohnsituationen, mit zahlreichen beeindruckenden Fotos präsentiert Rita Bertolini in "Innenleben – Vorarlberg". Erschienen im Bertolini Verlag, € 34 Euro.

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(ce) Erstellt am
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