Materialmix ist das "Salz in der Suppe"

Einrichtungsobjekte, Hoteldesign oder Mini-Apartment: Werner Aisslinger gehört zu den Superstars in der Designszene. IMMO traf den Deutschen zum entspannten Interview.

Geschäftiges Treiben herrscht am Stand von Foscarini auf der Möbelmesse in Mailand: Menschentrauben durchwandern die 600 Quadratmeter, die der italienische Leuchten-Spezialist heuer mit Multimedia-Unterstützung inszeniert hat. Auf frei schwebenden Leinwänden erklären namhafte Designer (von Jean Marie Massaud bis Ludovica und Roberto Palomba), was sie sich bei ihren neuesten Entwürfen gedacht haben.

Einen Takt ruhiger geht es im „Backstage-Bereich“ zu, den ein Netzwerk aus Stäben von der allgemeinen Präsentationszone trennt. Zwischen dunklen Anzugträgern sticht der deutsche Designer Werner Aisslinger in Jeans und weißem Hemd hervor. Unkompliziert und bodenständig erweist sich der Kreative, der für Foscarini gerade eine neue Leucht-Skulptur und für BASF einen Stuhl ganz aus Hanf entworfen hat, dann auch im Gespräch.

Im Bild: Klein und portabel: Der „Loftcube“ von Studio Aisslinger kann auf bestehende Gebäude aufgesetzt werden. Sie sind für das Experimentieren mit neuen Materialien bekannt. Was interessiert Sie daran?

Ich bin der Meinung, dass es das Salz in der Suppe des Designberufes ist, sich mit Technologien und Materialien zu beschäftigen. Klar, gibt es auch immer wieder einen schönen Holz- oder Metallstuhl, obwohl schon Tausende gemacht worden sind. Aber wenn man die Designgeschichte der letzten 100 Jahre heranzieht, dann sieht man, dass Innovationen letztlich auch immer mit Technologien zu tun hatten. Jedes Mal, wenn neue Materialien und Herstellungsmethoden erfunden wurden, dann haben sich bekannte Typologien wie Stühle oder Tische wieder verändert, weil plötzlich andere Dinge möglich waren. Beispielsweise in den 1960er- und 1970er-Jahren, als das Material Kunststoff aufkam oder in den 1920er-Jahren, als die Stahlrohr-Stühle Mode wurden. ...

Im Bild: Auf der Möbelmesse in Mailand präsentierte Werner Aisslinger den weltweit ersten Monoblock-Sessel, der komplett aus Naturfasern hergestellt wird. Wenn ich mich als Designer mit Materialien und Verarbeitungsmethoden auseinandersetze, steckt da einfach mehr Innovation darin, als wenn ich „nur“ formal aktiv bin oder etwas verhübsche, das es bereits gibt. Ich will nicht sagen, dass das immer langweilig ist. Natürlich kann es auch eine Challenge sein, mit bekannten Materialien zu arbeiten.

Im Bild: Natur pur: Der „Hemp Chair“, den Werner Aisslinger für BASF entworfen hat, ist ökologisch, leicht und stapelbar. Ist es auch den Konsumenten heute wichtiger, woraus etwas gemacht ist?

Gerade in den letzten zwei, drei Jahren ist das Bewusstsein viel größer geworden – wo doch jeder von Nachhaltigkeit und Sustainability spricht. Das zieht sich durch alle Lebensbereiche: Heute macht ja auch jeder Zweite Yoga, kümmert sich um seinen Körper und ernährt sich gesünder. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen heute zumindest in der westlichen Welt viel bewusster leben und konsumieren. Das fängt bei Nahrungsmitteln an und geht bei Produkten weiter. Wenn es also Materialien gibt, die entweder nachhaltiger und umweltfreundlicher oder langlebiger sind, dann macht man – glaube ich – alles richtig, wenn man mit diesen arbeitet. ...

Im Bild: „NETwork“ nennt sich das vernetzte Sitzmöbel, das Werner Aisslinger mit seinem Team 2010 entwarf. Für Designer sind natürlich auch die Halbwertszeiten von Produkten wichtig: Wenn ich etwas mache, das immer trendy aussieht, das aber nach zwei Jahren keiner mehr sehen kann, dann fördere ich ja auch diesen Produktions- und Wegwerfzyklus. Wenn ich aber Dinge in die Welt setze, die sympathisch, freundlich oder minimalistisch sind und sich zurücknehmen, dann bin ich auch schon auf der nachhaltigen Seite – egal, ob etwas aus Kunststoff, Metall oder Holz gemacht ist. Dinge, die lange Lebenszyklen haben, sind allemal ökologisch, weil sie einfach nicht ersetzt werden müssen. In dem Sinn hat auch Gestaltung etwas mit Nachhaltigkeit zu tun, nicht nur Materialien.

Im Bild: Skulptur und Leuchte zugleich ist „BeHive“. Der deutsche Designer entwickelte die Tischlampe gemeinsam mit Foscarini (links in der Mitte). Ihr neues Design „BeHive“ für Foscarini ist Leuchte und Skulptur zugleich. Muss eine Lampe heute mehr können, als „nur“ eine Lichtquelle sein?

Das Schöne an „BeHive“ ist, dass die Lampe, wenn sie ausgeschaltet ist, aussieht wie eine Marmorskulptur. Als Designer muss man ja auch bedenken, wie etwas aussieht, wenn es nicht in Betrieb ist und tagsüber in der Wohnung herumsteht. Die Leuchte hat etwas von einer Skulptur, ohne dabei aufgeregt zu sein – das hoffe ich zumindest. Sie hat etwas Archetypisches und ist dennoch nicht so ein „No-Design“, das man übersehen kann. Das ist ja auch immer die Gratwanderung: Man will etwas machen, das interessant ist, aber es soll nicht aufgeregt sein. Es muss wohlproportioniert sein, aber nicht zu sehr dem entsprechen, was man schon kennt.

Im Bild: Linear und filigran ist der „A-Chair“, den Aisslinger 2010 für l’abbate entworfen hat. Die Herausforderung an diesem Projekt war die indirekte Reflexion: Wir haben versucht, das Licht so aus dem Körper zu leiten, dass man nie die Quelle sieht. Im Nachhinein sieht das vielleicht aus, wie eine einfache Form, aber das war eine ziemlich schwierige Entwicklung. Wir haben zuerst verschiedene Materialien durchgespielt, bis es funktioniert hat.

Im Bild: Wohnen auf kleinstem Raum im Mini-Apartment „Loftcube“. Mit den Projekten „Loftcube“ und „Fincube“ haben Sie einen Ausflug in die Baukunst gemacht. Wie kam es dazu?

Als Designer kommt man ja aus einer kleinen Welt. Das ist der Versuch, in einem geringen Maßstab auch Architektur zu machen. So ein weicher, runder Körper wie der „Loftcube“ sieht aber trotzdem aus wie ein Produkt. Architekten schütteln da natürlich den Kopf, weil er auf jedem Gebäude, auf das man ihn stellt, immer wie ein Fremdkörper wirkt – das war aber natürlich Absicht. ... 

Im Bild: Wohn-Vision: Auf 1200 Meter Seehöhe entstand der „Fincube“, ein 47 großes, Niedrigenergie-Konzept. Glas-Stahlkonstruktionen gibt es schon Tausende, das hätte ich jetzt nicht noch einmal machen müssen. Ich habe mich gefragt, wie ich so ein kleines Minimalgebäude machen kann, das noch einmal anders wirkt. Natürlich komme ich als Designer nicht in die Situation, Hochbau zu machen, aber solche Ausflüge in die Kleinarchitektur finde ich sehr spannend. 

Im Bild: Regenboden-Parade: Die hand-geblasenen Vasen „Mesh“ sind Unikate. Das Design wurde gemeinsam mit CIAV Meisenthal in Frankreich entwickelt. Ist es für Sie wichtig, auch über den Tellerrand der Branche hinauszuschauen?

Ich versuche in den letzten Jahren, möglichst das Spielfeld etwas größer werden zu lassen. Wir machen ja nicht nur Produktdesign, sondern gelegentlich auch Interieurprojekte, wie gerade drei Hotels in Berlin, Wien und Zürich. Auch in Graz habe ich bereits das Hotel Daniel gestaltet. ...

Im Bild: Natur-Inspirationen: Die Sitzmodule „Coral“ von Studio Aisslinger orientieren sich an maritimen Mikroorganismen. Wir arbeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen: zum Beispiel gerade auch an einem Krankenwagen, einer Armbanduhr, Interieur-Projekten oder technischen Produkten wie einem Fernseher. Klar, ich bin jemand, der sich in der Möbelwelt sozialisiert hat. Aber auch, wenn ich immer wieder Stühle entwerfe, ist es trotzdem nicht mein Ziel, 50 Jahre lang nur das zu machen. 

Im Bild: Die goldene Spiegeloberfläche im Inneren des Lampenschirms sorgt für ein spannendes Lichtspiel. „Tree“ gibt es auch als Stand- und Tischversion. Studio Aisslinger

Der deutsche Produkt- und Markendesigner Werner Aisslinger wurde 1964 geboren. Er studierte an der Hochschule für Künste in Berlin und gründete 1993 das Studio Aisslinger in Berlin. Aisslinger ist für das Experimentieren mit neuen Materialien und Technologien bekannt. Zu seinen berühmtesten Projekten gehört der „Loftcube“, ein Minimalgebäude, das auf eine bestehende Architektur aufgesetzt werden kann. Im Laufe seiner Karriere arbeitet der Designer unter anderem für bekannte Marken wie Cappellini, Zanotta, Jaguar, Mercedes Benz oder zuletzt Foscarini. 

www.aisslinger.de
www.foscarini.com
(KURIER; sog) Erstellt am
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