Wohnen
07.04.2012

Grün-Projekt: Die hängenden Gärten von Paris

Ein Ingenieurbüro will den Eiffelturm in den größten Baum der Welt verwandeln und so das Öko-Image der Metropole aufpolieren.

Im Büro von "Ginger" erwartet ein knallrotes Leder-Fauteuil den Besucher. Gleich daneben: Ein mannshohes Modell des Eiffelturms – überwuchert von Moosen und Flechten in allen Grüntönen, die die Natur hervorgebracht hat. Seit einem Jahr arbeitet das Pariser Ingenieur-Unternehmen mit Schwerpunkt nachhaltige Architektur an der Idee eines grünen Eiffelturms, seit Wochen hat man das ausgereifte Konzept in der Schublade. Für den KURIER holte es Michel Replumaz, heraus.

Der Direktor für Großprojekte erzählt: "1889, als er eröffnet wurde, war der Eiffelturm das Symbol der Industrialisierung der Welt und der neuen Technologien des 20. Jahrhunderts." Jetzt habe ein neues Zeitalter angefangen – nachhaltig und ökologisch solle man leben. "Und daher wollen wir dieses alte Symbol transformieren – der Ära entsprechen. Wir haben ein Projekt entwickelt, das genau dafür steht – mit all den Materialen, die eine gute Kohlen­dioxid-Bilanz garantieren, Hanf und Jute zum Beispiel." Und 600.000 Pflanzen, die das einst als "tragische Straßenlaterne" verhöhnte Paris-Wahrzeichen in den größten Baum der Welt verwandeln sollen.

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Gut für alle

Die französische Zeitung Le Figaro schwärmte über die hängenden Gärten an der Seine: "Ein gesellschaftliches Modell, ein Symbol für alle Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung des dritten Jahrtausends: Ökologie, Ökonomie, menschlich wie kulturell." Also: Gut für die Luft, die Erde, die Umwelt, die Leute.

Derzeit ist das Ingenieursunternehmen Ginger mit der Renovierung der ersten Etage des Eiffelturms beschäftigt, kennt also die Herausforderungen der eisernen Dame. Replumaz: "Wir haben überlegt, wie wir eine grüne Wand für den Eiffelturm schaffen können." Das Problem für den Techniker: "Der Turm hat keine dicken stabilen Mauern, an denen sich Pflanzen emporranken könnten. Wir mussten ein neues Konzept entwickeln, das für das Metall-Gerüst geeignet ist."

Hanfseile & Jutetaschen

Viele Menschen haben sich viele Stunden lang den Kopf zerbrochen. Herausgekommen ist eine schlichte, aber geniale Idee: Ein Netz aus Hanfseilen (klimafreundliches Naturmaterial), auf dem Jutetaschen befestigt werden. Darin ein Substrat aus Ton. "Das speichert Wasser und ist leicht", sagt sein Architekt.

Trotzdem: Schon die kilometerlangen Gummischläuche für die Wasser-Dünger-Versorgung des himmelwärts strebenden Gartens bringen zusätzlich zwölf Tonnen Gewicht auf die Waage. 378 Tonnen Übergewicht bedeutet das grüne Kleid für die eiserne Dame insgesamt, haben die Ingenieure in den Ginger-Labors in der Pariser Vorstadt errechnet. Und kalkulierten weiter: An einem maßstabsgetreuen Modell testen sie, ob das Metall-Gerüst der zusätzlichen Last überhaupt gewachsen ist. Es ist.

Dort, in Elancourt, werden auch die 60 Pflanzenfamilien für das Baum-Potpourri ausgewählt: Widerstandfähige, windimmune Coprosna für oben und reich blühende Plumbago für weiter unten. Eine Legion von Botanikern hat die verschiedenen Gewächse und ihre geplanten Standorte nach Sonnenstand, Wind, Nord, Süd, Ost, West ausgewählt, sagt Michel Replumaz und seufzt: "Eine Wissenschaft."

Sogar über die Montage seines innovativen Hanf-Jute-Öko-Netzwerks hat sich der Architekt Gedanken gemacht: "Akrobaten", sagt er, "sind die einzigen, die diesen Job gefahrlos erledigen können." Die pflanzlichen Überzieher würden rund um die Uhr von unten nach oben angebracht werden. Damit würde der Eindruck natürlichen Wachstums suggeriert.

Öko-Welthauptstadt

"Wir wollen kein Geld von der Stadt. Private Sponsoren würden die 72 Millionen bezahlen", sagt der Projektleiter. Die Sponsoren aus Industrie und Bankenwelt würden sich gerne beteiligen, um Frankreichs Metropole als Welthauptstadt des Umweltschutzes zu profilieren. Sieben Millionen Besucher, die jährlich die eiserne Dame erklimmen, könnten sich als Pioniere des ökologischen Tourismus fühlen.

Derzeit wartet der Projektleiter auf die Genehmigungen: "Zwei Institutionen müssen überzeugt werden. Die Stadt Paris und Sete, die Betreiber-Gesellschaft des Eiffelturms." Und wie läuft es? Replumaz lacht: "Wir stehen am Anfang", sagt er, hat aber einen Plan B: "Wir haben das Öko-Konzept mit Hanfnetz und Jutesäckchen zwar für den Eiffelturm entwickelt, können es aber überall anbringen. Hier in Paris gibt es viele blinde Wände, die darauf warten, begrünt zu werden." Irgendwie und irgendwo werden sie die Natur in die Stadt bringen.

Fassaden-Begrünung: Vertikale Beete kommen in Mode

In Paris gibt es eine Reihe von Bauten, die mit künstlicher Vegetation überzogen sind. Am Musée du Quai Branly ist eine Frontseite zum Seine-Ufer mit einem Dschungel eingekleidet. Im Jahr 2005 hat der französische Botaniker Patrick Blanc dieses lebende Kunstwerk erschaffen. Die ersten Versuche mit seinen Pflanzen-Wänden startete Blanc in der eigenen Wohnung, inzwischen begrünt er Wände auf der ganzen Welt.

Seine grünen Fassaden wurzeln in einem Vlies, das zwischen zwei Hartschaum-Matten steckt. Das Wasser sickert zusammen mit dem Flüssigdünger durch den Stoff und versorgt die Pflanzen. Ein erfolgreiches Konzept: Inzwischen sind vertikale Gärten Mode geworden – nicht nur in Frankreich.

Auch in Wien wächst nach Pariser Vorbild eine grüne Fassade. Die fünf Stockwerke der MA 48 sind seit gut einem Jahr mit Grasnelken, Lavendel, Thymian und Schafgarbe begrünt. Eine Untersuchungen der Universität für Bodenkultur ergab: Die grüne Fassade schützt vor Hitze und Kälte. An einem Tag mit 25 Lufttemperatur zeigt eine Wärmebildkamera, dass die Mauer des Nachbarhauses bis zu 40 heiß wird, die begrünte Fassade aber nur 28 . Und auch winterlicher Wärmeverluste ist hinter der Grünwand deutlich geringer als dort, wo die Fassade ungeschützt ist.

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