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Wissen Wissenschaft
01/19/2022

Tongas explodierter Vulkan: Großer Bums mit Fortsetzungspotenzial

Was genau ist beim Ausbruch des Vulkans in Tonga eigentlich passiert? Und macht es einen Unterschied, ob Feuerberge unter Wasser oder an Land rumoren? Forscher suchen Antworten.

von Susanne Mauthner-Weber

Es ist ja nicht so, dass die Tongaer nicht vorgewarnt gewesen wären: Im Weltrisikobericht belegt Tonga Rang 3 der Länder mit dem höchsten Risiko, dass ein extremes Naturereignis zu einer Katastrophe wird. 2010 ein Erdbeben der Stärke 6,3. 2011 ein 287 km/h-Zyklon. Und jetzt die Explosion eines submarinen Vulkans.

Inzwischen gibt es immerhin erste Lageberichte aus dem einstigen Inselparadies: Luft- und Satellitenbilder zeigen ascheüberzogene Eilande und massive Schäden – wohl einem bis zu fünfzehn Meter hohen Tsunami geschuldet.

Tonga dürfte seit 3.000 v. Chr. besiedelt sein. Erste Kontakte mit holländischen Entdeckern gab es im Jahr 1616. Gut 150 Jahre später besuchte auch James Cook die Inseln mehrmals. Erste Missionare folgten um 1800.

1845 vereinte König Siaosi Taufa’ahau Tupou alle Inseln Tongas zu einem Königreich. Bald streckte das Deutsche Reich seine Finger nach Tonga aus, musste aber 1899 verzichten. Die Inseln wurden britisches Protektorat. Erst 1970 wurde man wieder unabhängig. Heute leben 104.000 Menschen in der ältesten polynesischen Monarchie.

Wobei: Der Hunga-Tonga-Hunga-Ha'apai stand unter wissenschaftlicher Beobachtung – nicht zuletzt, weil dort nach Ausbrüchen vor acht Jahren eine neue Insel entstanden war, die bis zu 120 Meter aus dem Meer ragte. Jetzt ist das Neo-Eiland wieder verschwunden.

Eine Insel, die nur ein winziger Teil eines gigantischen, unsichtbaren Massivs war – mit einem Vulkan, der sich etwa zwei Kilometer hoch vom Ozeanboden erhebt. An seiner Basis hat er einen Durchmesser von etwa 20 Kilometern. Fünf bis acht Kilometer unter dem Meeresgrund verborgen, liegt das riesige, explosive Magma-Reservoir.

1.200 Grad

Was beim Ausbruch dieser Tage genau passiert ist, können auch Forscher nur vermuten. „Wenn gasreiches Magma auf Meerwasser trifft, entsteht Wasserdampf“, erklärt der Seismologe Wolfgang Lenhardt von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). In kürzester Zeit werden große Mengen Energie von dem geschmolzenen, etwa 1.200 Grad Celsius heißen Gestein an die umgebende Flüssigkeit abgegeben. „Der so entstandene Dampf breitet sich rasant aus – daher diese unheimliche Explosion. Dann wird das Wasser in alle Richtungen verdrängt.“ Im aktuellen Fall als Tsunami bis zur südamerikanischen Küste.

Bis nach Österreich

Bei dem Ausbruch wurde Asche mehr als 20 Kilometer hoch in den Himmel geschleudert. Die Druckwelle der Explosion war außerdem rund um die Erde zu spüren, auch in Österreich. Lenhardt: „Die Luftwelle brauchte etwa 14 oder 15 Stunden, bis sie bei uns war. Und das konnten wir als Luftdruckschwankungen auf unseren Messgeräten ablesen.“

Weitere Kammern

Dass dies das Ende war, glauben Lenhardts neuseeländische Kollegen übrigens nicht: „Wenn so eine Magmakammer sich entleert, kann daneben trotzdem eine andere liegen. Möglicherweise kommunizieren die beiden Kammern sogar miteinander“. Das wahrscheinlichste Szenario sei laut Modellrechnungen des neuseeländischen Institute of Geological and Nuclear Sciences, dass es demnächst zu weiteren Eruptionen kommt. Tsunami-Gefahr inklusive.

Und das Klima?

Entwarnung gibt es dagegen in einem anderen Punkt: Grundsätzlich gilt, dass bei Vulkanausbrüchen auch Aerosole und Schwefelgase in den Himmel geschleudert werden. Dort sorgen sie als Schwefelsäuretropfen dafür, dass ein Teil des Sonnenlichtes wieder zurückgeworfen wird – der Planet kühlt ab. So geschehen etwa 1815, als in Indonesien der Vulkan Tambora so viel Asche in den Himmel spuckte, dass jahrelang weltweit – auch in Europa – der Sommer ausfiel. „Diesmal wurde aber nicht so viel Asche in die Atmosphäre geschleudert, sondern hauptsächlich Wasserdampf“, sagt der Forscher. „Klimatisch wird sich dadurch nichts ändern.“

Nachgefragt beim Seismologen Wolfgang Lenhardt von der ZAMG

KURIER: Vulkane am Meeresboden sind die häufigsten der Welt. Jeder Inselvulkan hat  submarin begonnen. Ihre Zahl dürfte gigantisch sein. Gibt es sie auch in unserer Nähe?
Lenhardt:  Es gibt solche Vulkane auch im Mittelmeer. Vor Neapel wird seit 10 Jahren der Marsili, ein Vulkan, der sich gerade im Meer aufbaut, genau beobachtet.  Derzeit liegt er 4.000 Meter unter der Oberfläche. Ein Riesenberg, wenn der explodiert, haben wir einen Tsunami, der extrem hoch sein und die Küsten bis  nach Frankreich betreffen wird.

Hat es auch schon früher Ähnliches wie jetzt in Tonga gegeben?
In Indonesien ist 1883 der Krakatau in die Luft geflogen – ebenfalls ein Vulkan, der unter Wasser lag. Es gab eine Riesenwelle, die sich um den Erdball ausbreitete. Sie wurde sogar in Potsdam gemessen.

Bis wann wird  sich die Natur erholt haben?
Bis da wieder etwas wächst, dauert es Jahrzehnte. Wobei es ohne diesen Vulkanismus viele Inseln gar nicht geben würde: Ganz Japan, Indonesien, Island und die Karibik ebenfalls.

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