© BOKU, Margit Laimer

Wissen Wissenschaft
01/25/2021

Auf der Suche nach den Dirndln der Zukunft

Der Kornelkirschen-Ertrag ist vielerorts ausgeblieben. Jetzt suchen Forscher jene Dirndl-Pflanzen, die trotz Klimawandels Ertrag bringen.

von Susanne Mauthner-Weber

Zuerst staunte Margit Laimer noch, als die Kornelkirschen-Bauern verkündeten: "Unsere Dirndln sind alle einzigartig!" Sie wussten von jedem Baum eine Geschichte zu erzählen – der eine wächst besonders gut und bildet schöne Früchte, die regelrecht süß sind; der andere macht Probleme und trägt immer schwarze Früchte; einer blüht zwar jedes Jahr toll, hat dann aber keine einzige Frucht.

Später dann machte sich bei der Pflanzenbiotechnologin Verwunderung breit – ihre genetischen Analysen gaben den Bauern recht: Keine zwei Dirndl sind genetisch gleich. Dass weiß Laimer von der Plant Biotechnology Unit der BOKU (Universität für Bodenkultur Wien), weil sie innerhalb von drei Jahren die genetische Vielfalt von 425 Kornelkirschen-Pflanzen im Pielachtal ausgewertet und deren gesundheitsrelevanten Inhaltsstoffe analysiert hat.

Dirndl-Stammbaum

Wobei: "Wir haben die ganze Region hergenommen – 25 Standorte im Pielachtal, neun im Traisental und fünf im Gölsental", erzählt sie. Bei mehrere Exkursionen zu unterschiedlichen Jahreszeiten wurden Blütenknospen, Früchte und kleine Zweige mit Blattknospen gesammelt. Laimer: "Daraus wurde die DNA extrahiert und ein Stammbaum gemacht."

Die Forschung ist nicht Selbstzweck: "In den Jahren 2017 bis 2019 ist der Ertrag völlig ausgeblieben. Leute, die früher Tausende von Kilogramm geerntet haben, sagten zu mir ,Frau Laimer, ich kann heuer nicht einmal für die Familie einen Saft machen.’" Die bisher als trockentolerant bekannte Kornelkirsche hat plötzlich keinen verwertbaren Ertrag mehr geliefert.

Was die Wissenschafterin dagegen tun will, erfahren Sie in dieser Geschichte.

Was drin und dran ist

Im  Pielachtal werden Kornelkirschen (Cornus mas) seit Jahrhunderten genutzt – sicher seit der Zeit Maria Theresias. Für bäuerliche Schnaps- und Saftproduktion und regionale Vermarktung sind die "Dirndl", wie sie hierzulande genannt werden, von großer Bedeutung. Zunehmend entstehen weitere Produkte wie Dirndl-Joghurt, -Eis, -Marmelade, oder Champagner mit Kornelkirschensaft.

Außerdem sind sie eine perfekte Vitamin-C-Quelle – 100 Gramm  decken fast den kompletten Tagesbedarf. Botanisch ist der Kornelkirschen-Strauch übrigens  nicht mit dem Kirsch-Baum verwandt. Wie einer seiner weiteren Namen, (Gelber Hartriegel) verrät, gehört er zu den Hartriegelgewächsen.

 

Die Wissenschafterin hat sich also die Klimadaten der vergangenen zehn Jahre angeschaut und festgestellt, dass die Feuchtigkeit stark zurückgegangen ist. "Was aber noch viel dramatischer ist: Die steigenden Jahresdurchschnittstemperaturen. Zwei Grad mehr", sagt sie alarmiert. "Nicht, dass die Sommer so viel heißer wären, aber im Winter ist es weniger kalt. Da klingeln bei Phytobiotechnologen alle Alarmglocken."

Ein Film läuft vor ihrem inneren Auge ab: Insekten und Krankheitserreger überleben besser, die Pflanze bekommt keinen ausreichenden Winterruhe-Impuls.

Alles gerät durcheinander.

Margit Laimer | Pflanzenbiotechnologin

Laimer und ihr Team suchen jetzt jene Dirndl-Pflanzen, die unter den verschlechterten Bedingungen trotzdem noch Ertrag bringen. Mittlerweile kann sie gewisse Pflanzen ausscheiden, erzählt sie: "Das ist auch schon eine Leistung, andere wollen wir unbedingt weiterzüchten", sagt sie und kommt zum letzten Teil ihres Projektes.

"45 Pflanzen haben wir in vitro angezüchtet. Die sogenannte Gewebekultur ist eine wunderbare Technik, wenn sie eine interessante Pflanze haben, aus der sie 100 andere machen möchten."

Turbo-Methode

Der entscheidende Vorteil der Methode: Sie ist schnell. "Natürlich könnte man die Pflanze auch mit gängigen gärtnerischen Methoden vermehren, aber das dauert – zwei Jahre bis der Samen keimt; bis sie die erste Frucht macht, vergehen fast acht Jahre. Darum machen wir von den interessantesten Pflanzen Gewebekulturen, wer sie will, dem stellen wir sie zur Verfügung."

Zusätzlich haben die Forscherinnen die Früchte auch vermessen: "Wir wollten wissen wie breit und wie schwer sie werden können. Zum Schluss haben wir ausgerechnet, wie hoch der Fruchtfleischanteil ist. Denn das ist es, was den Produzenten interessiert", sagt Laimer. "Jene Pflanze, die am besten abgeschnitten hat, war auch die Lieblingspflanze der Besitzerin. Intuitiv wissen die Leute, wo ihre interessanten Kandidaten sind."

Offiziell haben die 425 untersuchten Pflanzen jetzt sogar einen Pflanzenpass, in dem die Angaben der Besitzer festgehalten wurden; dazu ihr Alter (es reicht von sechs Jahren bis zu tausendjährigen Exemplaren).

Zukunftsmusik

Übrigens: Die Pflanzenbiotechnologin hat auch Dirndln gefunden, die gelbe Früchte tragen – "in der ganzen Region drei Stück. Unsere Analysen haben gezeigt, dass sich in ihnen viel weniger allergene Stoffe finden", erzählt Laimer. Aber das ist eine andere - künftige - Geschichte.

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