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Wissen Wissenschaft
11/13/2020

Forscherstreit um Himmelsscheibe von Nebra

Nachdem zwei deutsche Prähistoriker im September das Alter der berühmtesten Metallscheibe der Welt angezweifelt hatten, gibt jetzt ein Forscherteam kontra.

von Susanne Mauthner-Weber

Auch wenn das Wort heutzutage oft benutzt wird: Echte Sensationsfunde sind selten. Die Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra vor 21 Jahren gehört allerdings sicher in diese Kategorie.

Die älteste bekannte Darstellung des Kosmos, ein 2,1 kg schwerer, grün schimmernder Metall-Diskus, auf dem 32 Sterne prangen, belegt nicht weniger, als dass die angeblichen Hinterwäldler aus dem heutigen Mitteldeutschland nach Kalender lebten.

Mittlerweile ist die Scheibe, die wohl um 1900 vor Christus entstand, bis in ihre molekularen Untiefen gut erforscht. Das dachte man zumindest.

Bis im September zwei deutsche Prähistoriker behaupteten, die Himmelsscheibe sei zwar echt, aber 1.000 Jahre jünger als bisher angenommen. Ihrer Ansicht nach stammt sie aus der Eisenzeit, wäre also nur 2.800 Jahre alt.

Anderer Fundort?

Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung München und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität, sowie Rüdiger Krause, Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas an der Goethe-Universität Frankfurt/Main behaupteten in einem Aufsatz, dass der Hortfund keinen "geschlossenen Fund" darstelle, die Himmelsscheibe möglicherweise gar nicht vom ermittelten Fundort stamme und somit als Einzelfund ohne Kontext in die Eisenzeit (ca. 800 bis 50 v. Chr.) zu datieren sei.

Das wollte eine 13-köpfige Forschungsgruppe nicht ungeprüft stehen lassen: In der vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) herausgegebenen Fachzeitschrift Archaeologia Austriaca argumentieren die Studienautoren, dass Gebhard und Krause mit unvollständigen und teilweise falschen oder verfälschend wiedergegebenen Daten argumentieren.

Was sie entdeckt haben, erfahren Sie hier:

Frühe Sterngucker

Im Sommer 1999 fanden zwei Raubgräber auf dem Mittelberg bei Nebra in Deutschland einen Hort aus der frühen Bronzezeit (ca. 1600 v. Chr.), bestehend aus der Himmelsscheibe von Nebra, zwei Schwertern, zwei Beilen, zwei Armspiralen und einem Meißel.

2002 wurde der Fund bei einer fingierten Verkaufsaktion in der Schweiz sichergestellt. Die fast kreisrunde Scheibe besteht aus Bronze, hat einen Durchmesser von 32 cm und ist das älteste Zeugnis einer Himmelsbeobachtung der Menschheit. 2013 wurde sie ins Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen.

 

Um ganz sicher zu sein, haben die Forscher die Sedimente vom Fundort, Mittelberg bei Nebra, mit den Erdpartikel auf der Himmelsscheibe abgeglichen. Sie sind ident. Auch eine erhöhte Gold- und Kupferkonzentrationen im Sediment an der Fundstelle lasse sich durch die lange Lagerung der Himmelsscheibe erklären.

Um zu belegen, dass die Fundstücke – Himmelsscheibe und Beifunde – sehr wohl zusammengehören, haben die Forscher auch die metallurgischen Befunde nochmals überprüft:

Bereits 2003 hatte der österreichische Archäo-Metallurge Ernst Pernicka die Metalle analysiert und festgestellt, dass das Kupfererz aus der Region Mitterberg bei Bischofshofen kam. Fachleute waren nicht überrascht, lag doch eines der Zentren der Kupfergewinnung der Bronzezeit in den österreichischen Ostalpen.

Spurenelemente und Bleiisotopenverhältnisse zeigen außerdem, dass das Kupfer für den gesamten Fund aus derselben Lagerstätte stammt. Und dass die Produktion dort mit dem 9. Jahrhundert v. Chr. endete –  ein Jahrhundert vor dem Beginn der Eisenzeit.

Nichts dran

Nachdem auch noch organische Reste an einem der Schwerter in die Zeit um 1600 v. Chr. datiert wurden, argumentiert das Forscherteam, dass die These von Gebhard und Krause in sich zusammenfalle.

Es bestehe kein Zweifel daran, dass die Himmelsscheibe von Nebra längere Zeit in Gebrauch war, was sich aus mehreren Umgestaltungsphasen ableiten lässt. Am Ende der frühen Bronzezeit wurde sie dann aber mit den Beifunden dem Boden anvertraut.

Und zu Beginn der Eisenzeit war sie somit längst als Altmetall begraben.

Aunjetitzer Kultur

Harald Meller ist ein deutscher Archäologe, als Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt Hüter der Himmelscheibe und nimmt uns mit auf einen Ausflug in die Bronzezeit: „Sie müssen sich vorstellen, wir sind in der Zeit zwischen 2000 und 1600 vor Christus. Der kulturelle Mittelpunkt war damals nicht Österreich und auch nicht Ungarn oder Bayern, sondern Mitteldeutschland.“

Die Menschen dort bildeten eine Kulturgruppe, die man nach einem böhmischen  Gräberfeld Aunjetitzer Kultur nennt. Sie siedelten von Schlesien über Halle und Gothar bis nach Böhmen und Niederösterreich hinein. „Das Besondere an ihnen:  Sie lebten in einer  extrem hierarchischen Gesellschaft, an deren Spitze reiche, mächtige Gottkönige standen, die in Hügelgräbern und mit goldenen Waffen bestattet wurden, wie sie sonst nur ägyptische Pharaonen hatten.“

Wie aufwendig der Monumentalhügel von Dieskau nordwestlich von Leipzig ausgestattet gewesen sein muss, haben Grabungen und Analysen  von deutschen Forscher  gezeigt. Und das, obwohl der Grabhügel von Bauern  ab 1844 in 40 Jahren Arbeit komplett abgebaut worden war. „1874 erreichten sie die Grabkammer“, weiß Meller. Eine oder mehrere Kammern bargen einen kiloschweren Goldschatz, von dem ein Teil eingeschmolzen, ein anderer, vier Armringe und ein Beil, an die Staatlichen Museen Berlin verkauft wurde; ein Teil ging an einen  Leipziger Juwelier und ist heute  verschollen.

Spuren im Boden zeigten vor einigen Jahren, dass der Grabhügel weiß gekalkt war, also weithin sichtbar gewesen sein muss. Auch lässt der schichtweise Aufbau der Anlage darauf schließen, dass hier mehrere Fürsten bestattet worden waren. Es dürfte sich also um das mehrfach erweiterte Grab einer Dynastie handeln. Neue Luftbilduntersuchungen offenbaren, dass auch weitere Angehörige der Elite ihre Gräber im Umfeld anlegten.

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