Der Beinahe-Blindgänger ist nicht vom Aussterben bedroht.

© Getty Images/iStockphoto/juefraphoto/iStockphoto

Wissen Wissenschaft
01/13/2020

Baumeister unter Tage: Der Maulwurf ist "Wildtier des Jahres"

Er gräbt sich mit bis zu sieben Metern pro Stunde durch das Erdreich. Was Sie noch über den kuriosen Erdwerfer wissen sollten.

von Hedwig Derka

Üblicherweise graben sie ihre Rennstrecken knapp unter der Oberfläche und drücken lockere Erde an den Tunnelwänden fest. Im Winter, vor allem bei Frost, müssen sie diese Bauarbeiten in untere Bodenschichten jenseits die 50 cm-Grenze verlegen oder – entgegengesetzt – Richtung Grasnarbe. Für die tiefen, schrägen Jagdgänge schaufeln sie den Aushub zu jeder Zeit zu Hügeln auf.

Der Europäische Maulwurf hat immer Saison. Er buddelt täglich bis zu 15 Stunden. Einen Tag-Nacht-Rhythmus kennt der Beinahe-Blindgänger genauso wenig wie den Winterschlaf. Für heuer wurde der nimmersatte Insektenfresser zum "Wildtier des Jahres" gewählt.

Bewusstsein schaffen

 

"Der Maulwurf ist nicht bedroht. Jeder kann zumindest seine Spuren sehen. Über ihn selbst und über seinen Lebensraum ist aber wenig bekannt", begründet Dagmar Breschar vom Naturschutzbund Österreich die Ernennung des "Erdwerfers". Die Organisation stellt alljährlich in verschiedenen Kategorien eine Art in den Vordergrund, um mehr Bewusstsein für die Umwelt zu schaffen.

Gewichtheber und Vielfraß

"Der Maulwurf ist ein Wahnsinn. Er kann gewaltige Erdmassen bewegen. Er räumt Hindernisse aus dem Weg, die bis zum 32-fachen seines Körpergewichts wiegen", weiß Breschar. Um bei Kräften zu bleiben, sucht der Single aus Überzeugung seine Jagdgänge im Vier-Stundentakt u. a. nach Asseln, Käfern und Tausendfüßern ab. Ein hoher Anteil an roten Blutkörperchen lässt ihn dabei mit wenig Sauerstoff auskommen. Für karge Tage legt er Futtervorräte an: Er beißt Regenwürmern die vorderen Körpersegmete ab; Frischfleisch ohne Fluchtgefahr. Der Vielfraß, der Wurzeln und andere pflanzliche Nahrung verschmäht, vertilgt so pro Jahr ca. 30 Kilo tierisches Eiweiß.

Den Mensch zum Feind

"Das Fell des Maulwurfs hat keine ,Streichelrichtung‘. Damit kann er sich problemlos vor- und rückwärts bewegen", erklärt Breschar eine weitere Besonderheit des Pelzträgers, der vor hundert Jahren noch zu Wintermode verarbeitet wurde. Heute ist das Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund per Gesetz verboten. Der Mensch – allen voran Gärtner, Landwirte und Betonierer – ist aber nach wie vor sein gefährlichster Gegner. Die Vertreibung aus dem grünen Paradies, die Zersiedelung und Versiegelung setzen Talpa europaea – so der wissenschaftliche Name – zu. Auch das Massensterben der Insekten könnte den Unterweltler, der sich auf Ohren, Geruchssinn und Tasthilfen an Schnauze und Schwanz verlässt, einmal bedrohen. Zu seinen natürlichen Feinden zählen übrigens Bussard, Fuchs und Wildschwein. "Hauskatzen, die einmal einen Maulwurf gefressen haben, wollen ihn nicht mehr. Er schmeckt offenbar nicht so gut", sagt Breschar.

Nützlicher Hilfsgärtner

"Der Maulwurf ist ein sehr nützliches Tier", wirbt Sophie Jäger-Katzmann von Die Umweltberatung für den Bodendurchlüfter und -mischer, der noch dazu unerwünschte Insekten wie Drahtwürmer, Erdraupen, Engerlinge und Schnecke unter Beeten und Wiesen dezimiert. Wer den Hilfsgärtner trotzdem los werden will, hat es schwer; am ehesten wirkt eine Kombination aus Lärm- und Geruchsbelästigung. Jäger-Katzmann: "Eine hundertprozentige Methode gibt es nicht."

  • 34 Arten gibt es neben dem Europäischen Maulwurf. Dieser kommt von Großbritannien bis Sibirien vor.
  • 120 Gramm auf bis zu 17 cm: So passt Talpa europaea durch seine 2 Finger schmalen quer-ovalen Gänge.
  • 6 Jahre Höchstalter erreichen die Beutetiere selten. Mehr als 2/3 einer Population sind maximal 1 Jahr alt.
  • 67 Meter legt der Läufer in der Minute unterirdisch zurück. Als Tunnel-Bauer schafft er bis zu 7 Meter pro Stunde.
  •  5 kräftig bekrallte Finger plus ein sichelförmiger Knochen an jeder Schaufelhand sind ideales Grabwerkzeug.
  • 9 Junge maximal bringt ein Weibchen pro Jahr zur Welt. Die Eltern treffen einander nur zur Paarung im Frühling.