Knapp 3.500 Jahre alt: Buchstaben auf einer zypriotischen Schale

© ÖAW

Wissen Wissenschaft
04/15/2021

Aus diesen Zeichen entstand unser Alphabet

Österreichische Archäologen entdeckten in Israel eine Scherbe mit uralten Buchstaben - der früheste Beleg für den Vorläufer unseres Alphabets.

von Susanne Mauthner-Weber

Vorsichtig holt Lyndelle Webster die knapp vier Zentimeter große Scherbe in einem monumentalen Gebäude in Tel Lachisch aus dem Boden. Die Doktorandin vermutete gleich, dass ihr hier etwas Besonderes in die Hände gefallen ist. Später werden die Archäologen feststellen, dass es sich um eine importierte zypriotische Schale handelt. Getöpfert in der Spätbronzezeit. Als der Epigrafiker einen Blick darauf wirft, ist rasch klar, dass die Zeichen – mit dunkler Tinte auf die Innenseite geschrieben – nichts anderes als Buchstaben sind. „Aus diesen Zeichen ist unser Alphabet hervorgegangen.“ Felix Höflmayer ist sich sicher.

Bedeutender Fundort

Der Wissenschafter vom  Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) leitet die Grabung in Israel, bei der das Missing Link der Alphabet-Forschung, wie es die Forscher nennen, 2018 zum Vorschein kam. Der bedeutende Fundort liegt etwa 40 Kilometer südwestlich von Jerusalem und wird seit 2017 von den Österreichern erforscht.

„Dank präziser C14-Daten konnte die Scherbe auf 1450 v. Chr. datiert werden.“ Über die Altersbestimmung „fährt die Eisenbahn drüber“, wie Höflmayer sagt, denn das war das eigentliche Ziel des Projekts: Herausfinden, wann genau die Auseinandersetzungen zwischen Ägyptern und Hyksos stattfanden. „Mit naturwissenschaftlichen Methoden, C14“, betont der Archäologe und erzählt: „Um 1550 v. Chr., das weiß man, gibt es weitreichende Zerstörungshorizonte in der Südlevante, im heutigen Israel/Palästina. Diese Zerstörungshorizonte wurden immer den Ägyptern zugeschrieben. Denn ein paar Jahrhunderte zuvor sind die Hyksos, eine westasiatische Herrscherdynastie, in Nordägypten eingefallen.“

Spur der Zerstörung

Später vertrieben die Ägypter die Fremdherrscher, verfolgten sie bis in die Levante und hinterließen eine Spur der Zerstörung. Höflmayer: „Zumindest folgerten das Archäologen bisher. Jetzt wird das ganze historische Narrativ auf den Kopf gestellt. Die Zerstörungshorizonte könnten nämlich älter als die Vertreibung der Hyksos aus Ägypten sein.“ Die aus dem Jahr 1450 v. Chr. stammende Scherbe zeige, „dass die Verbreitung des Alphabets jedenfalls deutlich früher anzusetzen ist. Und, dass die Ausbreitung des Alphabets aus dem Kontext der ägyptischen Vorherrschaft gelöst werden muss. Denn: Diese hat sich erst später entwickelt.“

Die Geschichte des Alphabets begann im Alten Ägypten mehr als ein Jahrtausend nach den Anfängen der Schrift. Nach derzeitigem Wissensstand stammen die Ursprünge unseres Alphabets von  Kanaanitern aus Westasien, die für die Alten Ägypter auf der Halbinsel Sinai Kupfer oder Türkis abbauten.

Umgeben von Inschriften in ägyptischen Hieroglyphen begannen diese Bergleute, die Hunderten bildhaften Hieroglyphen in ihre Sprache zu übersetzen. Dann verknüpften sie den ersten Laut jedes Worts mit dem entsprechenden Bild. Heraus kamen etwas mehr als 20 Zeichen – der Ursprung unseres Alphabets. „Letztlich schreiben wir nichts anderes als abgewandelte Hieroglyphen, das Konzept ist nach wie vor das gleiche“, sagt Höflmayer.

Erst 500 bis 600 Jahre später tauchte diese frühalphabetische Schrift in der Levante auf.

Österreichische Archäologen haben nun aber in Israel mit der auf 1450 v. Chr. datierten, beschrifteten Keramik einen viel früheren Beleg dieser Schrift in der Region und damit ein „Missing Link“ für die Alphabet-Verbreitung entdeckt.

So oder so stellte das Alphabet eine Revolution innerhalb der Entwicklung der Schrift dar: Mit seiner Entstehung erwuchs ein System, das – anders als die ägyptischen Hieroglyphen – mit vergleichsweise wenigen Zeichen die Fülle eines sprachlichen Wortschatzes wiedergeben konnte. Bisher fehlten allerdings Belege für die Zeit seiner Entstehung und Verbreitung. Der österreichische Fund ändert das.

Wobei die genaue Bedeutung der Inschrift unbekannt ist. Das erste Zeichen könnte Sklave oder Diener bedeuten, das zweite Honig oder Nektar. Sicher könne man aber nicht sein, sagt Höflmayer: „Das Problem mit allen frühalphabetischen Inschriften ist, dass meist nur sehr wenige Zeichen erhalten sind. Nur manchmal kann man einzelne Worte rekonstruieren.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.