Wissen
09.08.2018

Wiener Forscher entschlüsseln Herkunft von Feuersteinen

Neue Methoden ermöglichten die Identifikation der Steine, aus deinem norwegischen Schiffswrack.

30 Steine - bis zu 40 Zentimeter dick - wurden von einem norwegischen Schiffswrack geborgen und befinden sich seitdem im Schifffahrtsmuseum in Oslo. Das Schiff war um 1500 nahe der Stadt Kristiansand gesunken. Man weiß zwar wofür diese Steine verwendet wurden: sie dienten als Ballast, um das Schiff auf Fahrten durch die turbulente Nordsee zu stabilisieren. Unklar war aber, woher sie stammen. Es wurde angenommen, dass sie ursprünglich aus Dänemark kommen, beweisen konnte man das allerdings nicht – bis heute. Eine neue Analysetechnik konnte den Herkunftsort nun punktgenau zurückverfolgen: zur Vigsø-Bucht an der Küste Jütlands im Norden Dänemarks.

„Wir untersuchen bei solchen Studien unsere Wurzeln. Durch die Rekonstruktion von Handelswegen lernen wir viel über Verhaltensregeln der Menschen.“ So beschreibt Michael Brandl vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie die Bedeutung der Funde. Brandl war Teil eines internationalen Forscherteams, das nun das Rätsel um die Feuersteine lösen konnte. Geleitet wurde die Studie von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht.

Eigene Forschungsmethode in Wien entwickelt

Die Forschungsmethode dafür wurde eigens für diese Studie entwickelt - im Wiener Labor. Sie nennt sich "Multi Layered Chert Sourcing Approach“ und verbindet makroskopische, mikroskopische und geochemische Analyse. Damit geht die Untersuchung viel weiter in die Tiefe als bisherige Methoden. Bisher wurden die Steine angeschaut und aufgrund ihres Aussehens in Gruppen unterteilt, um zu erfahren woher sie stammen. Diese Herangehensweise wurde nun durch eine mikroskopische Untersuchung ergänzt. Damit wurden die eingeschlossenen Fossilien bestimmt und so weitere Unterschiede zwischen den Steinen festgemacht.

Die Fossilien zeigen an, wie alt die Steine sind und woher sie stammen. So konnte die Gruppe immer weiter eingeschränkt werden. Anschließend wurden Gesteinsproben in Dänemark und Norddeutschland untersucht und mit den Ballaststeinen verglichen. Auf diese Weise konnten die Forscher geologische Lagerstätten in Nordeuropa ausfindig machen. Bei der geochemischen Analyse untersuchte man zusätzlich Spurenelemente in den Feuersteinen. Alle Ergebnisse zusammen ergaben einen sogenannten geochemischen "Fingerprint“, durch welchen die Herkunft präzise bestimmt werden konnte.

Brandl sieht großes Potenzial in der neuen Forschungsmethode. Sie soll auch dabei helfen, Steinfunde genauer voneinander zu unterscheiden. Das war bis jetzt besonders in der Gruppe der Silikatgesteine – zu denen Feuersteine gehören -  schwierig. Diese weist große Ähnlichkeiten auf.

"Feuersteine zählen zu den wichtigsten Ressourcen der Menschheitsgeschichte.“

In Nordeuropa dienten Feuersteine seit der Wikingerzeit häufig als Ballast auf Schiffen. Ihre Verwendung lässt dich jedoch viel weiter in die Vergangenheit zurückverfolgen. Schon  der Homo erectus vor 700.000 Jahren verwendete diesen Stein um Werkzeuge herzustellen. Die Popularität des Materials riss bis in das 18. Jahrhundert nicht ab, als es häufig in Gewehre eingebaut wurde. Sie sind also durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch präsent.

Laut Brandl liefert diese Studie weit mehr Information als eine reine Herkunftsbestimmung. Sie zeigt, dass Norwegen und Dänemark in regem Kontakt standen. So können die Forscher mittelalterliche Austausch- und Migrationsrouten besser nachvollziehen. Auch in der aktuellen Studie des Institut für Orientalische und Europäische Archäologie geht es um die Bewegung des Menschen und seine Handelsbeziehungen. Diesmal konzentrieren sich die Forscher auf die Neolithisierung - also die Ankunft der ersten Ackerbauern -  im Balkanraum. Die Wissenschaftler schauen diesmal noch weiter in die Vergangenheit zurück um das ökonomische Verhalten und Denken der Menschen zu untersuchen.