Wissen
23.10.2018

Wien, im Oktober 1918: In der toten Stadt

Eiskalte Wohnungen, Hungersnot, abgemagerte Kinder – und zu allem Überdruss auch noch die Spanische Grippe.

Genau vor hundert Jahren, Ende Oktober 1918, wird es in der alten Kaiserstadt richtig eng: Selbst die Betuchten müssen in ihren Villen in Hietzing und Döbling näher aneinander rücken. „Es gibt keine Kohlen mehr“, sagt der Historiker Edgard Haider. „Daher kann nur mehr ein einziges Zimmer geheizt werden.“ In seinem Buch „Wien 1918“ beleuchtet Haider facettenreich den Alltag der notleidenden Wiener Bevölkerung im letzten Kriegsjahr.

Schon seit April 1915 sind die Grundnahrungsmittel streng rationiert. Auch wenige Tage vor Kriegsende stehen die Menschen bereits Stunden vor Öffnung der Markthallen Wiens um 7 Uhr an. Zeitgenossen beklagen, dass das Brot zerfällt, weil es zu 70 Prozent aus Mais besteht. Das gedörrte Gemüse wird durch stundenlanges Kochen nicht weich, es wird im Volksmund „Stacheldraht“ genannt.

Selbst im Rathauskeller gibt es statt der beliebten Würstel mit Saft gekochten Kukuruz im Saft. Und die Kaffeehäuser dürfen keine Melange mehr servieren. „Weil die Milch für die Kinder benötigt wird“, erläutert Haider.

„Stacheldraht“ im Mund

Die Kinder leiden am meisten. Viele sind lebensbedrohlich unterernährt. Den Historiker haben die Schwarz-Weiß-Fotos von damals schockiert: „Sie zeigen bis auf die Knochen abgemagerte kleine Körper. Das sind Bilder wie wir sie sonst nur vom Äquator kennen.“

In den hoffnungslos überbelegten und großflächig verwanzten Gründerzeit-Wohnungen innerhalb und vor allem außerhalb des Gürtels herrschen darüber hinaus katastrophale hygienische Zustände. Die größten Feinde im Körper der Armen: TBC und Rachitis.

Viele Kinder betteln, stehlen, andere stellen ihre dürren Körper perversen Männern zur Verfügung. Die Schulen haben zwar im September wieder geöffnet, doch es gibt keine Schulbücher.

Einsame alte Menschen verhungern wiederum unbeachtet in ihren Wohnungen. Im Oktober bricht zu allem Überdruss in der Stadt die Spanische Grippe aus, Tausende Menschen infizieren sich und sterben binnen weniger Tage. Schulen, Theater, Kinos und andere Vergnügungsstätten müssen daher geschlossen werden.

Keine schöne Leich’

Wien ist spätestens zu diesem Zeitpunkt eine tote Stadt“, erklärt Edgard Haider. Auch die „schöne Leich“ kann nicht mehr lustvoll zelebriert werden. Zu Allerheiligen fahren dann nur wenige Straßenbahnen hinaus zu den Friedhöfen. Viele Garnituren sind aufgrund der andauernden Beanspruchung und der eingeschränkten Reparaturmöglichkeiten während des Kriegs desolat, die anderen bewegen sich nur mit Ach und Krach durch die Stadt, Fahrer und Schaffner sind ebenso mehr krank als fahrbereit.

Die Friedhöfe schließen zu Allerheiligen bereits bei Einbruch der Dunkelheit. Die Wiener Bevölkerung wird gebeten, den Friedhofsbesuch „auf einen geeigneteren Zeitpunkt zu verschieben“. Zehn Tage später bereits die nächsten Hiobsbotschaften: Der Kaiser dankt an diesem Tag ab, fast zeitgleich stirbt der schwer herzkranke Arzt Viktor Adler, die Vaterfigur der Wiener Arbeiterschaft. Die Geburt der Ersten Republik am 12. November gestaltet sich somit für viele mehr als Trauer- denn als Freudentag. Immerhin wird der Plan, alle Türbeschläge in Wien abzumontieren und das Metall der Armee zur Verfügung zu stellen, nicht mehr in die Tat umgesetzt. Der Krieg ist aus!

„Den Menschen ist wahrlich nicht zum Feiern zumute“, so Historiker Haider. Auch nicht bei privaten Geburtstagen, Firmungen, Hochzeiten und an christlichen Feiertagen. Im Advent 1918 gibt es in Wien kaum Adventkränze und Christbäume.

Dafür werden die Theater, Operettentheater und Kinos gestürmt. Edgard Haider spricht von einer „regelrechten Vergnügungspsychose“, die er so erklärt: „Die Leute wollen ihren kalten Wohnungen entfliehen.“ Wenig zu Schreiben haben die Journalisten. Themen gäbe es genug, aber kaum Papier. Profitiert vom Wiener Elend haben hingegen die Bauern im Umland der Stadt. Für Erdäpfel und Eier erwerben sie im Tauschhandel Federboa, Stöckelschuhe, Schmuck und das eine oder andere Klavier. Und nicht anders als später im Zweiten Weltkrieg oder in anderen Kriegen handeln und hanteln sich zwielichtige Typen von ganz unten in die High Society – mit dubiosen Geschäften als Zwischen- und Schwarzhändler.

„Keine Ehrenbezeugung“

Das k. und k. Protokoll geht auf die Nöte der Bevölkerung und das wenig ruhmreiche Ende einer mehr als 600 Jahre alten Herrscherdynastie nicht weiter ein. Noch wenige Tage vor Kriegsende wird ein Dekret für die Armee erlassen, wonach „den nicht ebenbürtig verheirateten Erzherzöginnen keine Ehrenbezeugung zu leisten“ sei. Der Auszug von Kaiser Karl aus Schloss Schönbrunn wird abgehandelt, als würde er in die Sommerfrische nach Bad Ischl fahren. Minutiös wird notiert, wer in den insgesamt sieben Automobilen wo Platz nimmt.

Zu Weihnachten 1918 erscheint in den Wiener Zeitungen so etwas wie ein erster kleiner Hoffnungsschimmer. Es ist zu lesen, dass die Amerikaner den hungerleidenden Kindern in Wien in Kürze helfen wollen.

Nur wenige Wochen später wird der erste Fußballmeister der Ersten Republik gekürt: Rapid Wien holt sich den Titel. Auf den Plätzen landen die Admira aus Floridsdorf, der SC Donaustadt, die Hakoah Wien sowie der Nussdorfer AC.

Das Buch zum Thema

Wien 1918. Agonie der Kaiserstadt,  Böhlau-Verlag, 418 Seiten, 29,90 Euro.

Der Autor

Edgard Haider, Jahrgang 1949, ist Historiker und hat mehrere historische Bücher verfasst. In seinen Chroniken stützt er sich in erster Linie auf  Zeitungsberichte sowie auf lebensgeschichtliche Erinnerungen von prominenten österreichischen Zeitzeugen.

Seine Vorträge

Edgard Haider, der bis zu seiner Pensionierung für den Aktuellen Dienst des ORF gearbeitet hat, ist heute auch als Volksbildner aktiv. Er referiert und liest

am 6. 11. ab 18 Uhr in der VHS Donaustadt,

am 12. 11 ab 19.30 Uhr im Café Museum,

am 22. 11. ab 19 Uhr im Bezirksmuseum Hietzing sowie

am 4. 12. ab 14 Uhr in Eisenstadt.