Die hydraulische Förderung von Gas ist aus vielen Gründen umstritten.

© REUTERS/ANDREW CULLEN

Gasförderung
10/17/2015

Wie sich Fracking auf die Gesundheit auswirkt

Neue Studien belegen u.a. den Zusammenhang zwischen der Gasförder-Methode und einer Risikoschwangerschaft.

Wasserhähne, aus denen Flammen schlagen, sind in den USA zu einem Symbol für die potenziellen Bedrohungen des Frackings geworden. Als 2010 die Dokumentation "Gasland" die schaurigen Bilder in die US-Kinos brachte, kam es zu heftigen Protesten – die Angst vor Gefahren durch die hydraulische Förderung von Erdgas war groß.

Die Industrie hielt erwartungsgemäß dagegen. Fundierte Daten gab es damals kaum. Das hat sich geändert. Mehrere Studien widmeten sich dem Thema Fracking. Den Ergebnissen zufolge steht die Methode der Rohstoff-Gewinnung in Zusammenhang mit einem erhöhten Aufkommen von Erderschütterungen und -beben und einer schädlichen Beeinflussung des Klimas. Jüngste Studien aus den USA belegen nun auch gesundheitliche Gefahren. Aktuell wiesen Forscher nach, dass werdende Mütter, die in der Nähe von Fracking-Bohrstellen leben, ein deutlich erhöhtes Risiko für komplizierte Schwangerschaften und auch für Frühgeburten haben. Das schreiben Brian Schwartz von der renommierten Johns Hopkins Universität in Baltimore im Fachblatt Epidemiology.

Schwangerschaft

Die Wissenschaftler warfen einen Blick auf die Gesundheitsdaten von fast 9400 Frauen, die von Jänner 2009 bis Jänner 2013 vor allem im Norden Pennsylvanias, dem US-Bundesstaat mit den meisten Bohrstellen, Babys bekamen. Ergebnis: Die Schwangeren, die nahe an besonders großen Bohrstellen lebten, hatten im Vergleich zu Frauen in entfernteren Regionen eine um 40 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit für Frühgeburten. Auch eine Risikoschwangerschaft war um fast ein Drittel wahrscheinlicher.

Umweltfaktoren

"Wir wissen nicht genau, auf welche Weise die Gasförderung mit den Frühgeburten zusammenhängt, aber ein Zusammenhang ist eindeutig da", erläutert Schwartz. Vor allem Umweltfaktoren durch das hohe Verkehrsaufkommen könnten dafür die Ursache sein, schätzen die Forscher.

Zum Vergleich: 2006 gab es in Pennsylvania weniger als 100 Fracking-Bohrstellen, heute sind es mehr als 8000. Das Erschließen einer Bohrstelle ist extrem aufwendig, großes Diesel-betriebenes Gerät ist im Einsatz und zahlreiche Lastwägen rauschen über Straßen, die vor zehn Jahren noch fast autofrei waren. "Ist es die Luftqualität? Ist es der Stress? Dies sind nach unserer Einschätzung vermutlich die beiden Hauptverantwortlichen", glaubt Schwartz. Weitere Untersuchungen sollen folgen.

Geburtsgewicht

Zusammenhänge zwischen Fracking-Regionen und dem verlangsamten Wachstum ungeborener Babys beschrieb im Sommer auch eine Studie von Forschern der Universität Pittsburgh im Fachblatt Plos one. Sie verglichen Daten von fast 15.000 neugeborenen Kindern aus verschiedenen Bezirken in Pennsylvania: Auch hier war das Risiko für sehr geringes Geburtsgewicht nahe an großen Förderstellen um ein Drittel höher als zehn Meilen (etwa 16 Kilometer) von den Bohrlöchern entfernt.

Herzprobleme

Forscher der Universität von Pennsylvania veröffentlichten im Juli ebenfalls in Plos one Zahlen, wonach erwachsene Anrainer von 2007 bis 2011 deutlich öfter mit Herzproblemen ins Krankenhaus mussten als Menschen ohne Bohrloch in der Nachbarschaft. "Unsere Vermutung ist, dass die große Anzahl von Trucks einen gewaltigen Anstieg der Diesel-Abgase und Ozonwerte verursacht haben", sagt Studienleiter Reynold Panettieri.

Gas-Förderung

Beim Fracking, kurz für Hydraulic Fracturing, wird ein Gemisch aus Wasser, Chemikalien und Stützstoffen unter hohem Druck in das Gestein gepresst. Dadurch entstehen millimetergroße Risse, die sich in der gasführenden Schicht ausbreiten – das zuvor im Tongestein gebundene Schiefergas kann dann an die Oberfläche geleitet werden. Auch das mit Chemikalien versetzte Wasser wird durch das Bohrloch wieder hochgedrückt und muss entsorgt werden.

Trinkwasser

Viele Anrainer sorgen sich deshalb um die Trinkwasserqualität. Auch die strenge US-Umweltschutzbehörde EPA untersucht diesen neuralgischen Punkt seit Jahren und veröffentlichte im Sommer einen ersten Überblick zum Stand der Dinge: Demnach dürften Belastungen für das Trinkwasser nur dann drohen, wenn der Grundwasserspiegel sinkt, Lecks in den Bohrleitungen auftreten, direkt in Trinkwasser-Ressourcen hinein gebohrt wird oder sich die Gase und Flüssigkeiten im Erdreich ausbreiten.

"Wir haben keine Hinweise dafür gefunden, dass diese Mechanismen zu verbreiteten, systematischen Beeinflussungen der US-Trinkwasserressourcen geführt hätten", heißt es in dem Entwurf. Allerdings könne dies auch an einer mangelnden Datenbasis liegen, räumt die Behörde ein.

Forscher der Uni Yale haben nun untersucht, woher unter anderem Diesel-Spuren und andere organische Stoffe im Grundwasser Nord-Pennsylvanias über den Tongesteinvorkommen stammen. Nach aufwendigen Tests folgern die Forscher, dass die Verschmutzungen nicht aus der Tiefe kommen, sondern von der Oberfläche. Und von dort stammende Schadstoffe lassen sich jedoch leichter vom Grundwasser fernhalten, als solche, die aus der Tiefe kommen.

Österreich

Großbritannien setzt bereits auf die Gewinnung von Schiefergas mittels Fracking. In Deutschland gibt es seit April 2015 einen Gesetzesentwurf, der die umstrittene Gasförderung möglich machen soll. Die Koalitionspartner konnten sich noch nicht einigen. In Österreich ist Fracking nach heftigem Widerstand der Bevölkerung im Weinviertel, wo die größten Schiefergasvorkommen vermutet werden, faktisch untersagt. Die OMV hat das Thema 2012 ad acta gelegt. Der damalige Umweltminister hat zudem die Genehmigung von Probebohrungen derart verschärft, dass die Zulassung so gut wie ausgeschlossen ist. Denn auch für die Tests ist eine Umweltverträglichkeitsprüfung zwingend vorgeschrieben. Und diese würde wohl wegen des Bürgerwiderstands nicht pro Fracking ausgehen.

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