Wissen
05.11.2018

Wie Boltzmann-Präsident Josef Pröll die Forschung fördern will

In der Forschung habe Österreich Luft nach oben, sagt Josef Pröll. Ein Ansatz: Crowdsourcing.

KURIER: Herr Pröll, man kennt Sie als Ex-Politiker, Vizekanzler und Finanzminister, aber nur wenige kennen Sie als Präsident der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG). Das sagt einiges über den Stellenwert der Forschung im Land aus.
Josef Pröll:
Die Forschung ist im öffentlichen Leben Österreichs unterrepräsentiert, das hat mich schon als Politiker gestört. Es gibt sehr wenige Forscherinnen und Forscher, die man auf der Straße erkennt, oder deren Ergebnisse zu großartigen Bewertungen geführt hätten. Da will ich einen Beitrag leisten: Forscherinnen und Forscher vor den Vorhang und Forschung als Faszination in die Schulen bringen, Forscherkarrieren fördern und Werbung für die Spitzenforschung in Österreich machen, die wir auch in den Instituten der Ludwig Boltzmann Gesellschaft haben. Wir sind mit über 500 Forscherinnen und Forschern ein wichtiger Faktor in der Forschung Österreichs, sehr breit aufgestellt, und haben sehr moderne Ansätze für die Zukunft vor. Meine Funktion als Präsident erfüllt mich mit Leidenschaft, aber es ist nicht meine Aufgabe, in den Vordergrund zu drängen.

Diese Funktion bringt es aber mit sich, prominent und laut vorne zu stehen, um Forderungen zu deponieren. Dass wir Spitzenforschung vorantreiben wollen, hören wir ja seit Jahren.
Ich versuche täglich mit meinem Vorstandsteam, die Geldmittel für diese Spitzenforschung zur Verfügung zu stellen, Forscherinnen und Forscher zu strukturieren und motivieren, die Kontakte zu den Universitäten zu pflegen – sprich mein Netzwerk einzusetzen, das stimmt. Natürlich ist die Bundesregierung angehalten, die Geldmittel und die Infrastruktur aufzustellen und Forschung voranzutreiben. Aber wir haben in der Ludwig Boltzmann Gesellschaft auch begonnen, ganz neue Wege und Ansätze zu denken und umzusetzen.

Einer dieser Wege ist das Crowdsourcing. Können Sie das einfach erklären?
Ja: Meistens setzen sich Forscherinnen und Forscher Ziele und stellen Fragen, dann beginnen sie zu forschen, um Antworten zu finden. Beim Crowdsourcing ist unser Ansatz, über den Tellerrand zu schauen, weil es auch außerhalb unserer Einrichtungen kluge Menschen gibt. Also fragen wir die Öffentlichkeit, welche Fragen sie zu konkreten Forschungsthemen hat. Fragen, auf die unsere Forschungscommunity gar nicht gekommen wäre. Wir verdichten die dann zu einem Fragenkomplex, an dem geforscht werden soll. Was einfach klingt, ist ein Prozess, den man aufsetzen muss, das haben wir jetzt schon länger sehr erfolgreich getan.

Meinen Sie mit „Öffentlichkeit“ alle Menschen? Oder wendet sich Crowdsourcing an  Menschen aus bestimmten, forschungsähnlichen Berufen?
Je nach Forschungsthema ist der Kreis voll offen, möglicherweise auch international, oder bezieht nur Gruppen ein. Man kann das immer neu gestalten, aber der Punkt ist, aus dem Elfenbeinturm der eigenen Forschung zu gehen und zu fragen, was Menschen drückt. Jetzt gerade haben wir ein Crowdsourcing  über Unfallverletzungen gemacht: Es gibt 800.000 Unfallverletzungen pro Jahr in Österreich, das ist nicht nur persönliches Leid, sondern auch eine volkswirtschaftliche Herausforderung. Es gibt da Mitarbeiter im Heilungsbereich wie Physiotherapeuten, natürlich Mediziner und Ärzte, aber vor allem Betroffene, die Patienten. Wir haben im Crowdsourcing-Prozess 800 Fragen gesammelt,  die beforscht werden sollen – mehr als die Hälfte davon kamen von Betroffenen. Es ist wirklich überraschend, dass zu vielen der Fragen, die da gekommen sind, noch gar nicht oder kaum geforscht wurde.

Aber ehrlich: Erwischt man mit solchen Projekten auch die breite Bevölkerung, besonders die bildungsfernen Schichten?
Das ist absolut möglich, und wir haben das auch schon erlebt: Thema waren psychische Erkrankungen, wir bekamen 400 relevante Beiträge, damals 40 Prozent von Betroffenen, also Angehörige und Patienten. Übrigens auch 25 Prozent von Pflegepersonal – das wird oft völlig unterschätzt und leider fast nie befragt. Jedenfalls kam gerade von Betroffenen eine Fragestellung, die wir alle nicht auf dem Tisch hatten: Wie gehen wir mit Kindern psychisch kranker Eltern um? Wir haben mittlerweile dazu eine Forschungsgruppe in Innsbruck und Krems eingerichtet. Nach vier Jahren gibt es Ergebnisse. Ohne den Crowdsourcing-Prozess wären wir nicht auf diese Fragestellung gekommen. Wir waren übrigens damals in Europa die ersten mit so einer Open Innovation Strategie  und sehr stolz, dass  alle der 400 eingebrachten Beiträge analysefähig waren.

Wo stuft der Ludwig-Boltzmann-Präsident denn die österreichische Forschung ein?
Wir halten sicher mit der europäischen Spitze mit, aber es gibt eindeutig Luft nach oben. Wissenschaft und Forschung müssen sich positiv verändern. Wir brauchen mehr Vielfalt in den Themen und Klarheit in den Strukturen. Und wir brauchen ein Umdenken, wie man an Forschungsprojekte herangeht, denn Forschung muss beim Menschen ankommen.

Der Ex-Politiker als Forschungspräsident

Josef Pröll

Der Niederösterreicher (50) war ÖVP-Chef, Vizekanzler und Finanzminister (ab Ende 2008). Im  April 2011 legte er nach einer Lungenembolie alle politischen Ämter nieder. Kurz darauf wurde Pröll Vorstand der Raiffeisen-Holdinggesellschaft Leipnik-Lundenburger.

Ludwig Boltzmann Gesellschaft

2012 wurde Pröll Präsident der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG), unter der die 19 Ludwig-Boltzmann-Institute versammelt sind. Sie treibt außeruniversitäre Forschung voran, 2014 startete die LBG eine „Open Innovation in Science“-Initiative.