Umstritten: Addyi, die Lustpille für Frauen

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Studie
03/01/2016

Frauen-Viagra: wenig Nutzen, viele Nebenwirkungen

Addyi, das "rosa Viagra" für die Frau, macht schläfrigt statt Lust.

von Gabriele Kuhn

Ernüchterung im Schlafzimmer. Die Wirkung der seit rund einem halben Jahr in den USA erhältlichen Frauen-Lustpille Addyi ist einer neuen Studie zufolge gering, die Nebenwirkungen dagegen sind häufig. Die Einnahme der Pille resultierte durchschnittlich in nur einer befriedigenden sexuellen Erfahrung mehr innerhalb von zwei Monaten, berichteten jetzt europäische Forscher in „Jama Internal Medicine“. Stattdessen gibt es Nebenwirkungen: etwa einen deutlichen Anstieg von Schwindel, Schläfrigkeit, Übelkeit und Erschöpfung.

Die Wissenschaftler aus Belgien und den Niederlanden hatten Daten von fünf bereits veröffentlichten und drei unveröffentlichten Studien ausgewertet, an denen insgesamt 5.914 Frauen teilgenommen hatten. Es handelte sich damit um eine Metaanalyse, in der alte Daten zusammengefasst und noch einmal analysiert wurden, um keine neue klinische Studie. „Die Auswertung dieser Daten legt nahe, dass die von Flibanserin hervorgerufene Veränderung minimal ist“, heißt es in der Publikation. Flibanserin ist der in Addyi enthaltene Wirkstoff, der Botenstoffe im Gehirn beeinflussen und so bei Frauen den Wunsch nach Sex verstärken soll. Bevor die Pille Patientinnen also empfohlen werden könne, müsse es weitere Untersuchungen geben, forderten die Forscher. Außerdem müsse in Betracht gezogen werden, Addyi wie von einigen Wissenschaftlern und Ärzten vorgeschlagen nur als Teil einer Behandlung anzuwenden, die beispielsweise auch Psychotherapie umfasse.

Pink Viagra wirkt im Kopf

Anders als das Männer-Viagra wirkt das „Pink Viagra“ nicht auf den Körper, sondern aufpsychische Mechanismen- vergleichbar mit Mitteln gegen Depression. Die Tablette muss täglich eingenommen werden. Alkohol sollte über die gesamte Einnahmedauer nicht konsumiert werden, weil die Nebenwirkungen dadurch noch verstärkt werden. Addyi ist in den USA verschreibungspflichtig und nur nach Beratungsgesprächen bei geschulten Ärzten und Apothekern erhältlich. Der Preis liegt je nach Krankenkasse zwischen 30 und 75 Dollar (26 bis 66 Euro) pro Monat. Ob und wann ein Verkauf des umstrittenen Produkts auch Kontinentaleuropa angestrebt wird, ist nach Herstellerangaben noch unklar.

Übrigens: "Viagra für die Frau" war von Anfang an umstritten. Die Studie des Erasmus Medical Center in den Niederlanden bestätigt jetzt die Zweifler. Fazit der Wissenschaftler: Vor allem unter Berücksichtigung der Nebenwirkungen ist der Nutzen des Medikaments gering. Und viele Frauen berichteten von gar keiner Auswirkung auf ihre sexuelle Zufriedenheit.

Brauchen Frauen überhaupt eine Lustpille?

Mehr als 60.000 Menschen hatten eine Online-Petition für die Zulassung eines „Viagra für Frauen“ unterschrieben. Im Herbst vergangenen Jahres kam es zur Zulassung des "Pink Viagra" durch die FDA. Aber was ist Flibanserin überhaupt? Die Substanz ist ein experimenteller Arzneistoff – entwickelt vom deutschen Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, um die so genannte hypoaktive Sexualfunktionsstörung bei Frauen zu behandeln. Ursprünglich war es als Mittel gegen Depressionen gedacht, doch es zeigte sich – quasi als Nebeneffekt – dass jene Frauen, die an diversen Studien teilnahmen, von einem erhöhten sexuellen Interesse sowie von befriedigenderen sexuellen Erlebnissen berichteten.

Sexismusvorwurf

Bedenken gegen die Pille gab es und gibt es nach wie vor. Denn speziell in Kombination mit Alkohol und anderen Medikamenten käme es zu niedrigem Blutdruck und Ohnmachtsanfällen. Mehr noch: US-Medien, wie etwa Slate.com warfen der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA Sexismus vor. Feminstinnen meinen, dass die sexuelle Gesundheit von Männern als wichtiger erachtet werde. Die Pille wirkt übrigens nicht – so wie bei Männern – direkt „am“ Geschlechtsorgan, sondern setzt im Gehirn an. Deshalb zweifeln manche Sexualforscher am Sinn der Pille. Wie etwa die US-Autorin Emily Nagoski, die in ihrem neuen Buch „Komm wie du willst“ zum Thema „Viagra für Frauen“ meint, dass es viel wichtiger wäre, die Kontexte zu verbessern: „Äußere Umstände und die innere Verfassung wie Stress, Zuneigung, Selbstkritik und Abscheu. Dafür braucht man keine Pille.“

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