Wissen und Gesundheit
12.06.2017

Vierjähriger "ertrinkt" im Schlaf - was dahinter steckt

In den USA ist ein Vierjähriger eine Woche nach einem scheinbar harmlosen Badeunfall gestorben - der Grund: sekundäres Ertrinken.

Laut Medienberichten in den USA ist Frankie Delgado, ein vierjähriger Bub aus Texas, an den Folgen eines Schwimmunfalls gestorben – und zwar eine Woche nachdem es passierte. Ein Fall von sekundärem Ertrinken. Der kleine Bub wurde beim Spielen am Strand am Golf von Mexico von einer Welle erwischt, geschehen war ihm auf den ersten Blick nichts. "Wir haben uns nichts gedacht“, sagte Frankies Vater zum Nachrichtensender CNN. Er konnte nicht ahnen, dass sein Sohn dringend medizinisch betreut werden müsste. Am Tag danach begann der Vierjährige zu erbrechen und hatte Durchfall, knapp eine Woche klagte er über Schulterschmerzen, kurze Zeit später hörte er während des Schlafens auf, zu atmen. Das Kind wurde sofort ins Spital überstellt, wo es den Ärzten jedoch nicht gelang, sein Leben zu retten. Die Mediziner fanden Flüssigkeit in den Lungen des Vierjährigen und rund um sein Herz.

Ertrinken kann man auch außerhalb des Wassers

Es gibt mehrere Formen von Ertrinken außerhalb des Wassers: „Beim trockenen Ertrinken kommt es zu einer Verkrampfung des Kehlkopfs, einem sogenannten Kehlkopfspasmus“, erklärt Kinderarzt Prim. Peter Voitl. Das verhindere zwar das Einatmen von Flüssigkeiten, doch manchmal löst sich dieser Krampf nicht mehr – dann ersticken die Betroffenen. Das geschieht unmittelbar nach dem Ereignis.

Sekundäres Ertrinken gilt als Spätfolge eines Badeunfalls. Dabei gerät nicht so viel Wasser in die Lunge, dass es unmittelbar zum Erstickungstod kommt „Beim sekundären Ertrinken finden sich Wasseransammlungen in der Lunge und im Bauch, Wasser tritt aus dem Gewebe in die Lungenbläschen. In der Folge entstehen Entzündungsprozesse und schließlich kommt es zu einem Lungenversagen“, erläutert Voitl. Das sei gar kein so seltenes Phänomen, sondern die klassische Folge eines – auf den ersten Blick – Vorfalls, der scheinbar gut ausgegangen ist, warnt der Experte. Er macht auf diese spezielle Gefahr aufmerksam und appelliert: "Jedes Opfer eines Fast-Ertrinkens muss in der Folge unbedingt beobachtet, nachbetreut und geröngt werden."

Oft ist nämlich der Fall, dass ein Kind kurz im Wasser versinkt, rasch an die Oberfläche geholt wird und – auf den ersten Blick – nur der Schrecken bleibt. Doch auch nur die geringe Aufnahme von Flüssigkeit durch Einatmen (was auch bei Wasserrutschen der Fall sein kann) kann zeitversetzt zu Komplikationen führen – dem sogenannten ARDS-Syndrom, für „acute respiratory distress syndrome“. Das ist eine lebensgefährliche Schädigung der Lunge, die – zeitversetzt – zum Tod führen kann. Bei kleinen Kindern können schon geringe Wassermengen gefährlich werden.

Die stille Gefahr im Sommer

Jedes Jahr wird vor Ertrinkungsunfällen gewarnt – bei Kindern bis zu 15 Jahren ist das die zweithäufigste Ursache für unfallsbedingte Todesfälle in Österreich. Man sollte Kinder niemals alleine im oder am Wasser oder nahe anderer Bademöglichkeiten lassen – wie etwa Badewanne, Pool, Biotop, Planschbecken - seien sie noch so wenig befüllt. Am häufigsten passiert etwas, wenn die Betreuungspersonen kurz abgelenkt sind. Nur wenige Sekunden können reichen – daher braucht das Kind die volle Aufmerksamkeit. Besitzer eines privater Pools müssen es einzäunen, so lange das Kind nicht schwimmen kann. Je früher ein Kind schwimmen lernt, desto besser. Denn selbst Schwimmlernhilfen wie Flügerl, Wassernudeln etc. schützen nicht ausreichend.

Das Fatale bei Kindern: „Kinder schreien nicht, schlagen nicht um sich, sie sind ganz still“, sagt Prim. Voitl. Es kann daher völlig unbemerkt zu einem Ertrinkungsunfall kommen. Bei ganz kleinen Kindern reichen ein paar Zentimeter Wasser, um zu ertrinken. Denn gerät der Kopf ins Wasser, löst das einen Totstell-Reflex aus. Das Kind wehrt sich nicht und ertrinkt lautlos.

Ertrinken: Wie man Kinder im Ernstfall rettet

Im Schnitt ertrinken in Österreich jährlich acht Kinder unter fünf Jahren - oft passieren die Badeunfälle in einem unbeobachteten Moment. Erst am Dienstag entdeckte eine Mutter ihre dreijährige Tochter leblos in einem Pool. Sie reanimierte das Mädchen und rettete ihr damit wahrscheinlich das Leben. Aus medizinischer Sicht handelte sie genau richtig. "Wenn man ein Kind im Wasser treiben sieht, müssen rasch Erste-Hilfe-Maßnahmen eingeleitet werden. In Wien dauert es im Schnitt zehn bis zwölf Minuten bis die Rettung eintrifft – ohne vorherige Wiederbelebung haben Kinder kaum eine Chance zu überleben", sagt Mario Krammel, Notfallmediziner im AKH Wien.

Drei Schritte

Bei der Ersten Hilfe geht man in drei Schritten vor: Prüfen, Rufen und Drücken. Zunächst wird geprüft, ob das Kind ansprechbar ist und ob es atmet. Ist das nicht der Fall, muss Hilfe gerufen werden, einerseits die Rettung, andererseits indem umstehende Personen aufmerksam gemacht werden. "Drücken meint die Herz-Druck-Massage. Dazu den Brustkorb in der Mitte etwa ein Drittel der Brustkorbtiefe eindrücken. Es gilt die Faustregel: 30 Mal drücken, zweimal beatmen", so Krammel. Wen die 30 Mal Drücken irritieren, der hat wahrscheinlich im Erste-Hilfe-Kurs noch 15 Mal drücken bei Kindern gelernt. Krammel: "Wenn man vorher noch nie mit einer Herz-Druck-Massage zu tun hatte, kann man sich ruhig 30 Mal merken, genau wie bei einem Erwachsenen. Viele haben große Angst etwas falsch zu machen, deshalb ist es einfacher, sich die Zahl 30 für Erwachsene und Kinder einzuprägen." Falsch machen könne man aber nichts. Im Zweifel hilft auch die Rettung via Telefon bei der richtigen Reanimation des Kindes.

Jede Minute zählt

Je mehr Zeit vergeht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit irreversibler Schäden. Nur ungefähr drei Minuten kommt das Gehirn ohne Sauerstoff aus. Je Minute, wo nichts passiert, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent. Schon geringe Wassertiefen von zehn bis 20 Zentimeter können für Kleinkinder zum Verhängnis werden. Durch den sogenannten Vagus-Reflex, bei dem die Kinder in eine Art Schreckstarre verfallen, verlaufen die meisten Ertrinkungsunfälle lautlos.

Auch wenn das Kind nach dem aus dem Wasser ziehen ansprechbar ist, sollte es von einem Kinderarzt untersucht werden. Bis zu 24 Stunden nach dem Unfall kann Wasser in der Lunge die Sauerstoffversorgung beeinträchtigen und sogar zum Tod führen, auch wenn das Kind anfangs normal wirkt. Generell sollten Kinder im Wasser nicht aus den Augen gelassen werden.

Projekt

Gemeinsam mit dem Verein Puls zur Bekämpfung des plötzlichen Herztodes setzt sich Notfallmediziner Krammel dafür ein, dass schon die Jüngsten Erste Hilfe lernen. "Kinder haben viel weniger Scheu als Erwachsene, etwa eine Herz-Druck-Massage auszuprobieren. Es geht darum, ihnen die Selbstverständlichkeit des Helfens beizubringen, damit sie im Notfall rasch einschreiten können“, so Krammel. Nach einer Testphase finden ab September unter dem Titel "Leben retten macht Schule" in Wiener Schulen in der dritten Klasse Volksschule verpflichtend Kurse statt, die die Angst vor Erster Hilfe nehmen sollen. Zwei Stunden dauert eine Einheit, bei der Kinder etwa mit einer Puppe Herz-Druck-Massage oder den Defibrilator ausprobieren können. Krammel: "Wir wissen, dass Kinder erst ab einem Körpergewicht von 50 kg selbst eine effektive Herz-Druck-Massage bei einem Erwachsenen durchführen können. Wenn es allerdings ein kleines Kind ist, das gerettet werden soll, könnte auch ein Volkschulkind erfolgreich reanimieren." Der Fokus des Projekts liege aber primär darauf, Kinder für Erste Hilfe zu sensibilisieren.