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12/05/2011

Übergewicht ist das neue Rauchen

Männer bekommen viele Leiden früher als Frauen: Die steigende Zahl Übergewichtiger könnte diesen Trend noch verschärfen.

Jedes Jahr sterben in den EU-Ländern 300.000 Frauen im Alter von 16 bis 64 Jahren - und 630.000 Männer: Auf diese doppelt so hohe Sterberate weist jetzt ein neuer Bericht über den "Zustand der Männergesundheit in Europa" hin: "Schlechter Lebensstil und vermeidbare Risikofaktoren sind für einen großen Anteil an frühzeitigen Erkrankungs- und Todesfällen bei Männern verantwortlich." Der Bericht wird auch am Weltkongress für Männergesundheit diskutiert, der vom 2. bis 5.10. im Wiener Austria Center stattfindet. "Das Problem ist erkannt, jetzt muss die Politik handeln", sagt Univ.-Prof. Siegfried Meryn, Generalsekretär der Internationalen Gesellschaft für Männergesundheit (ISMH) und einer der österreichischen Co-Autoren.

KURIER: Wie schlecht ist es um die Männergesundheit tatsächlich bestellt?
Siegfried Meryn:
In allen Altersgruppen ist die Sterblichkeit von Männern höher als von Frauen. Vorsorgeuntersuchungen nehmen Männer seltener in Anspruch als Frauen. Und auch ihr durchschnittlicher Gesundheitszustand ist schlechter - wenngleich sie ihn oft fälschlicherweise besser einschätzen. Der neue europäische Männdergesundheitsbericht zeigt eindeutig: In fast allen Ländern sind die großen Trends dieselben, ist etwa die Lebenserwartung der Männer kürzer als die der Frauen. Deshalb kann die Politik diese Entwicklungen auch nicht länger als lokales Problem einzelner Länder abtun. Der einzige Risikofaktor, für den das Bewusstsein bei den Männern mittlerweile etwas gewachsen ist, ist das Rauchen.

Wo sehen Sie künftig die größten Probleme?
Beim Übergewicht und dem metabolischen Syndrom, also der Kombination von Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhten Blutfett- und einem verschlechterten Ansprechen auf das körpereigene Insulin (Insulinresistenz, Anm.) . Der Bericht weist darauf hin, dass Männer stark gefährdet sind, weil sie vor allem im Bauchbereich Fett speichern. Dieses gilt derzeit als besonderer Risikofaktor für Bluthochdruck oder Diabetes, mehr als das Hüftfett der Frauen. Hier ist eine Explosion an chronischen Erkrankungen zu befürchten - bei den Männern stärker als bei den Frauen. In Österreich ist in den vergangenen 15 Jahren das durchschnittliche Körpergewicht um 4,5 kg gestiegen. Das Übergewicht ist das neue Rauchen.

Sind Männer tatsächlich so viel weniger gesundheitsbewusst wie Frauen?
Auf unserem Kongress wird eine Studie aus fünf Ländern präsentiert: Zwei Drittel der befragten Männer wussten nicht, welche Beschwerden eine vergrößerte Prostata auslösen kann bzw. waren der Meinung, dass ihre Beschwerden altersbedingt und unvermeidbar sind. Auch bei dramatischen Symptomen - Schmerzen beim Urinieren, drei bis vier Mal Aufstehen in der Nacht wegen Harndrangs - suchen 60 bis 70 Prozent der Männer erst nach zwei Jahren einen Arzt auf. Das ist unfassbar! Keine Frau, die einen Knoten in der Brust ertastet, würde zwei Jahre zuwarten. Wichtig wäre auch, neue Erkenntnisse stärker zu berücksichtigen.

Ein Beispiel?
Eine Meta-Analyse von 820 Studien hat gezeigt: Männer mit niedrigem Testosteron-Spiegel sterben öfter an Herzkreislauf- und Krebserkrankungen. Noch ist nicht klar, ob der niedrige Testosteronspiegel ein Auslöser oder die Folge der Erkrankungen ist. Wir brauchen unabhängige Langzeitstudien, um den Stellenwert dieses Zusammenhangs richtig einschätzen zu können. Mein Schluss daraus ist nicht, dass jeder ältere Mann jetzt Testosteron bekommen soll. Aber es geht darum, den Hormonstatus zu kontrollieren und Symptome eines Mangels - etwa Schwäche, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, erektile Dysfunktion - ernst zu nehmen und nicht als unvermeidliche Altersbeschwerden abzutun. Häufig kann durch eine Lebensstiländerung alleine - Gewichtsabnahme, mehr Bewegung - der Testosteronspiegel ausreichend erhöht werden.

Was muss geschehen?
Viele Gesundheitsprobleme, von denen Männer stärker betroffen sind als Frauen, wären vermeidbar. Wir müssen uns neue Maßnahmen überlegen, wie wir Männer dazu bringen, z. B. ein Mal im Jahr zum Betriebsarzt zu gehen. Denn wie soll jemand bis 67 arbeiten und danach die Pension in Gesundheit genießen können, wenn er nie etwa auf sein Gewicht oder seinen Blutdruck geachtet hat?

Wussten Sie, …

… dass mehr als 50 Prozent der frühen Todesfälle von Männern durch Änderung des Lebensstils vermeidbar wären?

… dass unter den 15- bis 24-jährigen EU-Bürgern bereits mehr Männer (22%) als Frauen (14 %) übergewichtig sind?

… dass 62 Prozent der Frauen, aber nur 55 Prozent der Männer in den vergangenen zwölf Monaten ihren Blutdruck kontrolliert haben?

… dass Männer an Krebsarten, die beide Geschlechter gleichermaßen betreffen (z.B. Darmkrebs), früher erkranken und auch früher sterben?

… dass in der EU 2007 durch Verkehrsunfälle mehr als drei Mal so viele Männer (36.166) als Frauen (11.181) starben?

… dass Diabetes bei Männern später entdeckt wird als bei Frauen, weil sie seltener zu Untersuchungen gehen? Die Sterberate an Diabetes ist bei Männern unter 65 doppelt so hoch wie bei Frauen.

… dass Frauen nicht nur eine im Schnitt um fünfeinhalb Jahre längere Lebenserwartung haben, sondern auch mehr Lebensjahre bei guter Gesundheit verbringen als Männer?

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