Pflanzenjagd einst: Humboldt trat seine Amerikareise 1799 an, begleitet vom französischen Botaniker Aimé Bonpland.  

© Universität Wien/Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Wissen
06/12/2019

Sogar Flieder und Forsythie sind Migranten

Humboldt und seine Erben: Was Pflanzenjäger in die Welt trieb, womit sie wiederkehrten und wie sie unsere Landschaft veränderten.

von Susanne Mauthner-Weber

David Douglas tat alles für seine Leidenschaft – und litt gehörig deswegen: In den 1820er-Jahren kehrte der Schotte nach einer seiner monatelangen Solo-Expeditionen barfuß und mit zerschlissener Kleidung ins nordamerikanische Fort Vancouver zurück, wo man ihn für den verwahrlosten Überlebenden einer Katastrophe hielt.

In Wahrheit durchstreifte Douglas zu Fuß, zu Pferd oder im Kanu 11.300 km des damals noch unerforschten pazifischen Nordwesten. Ihm und all den anderen Pflanzenjägern, die in die entlegensten Winkel der Erde vordrangen, ist jetzt die Ausstellung „Forscher, Sammler, Pflanzenjäger – unterwegs mit Humboldt & Co“ im Botanischen Garten der Universität Wien gewidmet (bis 31.10. 2019, Rennweg 14, 1030 Wien).

 

1781 in eine Adelsfamilie geboren, flüchtete er vor den Wirren der Revolution nach  Berlin. 1815 brach er als Naturforscher  zu einer dreijährigen Weltumsegelung auf. Das Ziel, die Entdeckung der Nordwestpassage, schlug fehl, die Expedition brachte aber wichtige Erkenntnisse über die pazifischen Inseln und die besuchten Küsten. Chamissos bekanntester Fund: der Kalifornische Goldmohn, dessen Samen er nach Europa brachte.

Egal ob Flieder, Forsythie, Tulpe, Rosskastanie, Hortensie oder Usambaraveilchen – sie alle sind ursprünglich nicht bei uns heimisch. „Wir erinnern an die Leute und ihre Beweggründe, diese Pflanzen zu uns zu bringen“, sagt der Botaniker Michael Kiehn. Da sei einerseits die wissenschaftliche Neugier gewesen, aber auch das kommerzielle Interesse. „Großgärtnereien haben Pflanzenjäger ausgeschickt, um interessante Pflanzen zu suchen. Aus heutiger Sicht wären viele von ihnen Biopiraten.“

Die französische Naturforscherin war die vermutlich erste Frau, die ab 1766 die Welt umsegelte. Da Frauen an Bord der Marine-Schiffe verboten waren, verkleidete sie sich als Mann und unterstützte den Botaniker Philibert Commerson bei den Forschungen. Eine in Brasilien entdeckte Pflanzengattung benannten sie nach dem Expeditionsleiter Bougainvillea.

Verdammte Orchideen

Der Brief, den Wilhelm Micholitz 1914 an den Pflanzenhändler Frederik Sander schreibt, klingt ungehalten: „Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders dankbar bin, dass Sie mich zu dieser Jahreszeit hinter diesem verdammten Dendrobium (Orchideen-Gattung) herjagen.“ Micholitz wünscht dem als Orchideenkönig berühmt gewordenen englischen Kaufmann, er möge einmal am eigenen Leib verspüren, was es heißt, in Birma herumzuklettern, um die vermaledeiten Dinger zu finden.

Pflanzenjagd ist eine Gier, die Menschen in alle Ecken der Welt trieb. Allen voran die gartenversessenen Engländer. Joseph Dalton Hookers Sammelreise in den zentralen Himalaja (um 1850) veränderte die europäischen Gärten tief greifend. Bei seiner Rückkehr nach England präsentierte er 32 Rhododendron-Arten, die Hälfte war neu für die Wissenschaft. Um 1870, als viele davon endlich blühten, lösten die bis dato unbekannten Blütenfarben und -formen eine wahre Rhododendron-Manie aus.

Der österreichisch-amerikanischeBotaniker, Geograph und Sprachwissenschafter reiste 1920 erstmals nach Asien und lebte bis 1949 fast durchgehend in China. Dort erforschte er Flora und Fauna unter anderem für die National Geographic Society. Die daraus hervorgegangenen Pflanzen wachsen noch heute in vielen Botanischen Gärten, darunter die Strauchpfingstrose Paeonia rockii.

Auch Deutsche waren unterwegs, das Universalgenie Alexander von Humboldt in Südamerika, der Weinhändlersohn Georg Schweinfurth in Ägypten, wo er Reste von Kulturpflanzen aus den Pharaonengräbern barg. Oder Philipp Franz von Siebold, der blaue Hortensien, spitzblättrige Ahorne und Ulmen aus dem abgeschotteten Japan nach Europa brachte und damit unser Landschaftsbild nachhaltig veränderte.

Exotische Bäume aus Amerika, Asien und Australien sind heute ganz normal: Während es weltweit etwa 60.000 Baumarten gibt, zählte man in Europa  nur wenige Hundert. Heute entdeckt man hierzulande Robinie, Rot-Eiche und Riesenmammutbaum aus Nordamerika, Ginkgo und Magnolien aus China und Eukalyptus aus Australien.

Natürlich beteiligten sich auch die Österreicher an der Pflanzenjagd: Maximilian II. holte 1573 Carolus Clusius an den Kaiserhof. „Er war erste , der über seine diplomatischen Kontakte nach Konstantinopel eine große Zahl von heute ganz selbstverständlichen Pflanzen nach Europa brachte“, erzählt Kiehn und zählt auf: „Die Rosskastanie und auch die Tulpe. Eine der ersten Fliederpflanzen, die in Europa geblüht haben, stand in der Singerstraße in der Wiener Innenstadt.“

Der Student der Medizin aus Leiden wurde 1754 mit der Leitung einer Expedition in die Karibik beauftragt. Kaiser Franz I. Stephan wünschte für seine Gewächshäuser tropische Pflanzen. Jacquin wurde von Piraten ausgeraubt, erlebte einen Hurrikan und erkrankte schwer an Gelbfieber. Nach seiner Rückkehr wurde die Orchideengattung Jacquiniella nach ihm benannt. 

Mitte des 18. Jahrhunderts sandte Kaiser Franz I. Stephan Nikolaus Joseph von Jacquin in die Karibik. Ziel der Reise: Exotische Pflanzen und Tiere für die neuen Gewächshäuser und die Menagerie in Schönbrunn sammeln. Kiehn: „Die Sammlungen waren so bedeutend, dass Humboldt sie zur Vorbereitung seiner Reise besuchte.“