Mensch-Tier: Warum uns Mischwesen seit 40.000 Jahren faszinieren
Der Fasching stellt die Welt auf den Kopf. Nichts muss sein, wie es scheint. Wer will, schlüpft in fremde Kleider.
Der Wunsch, die Rolle zu wechseln, besteht freilich nicht erst seit dem Mittelalter, als die Fastnachtsbräuche entstanden. Bereits in der Steinzeit durchbrachen Menschen bewusst Grenzen, setzten Masken mit Hirschgeweihen auf oder legten Felle an, um sich zu verwandeln, und wohl auch, um ihr Bewusstsein zu erweitern.
Der Löwenmensch aus Mammutzahn ist rund 40.000 Jahre alt
„Die Transformation vom Mensch zum Tier ist tief in uns verankert“, sagt Katharina Rebay-Salisbury. Die Leiterin der Forschungsgruppe „Prähistorische Identitäten“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften verweist zunächst auf das älteste Zeugnis von Mischwesen: den rund 40.000 Jahre alten Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel. Er wurde 1939 im deutschen Baden-Württemberg in mehr als 260 Elfenbeinsplittern gefunden. Bis heute rätseln Fachleute‚ ob die 31,1 cm große Figur mehr Fabelwesen oder Schamanen darstellt.
„Wir wissen nicht, was die Jäger und Sammler in der schriftlosen Zeit gedacht haben, doch es liegt nahe, dass sie mit der Schaffung von Hybriden die bekannte Welt verlassen wollten“, sagt die Professorin an der Uni Wien. Auch später verlieh etwa die Kombination aus Vogel und Mensch Flügel, vier Pferdehufe machten Zweibeiner schnell.
„Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt, dass der Zentaur z.B. zuerst Mensch war, dann einen Pferdehintern bekam und am Schluss zu einer völligen Verschmelzung von beidem wurde“, sagt Rebay-Salisbury.
Körperteile von Mensch und Tier wurden wunderlich zu Hybriden kombiniert
Der Mix aus Löwenmähne, Schnabel oder Krallen mit Armen, Beinen und Gesicht ergab mehr als die Summe der Einzelteile. Das Geschlecht konnte ebenfalls wechseln. Sphinxe etwa präsentierten sich in männlicher und weiblicher Form. Im Meer tauchte das eine Mal der Wassermann auf, das andere Mal die Nixe.
„Wir stellen uns immer vor, dass alles einen Zweck hatte. Aber wir können das wissenschaftliche Weltbild von heute nicht auf Rituale von damals umlegen“, sagt die Expertin für Urgeschichte. Wer sich nicht als Krone der Schöpfung sieht, versteht sich als Tierverwandtschaft mit ähnlichem Handlungsspielraum; der Übergang zum Mischwesen lag da nicht fern.
„Die eisenzeitlichen Mensch-Tier-Hybriden scheinen keine freundlichen Wesen gewesen zu sein. Sie standen an der Grenze zur Unterwelt, zum Jenseits“, sagt Rebay-Salisbury.
Chimären waren durchaus ambivalent in ihren Eigenschaften
Später brachten Chimären gute wie schlechte Eigenschaften ein.
Die Ambivalenz spiegelt sich etwa in den Sirenen der griechischen Mythologie wider. Die Vögel mit den Frauenköpfen traten zugleich als betörend schöne Sängerinnen und gefährlich, Tod bringend auf. Der Satyr mit Eselsohren, Pferdeschweif bzw. Ziegenschwanz, dazu oft mit Hufen, wiederum verkörperte einerseits den freundlichen Waldgeist, andererseits den saufenden Rüpel.
Besonders wunderliche Kombinationen wurden jeweils ans andere Ende der Welt verortet.
„Die Eigenschaften, die von Tieren auf den Menschen übertragen wurden, sind sehr vom kulturellen Kontext abhängig“, sagt Rebay-Salisbury.
Jede Kultur hat ihre Mischwesen
Die Azteken z.B. verehrten den Quetzalcoatl, die „leuchtende Schwanzfederschlange“, als Gottheit. Indien schuf mit Yali eine Chimäre, bestehend aus Löwe, Horntier sowie Elefant u.a. Im japanischen Volksglauben fungierte Nue – sie besitzt den Kopf eines Affen, den Körper eines Marderhundes, die Beine eines Tigers und eine Schlange als Schwanz – als Botin von Unglück, Krankheiten und Albträumen.
Ob sie den Menschen freundlich oder feindlich gesinnt waren – die Faszination für Mischwesen aller Art ist nach 40.000 Jahren jedenfalls ungebrochen; nicht nur im Fasching.
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