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© APA/HELMUT FOHRINGER

WHO-Experte
02/02/2015

Meldesystem gegen gefährliche Spitalskeime gefordert

Schlechte Meldemoral in Österreichs Spitäler - Experte: "Meldepficht rettet jedes Jahr acht Millionen Leben".

Nur elf von rund 200 österreichischen Krankenhäusern beteiligen sich derzeit an einem Meldesystem für Infektionen von Patienten mit gefährlichen Clostridium difficile-Keimen. Doch unabdingbar wäre eine ganz andere Maßnahme. "Die Meldung von Spitalsinfektionen sollte generell verpflichtend sein", sagte jetzt der WHO-Hygieneexperte Didier Pittet (Universitätsklinik Genf) im Gespräch mit der APA.

Pittet hat im Jahr 2005 für die Weltgesundheitsorganisation das Programm "Clean Care is Safer Care" ins Leben gerufen. Das Maßnahmenprogramm soll sogenannte nosokomialen Infektionen (Infektionen, die erst im Spital im Rahmen der Behandlung erworben werden) zurückdrängen und resistente Keime bekämpfen. "Die Krankheitslast durch Spitalsinfektionen ist enorm. Es gibt weltweit pro Jahr 16 Millionen derartiger Patienten. Allein die Umstellung beim Händewaschen von Wasser auf alkoholische Desinfektionsmittel rettet jährlich acht Millionen Leben", sagte der Wissenschafter.

Mit den Infektionen steigen die Kosten

Die Möglichkeiten, dass sich Patienten in medizinischen Einrichtungen Infektionen noch zusätzlich zuziehen, ist breit gestreut. Das reicht von der Besiedelung von Kathetern mit Keimen, über Wundinfektionen bei chirurgischen Eingriffen, die Übertragung von Spitalskeimen in Intensivstationen, künstliche Beatmung - bis hin zum Handkontakt mit Pflegepersonal und Ärzten. Im Fall des Falles kann es große Konsequenzen geben.

Pittet: "Nehmen wir an, es kommt zu einer Wundinfektion bei einem Patienten. Normalerweise geht der Patient fünf Tage nach der Operation nach Hause. Die Infektion macht daraus zwölf Tage. Man rechnet im Durchschnitt mit Kosten von rund 3.500 Euro. In der Schweiz haben wir auf der Basis von vorsichtigen Studien rund 70.000 Spitalsinfektionen pro Jahr. Das macht Kosten von 350 Millionen Franken (334,35 Mio. Euro)."

Was noch hinzu kommt: Eine nicht perfekte Hygiene und die falsche Anwendung von Antibiotika in den Krankenhäusern und in der Medizin generell führt auch zur Etablierung von resistenten Keimen, bei denen Infektionen besonders schwierig - bis hin zu kaum mehr - behandelbar sind. "Das Problem der Resistenzen ist universell. Wenn man sich die nosokomialen Infektionen ansieht, ist einer von drei Fällen durch resistente Keime bedingt."

Infektionsraten gehören veröffentlicht

Laut Pittet bräuchten alle Spitäler ein System zur Überwachung der Situation: "Dafür benötigt man eine speziell ausgebildete Hygiene-Krankenschwester für hundert Betten und für jeweils vier dieser Krankenschwestern eine Hygiene-beauftragten Arzt."

Der zweite Hauptbestandteil muss die Aufarbeitung der gewonnenen Daten über die Infektionen und Resistenzlage im Krankenhaus und an den einzelnen Abteilungen an die Beschäftigten sein. "Wenn ein Chirurg hört, dass an seiner Abteilung mehr Infektionen auftreten, wird er handeln." Schließlich sollten - unter Gewichtung der Risiko-Population der an den einzelnen Abteilungen behandelten Patienten - "Benchmarks" vergleichbar gemacht werden.

Und schließlich, so der Experte: "Die Meldung der Spitalsinfektionsraten muss verpflichtend gemacht werden. Die Häufigkeit sollte auch veröffentlicht werden." Natürlich müsse man dabei beachten, dass Spitäler und Abteilungen, die mehr Mehrfach- und mehr Schwerkranke behandelten, auch höhere Komplikationsraten aufweisen müssen. Doch das könne man statistisch ausbalancieren.

Sparzwang schadet den Patienten

Druck durch die Öffentlichkeit könne da sicher hilfreich sein, so Pittet: "In Frankreich hat die Zeitschrift 'Le Point' landesweit die Spitäler angerufen und hat nachgefragt." Das hätte dort die nationale Überwachung auf Spitalsinfektionen erst in Gang gebracht und zur Veröffentlichung der Daten geführt.

Die angeblichen Sparzwänge im Gesundheitswesen können sich auf dem Gebiet der Spitalsinfektionen als für die Patienten höchst gefährlich auswirken. Der Experte: "Wir sind nach einem großen Ausbruch von Clostridium difficile in britischen Spitälern gerufen worden. Es hat sich herausgestellt, dass man dort die Reinigung der Krankenhäuser und das Personal 'ausgelagert' hatte." Das hatte zu einer durch Sparwillen bedingten Vernachlässigung der Hygiene geführt und Patienten auch das Leben gekostet.

Niemand in den reichen Staaten der Erde sollte laut Pittet glauben, Spitalsinfektionen und mangelnde Hygiene seien eine Angelegenheit der Dritten und Vierten Welt: "Die Probleme haben alle Staaten, nur kommen in den Entwicklungsländern noch zusätzlich andere Schwierigkeiten hinzu."

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