Wenn Worte fehlen: Wie Tiere Menschen in der Therapie helfen
Der semmelblonde Retriever tritt nicht sofort in das kleine Zimmer. Er bleibt stehen, beobachtet. Vor ihm sitzt eine 89-jährige Frau, die seit Monaten kaum spricht. Ihre Hände liegen auf einer Decke, der Hund wartet. Erst nach einer Weile hebt sie den Blick. „Na komm“, sagt die alte Dame. Zwei Worte, die im Alltag des Pflegeheims Seltenheitswert haben. Für das Team sind sie ein Ereignis. Für die Frau ist es ein kurzer Augenblick von Präsenz. Für den Hund ist es das, wofür er ausgebildet ist: Arbeit.
Szenen wie diese sind es, die viele Menschen mit tiergestützter Therapie verbinden: Begegnung, Nähe – und schließlich Berührung. Darin liegt eines der größten Missverständnisse: „Das Image vom netten Hund, der von allen angefasst werden darf, mag ich persönlich überhaupt nicht“, sagt Dr. Sandra Foltin, Verhaltensbiologin, Autorin und Expertin für tiergestützte Intervention. „Es geht nicht darum, dass jeder das Tier berühren darf. Es geht vielmehr um Qualität, Zielsetzung und Verantwortung.“ Tiergestützte Therapie ist kein beliebiges Angebot, sondern eine geplante therapeutische Intervention mit klarer Ausrichtung. Dazu zählen etwa therapeutisches Reiten, Hippotherapie oder hundegestützte Therapiestunden. Durchgeführt werden sie von qualifizierten Fachkräften – Ärztinnen und Ärzte, Physio-, Psycho- oder Ergotherapeuten –, die zusätzlich eine spezialisierte Weiterbildung im Bereich tiergestützter Intervention absolviert haben.
Wenn Worte fehlen
Nähe allein reicht also nicht. Entscheidend sind auch Ausbildung, Struktur und ein klar definiertes therapeutisches Setting. Foltin bildet seit vielen Jahren Fachkräfte aus, engagiert sich in Ethik- und Tierschutzprojekten und ist wissenschaftliche Beirätin mehrerer Organisationen. In ihren Büchern beschäftigt sie sich mit hundegerechtem Arbeiten, mit Theorie und Praxis der tiergestützten Intervention. In den vergangenen Jahren hat sich diese Form der Begleitung als ernst zu nehmendes Werkzeug etabliert – überall dort, wo klassische therapeutische Zugänge an Grenzen stoßen. Wenn es an Worten mangelt, an Motivation fehlt oder Vertrauen entstehen muss. Gemeint ist damit nicht „Kuscheln mit Tieren“, sondern der fachlich begleitete Einsatz von Tieren im Rahmen klar definierter therapeutischer, pädagogischer oder psychosozialer Ziele. Gemeinsam ist all diesen Einsätzen, dass sie einem Ziel folgen. Tiere ersetzen keine Therapie – sie können sie aber vertiefen.
Das könne laut Foltin beispielsweise beinhalten, dass das Tier zunächst gar nicht berührt wird. „Vielleicht habe ich einen Therapiebegleithund, der Ruhe ausstrahlt und sich lieber ablegt. Genau das wünsche ich mir in bestimmten Settings – etwa bei Kindern mit ADHS, wo Co-Regulation entscheidend ist.“ Die Auswahl des Tieres ist dabei zentral. Foltin arbeitet mit mehreren Hunden, alle mit unterschiedlichen Charakteren. Nicht jeder eignet sich für jedes Setting. „Ich nehme keine sehr agilen Hunde, wenn ich Ruhe vermitteln möchte. Ich schaue: Welche Stärken bringt er mit?“ Diese Haltung prägt auch den Umgang mit Nähe. „Gerade das Übergriffige, das Grenzüberschreitende ist oft ein Problem“, sagt Foltin. Daher wird darauf geachtet, ob der Hund Kontakt möchte. Kinder reagieren darauf zunächst oft mit Frustration, dann mit Verständnis. „Viele werden regelrechte Anwälte für den Hund und sagen zu Erwachsenen: „Moment, du musst erst fragen.“
In Österreich wird tiergestützte Therapie unterschiedlich eingesetzt: etwa in Rehabilitationszentren nach neurologischen Erkrankungen, in psychiatrischen Abteilungen bei Depressionen, Angst- oder Traumafolgestörungen, ebenso in der Geriatrie und in der Demenzbetreuung. Auch in der Palliativ- und Hospizarbeit spielen tiergestützte Angebote eine Rolle – nicht mit dem Anspruch zu heilen, sondern um Lebensqualität, Nähe und emotionale Entlastung zu ermöglichen. „Gerade ältere Menschen haben oft sehr wenig physischen Kontakt“, sagt Foltin. „Wenn ein Tier freiwillig Nähe sucht, sich einrollt oder Wärme gibt, dann ist das etwas, das nicht erzwungen ist.“ Pflegekräfte berichteten ihr immer wieder, dass Bewohnerinnen und Bewohner, die sonst kaum sprechen, plötzlich beginnen zu erzählen. „Viele Menschen können in solchen Momenten gar nicht anders, als zu lächeln.“
Das Tier hat kein Problem mit Krankheit oder Schwäche
„Das Schöne daran: Dem Tier ist es egal, ob jemand alt und eingeschränkt ist oder nicht sprechen kann. Der Hund hat kein Problem mit Krankheit oder Schwäche.“ Diese vorbehaltlose Zuwendung wirkt auf besondere Weise. Auch in der Psychotherapie und psychosozialen Arbeit ist tiergestützte Intervention angekommen – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, bei traumatisierten Menschen oder im Autismus-Spektrum. Tiere wirken hier als Beziehungsbrücke. Sie strukturieren Situationen, ermöglichen Selbstwirksamkeit und unterstützen die Emotionsregulation. „Der Hund spiegelt sehr ehrlich“, sagt Foltin. „Wenn es jemandem nicht gut geht, zeigt er das. Und genau das kann therapeutisch genutzt werden.“
Schafe und Hühner
Neben Hunden kommen auch andere Tiere zum Einsatz: Kaninchen, Meerschweinchen, Alpakas, Schafe, Ziegen oder Hühner. „Ich arbeite zum Beispiel gerne mit Schafen“, erzählt Foltin. „Als Fluchttiere bleiben sie nur, wenn man ruhig ist. Für manche Kinder ist das enorm herausfordernd – aber genau darin liegt der Lernprozess.“ Selbst Hühner können einen Effekt haben, speziell bei älteren Menschen: „Sie wecken Erinnerungen, lösen Gespräche über früher aus. Da geht es um Biografiearbeit“, so Foltin. Tiere werden zu Ankern für Kommunikation. Manchmal reicht das, um etwas in Bewegung zu bringen.
Dass all das wirkt, lässt sich wissenschaftlich belegen. Studien zeigen Effekte auf Stress-und Bindungshormone. Neuere Forschungsarbeiten beschreiben Synchronisationsprozesse zwischen Mensch und Tier – etwa bei der Atmung oder Hirnaktivität. „Es gibt bildgebende Studien, die zeigen, dass sich die Hirnaktivität von Menschen und Hunden angleicht, wenn sie positiv miteinander interagieren“, sagt Foltin. „Man ist im wahrsten Sinn auf einer Wellenlänge.“ Das bestätigt, was viele aus der Praxis spüren: Tiergestützte Begegnungen wirken nicht nur psychisch, sondern sind auch körperlich messbar.
Streicheln reduziert Stress
In einem Projekt mit Bewohnerinnen und Bewohnern in Pflegeheimen sanken sowohl der systolische als auch der diastolische Blutdruck, nachdem die Menschen Zeit mit einem Therapiebegleithund verbracht hatten. In anderen experimentellen Untersuchungen zeigte sich, dass das Streicheln eines Hundes zu niedrigeren Blutdruckwerten führt als alltägliche Aktivitäten wie Lesen oder Gespräche ohne Tierbegleitung. Und eine 2025 veröffentlichte Meta-Analyse ergab, dass strukturierte Hundebegegnungen bei Studierenden signifikant Stress und Angst reduzieren – Effekte, die in der Literatur auch mit Veränderungen in Herzfrequenz und Stresshormonspiegeln in Verbindung gebracht werden. Solche Ergebnisse untermauern, dass Tiere über unmittelbare Nähe hinaus körperliche Regulation und Wohlbefinden unterstützen können.
Trotzdem warnt Foltin vor Überhöhung: „Tiere sind keine Wunderheiler. Aber sie können ein Türöffner sein.“ Das Tier schafft Gesprächsanlässe, ohne Nähe zu erzwingen – und senkt so die Schwelle für einen Kontakt. Nähe passiert, ohne dass sie groß erklärt werden muss. Und, so Foltin: „Viele Dinge, die für Menschen ungemein wichtig sind – Zuwendung, da sein für jemanden –, sind uns als Gesellschaft ein Stück verloren gegangen. Früher konnten wir das besser. Auch das Begleiten von Sterbenden war selbstverständlicher. Man blieb.“ Heute werde vieles ausgelagert, Menschen gehen beispielsweise ins Hospiz. Der Hund kenne diese Schwelle nicht. „Er hat kein Problem mit dem Tod. Er ist einfach nur da.“
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