Sport und Typ-1-Diabetes? Kein Widerspruch!

Junge Frau joggt mit Kopfhörern und bunter Sportkleidung auf einer Straße mit Bäumen im Hintergrund.
Körperliche Aktivität ist nicht nur erlaubt, gerade bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes ausdrücklich empfohlen. Bewegung stärkt den gesamten Stoffwechsel, unterstützt die Therapie und senkt das Risiko für Folgeerkrankungen.

Darf man als Mensch mit Typ-1-Diabetes Sport betreiben? Die einzige richtige Antwort: Ja. „Ein physisch aktiver Lebensstil ist eine multipotente Droge. Er wirkt systemisch im ganzen Körper und unterstützt die Therapie bei allen Diabetesformen, also Typ-1, Typ-2 und Schwangerschaftsdiabetes“, sagt Univ.-Prof. Dr. Othmar Moser, Leistungsphysiologe an der Universität Graz. Gerade bei Kindern und Jugendlichen könne man durch regelmäßige physische Aktivitäten das Risiko, später an Komplikationen zu erkranken, senken. „Weiters wissen wir auch, dass Personen mit Typ-1-Diabetes, die körperlich aktiv sind, auch nicht das Risiko eines Doppel-Diabetes haben ¬– also zusätzlich zum Typ 1 auch irgendwann einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln“, so Moser.

Immer mehr Typ-1-Diabetes-Fälle 

Derzeit leben in Österreich rund 3.500 Kinder und Jugendliche mit einer Diabetes-Typ-1 Diagnose. Und die Zahl der Erkrankungen steigt stetig. Warum das so ist, ist nicht vollständig geklärt. Die Zunahme dürfte aber auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zurückzuführen sein. Darunter genetische Veranlagung, veränderte Lebensgewohnheiten aber auch bessere Möglichkeiten zur Früherkennung. Moser: „Durch Frühscreenings erkennt man zunehmend Typ-1-Diabetes-Fälle, bei denen Kinder noch keine Symptome zeigen, aber Typ-1-Diabetes-spezifische Antikörper vorhanden sind.“

Der Zeitpunkt, in der die Diagnose basierend auf Antikörperhäufigkeit gestellt wird, liegt im Alter von 2 und 6 Jahren „Ein frühzeitiger Antikörpertest hat daher einen riesigen Vorteil“, betont Moser, denn man könne das Kind auf die Therapie einstimmen, bevor die Erkrankung tatsächlich ausbricht. Bei zwei oder mehr nachgewiesenen Antikörpern liegt die Lebenszeit-Wahrscheinlichkeit, dass sich Typ-1-Diabetes entwickelt bei rund 99 Prozent, so der Experte.

Mit Sport das Risiko mindern 

Für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes zeigt sich damit ein klarer Weg: „Früherkennung, gezielte Schulung, von Beginn an regelmäßige Bewegung und individuelle Trainingspläne können helfen, die Erkrankung besser zu managen und langfristige Risiken zu minimieren,“ so Moser.

Wie aber wirkt sich Bewegung konkret auf den Stoffwechsel eines Menschen mit Diabetes aus? Simpel ausgedrückt: Bewegung unterstützt die Wirkung des Insulins. Insulin wiederum ist das Hormon, das dafür sorgt, dass Zucker aus dem Blut in die Körperzellen gelangt, wo er als Energie genutzt wird. Bei Typ-1-Diabetes fehlt Insulin, weil das Immunsystem die Insulin-produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse angreift und zerstört. Wenn kein Insulin mehr produziert wird, steigt der Blutzucker an, weil er nicht in die Zellen transportiert werden kann. Die Folge ist, dass die Zellen zu wenig Energie bekommen, obwohl selbst im Blut genug Zucker ist.

Moser: „Bei sportlicher Aktivität wiederum werden Glukosetransporter in der Muskulatur aktiviert. Und der Zucker, der bei Menschen mit Typ-1-Diabetes nicht in die Zellen transportiert werden kann, wird direkt aus dem Blut in die arbeitende Muskulatur transportiert. Unabhängig davon ist bei Menschen mit Typ-1-Diabetes Insulingabe aber immer notwendig und kann nicht durch Sport ersetzt werden.“

Risiko Unterzuckerung

Ein zentrales Risiko beim Sport bleibt jedoch die Unterzuckerung, die während oder auch einige Stunden nach der Aktivität auftreten kann. „Das ist eigentlich das Hauptproblem, warum manche Menschen mit Typ-1-Diabetes Sport vermeiden“, erklärt Moser. Deshalb gilt es während der Aktivität darauf zu achten, stets die Insulindosis anzupassen. Wenn die Werte unter einem bestimmten Schwellenwert liegen, sollten gezielt Kohlenhydrate zugeführt werden. Moderne Technologien erleichtern die Kontrolle während der Aktivität erheblich. Dazu zählen vor allem kontinuierliche Glukosemessgeräte (CGM) und Insulinpumpen, die zunehmend in automatisierte Insulinabgabesysteme eingebunden sind (AID-Systeme). Diese Systeme überwachen den Zuckerwert in Echtzeit und passen die Insulinzufuhr eigenständig an – ein wichtiger Schritt, um Unter- und Überzuckerungen während des Trainings vorzubeugen. „Sporttreibende Menschen mit Typ-1-Diabetes können den Zuckerwert jederzeit z.B. am Handy überwachen und bei Bedarf sofort reagieren“, so Moser.

Einbindung der Eltern wichtig

Eltern und Erziehungsberechtigte sollten von Anfang an intensiv eingebunden werden. Moser betont: „Die Kinderdiabetologie ist in Österreich wirklich gut aufgestellt. Eltern und Kinder werden gleichzeitig geschult, damit alle dasselbe Verständnis haben.“ Auch die Jugendlichen selbst erhalten früh spezifische Sportschulungen, um sicher und aktiv am Alltag teilnehmen zu können.

Ein innovatives Projekt in Graz, das Moser mitgegründet hat, ist ein „Trainings- und Diagnostikzentrum“ (TDZ) der Universität Graz für Menschen mit metabolischen Erkrankungen, das auf praxisnahes Training unter professioneller Betreuung setzt. „Wir führen unter anderem Jugendliche durch Therapieoptionen und zeigen ihnen gleichzeitig, wie Sport ihre Erkrankung positiv beeinflusst“, erklärt Moser. Der Schwerpunkt liege auf der Therapieoptimierung, nicht auf reinem Training: „Die Jugendlichen kommen regelmäßig, zum Beispiel dreimal pro Woche. Dabei profitieren sie durch mehr Wissen und Verständnis über die eigene Erkrankung. Darüber hinaus verbindet das medizinische Betreuung mit Gruppentraining, um Motivation und Sicherheit zu gewährleisten. Schließlich gibt es „nichts Blöderes, als eine Stunde allein am Ergometer zu sitzen“, bringt es der Experte auf den Punkt. „Im Gruppentraining macht es deutlich mehr Spaß, und gleichzeitig wird die Therapie verbessert.“

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