Michael Musalek: Der Irrtum vom perfekten Neustart

Michael Musalek: Der Irrtum vom  perfekten Neustart
Kurskorrekturen sind jederzeit möglich – auch mitten im Jahr. Problematisch wird es erst dort, wo wir sie mit unrealistischen Idealvorstellungen überfrachten.

Ende Jänner ist von  den meisten Vorsätzen meist nichts mehr übrig. Der  neue Heimtrainer  wird kaum genutzt, der Verzicht auf Süßes „neu verhandelt“ und die Idee, sein Leben grundlegend zu verändern, hat an Farbe verloren.  Dabei war man vom „perfekten Neustart“ diesmal besonders überzeugt. Nun, der Mensch ist grundsätzlich neustartfähig –  in jedem Lebensalter. Ein  „zeitlos schönes“ Potenzial,   das Teil des Menschseins ist. Problematisch wird es, wenn  ein Neustart mit Idealvorstellungen verknüpft ist, die von außen beeinflusst wurden. Mit Vorgaben, die gesellschaftlich, medial oder beruflich attraktiv erscheinen, doch mit den eigenen Möglichkeiten wenig zu tun haben. Neustarts scheitern also nicht daran, dass  Menschen zu wenig wollen. Sondern daran, dass sie sich Ziele setzen, die nicht zu ihren kognitiven, emotionalen, sozialen oder interaktionellen Ressourcen passen. Viele sind sich ihrer tatsächlichen Möglichkeiten oft nicht bewusst. Stattdessen orientieren sie sich an  Vorbildern: an Karrieren, Lebensstilen oder Erfolgsmodellen anderer, die nicht den eigenen Voraussetzungen entsprechen. Die daraus entstehenden Enttäuschungen werden dann fälschlicherweise dem Neustart an sich angelastet. Oft ist lediglich die Richtung nicht gangbar. Es wäre also viel sinnvoller, weniger von Neustart zu sprechen als von einer neuen Schwerpunktsetzung. Dabei geht es gar nicht darum,  alles umzukrempeln, sondern zu klären, was im eigenen Leben künftig mehr Gewicht haben soll – und was weniger. Im Sinne von: Welche Schwerpunkte sind für mich wirklich attraktiv? Und vor allem: Welche sind für mich realistisch?  Auch auf die Dosis kommt es an. Denn viele Menschen bewegen sich zwischen zwei Extremen: Sie überfordern sich mit zu viel Veränderung in zu kurzer Zeit – oder  trauen sich so wenig zu, dass sie Veränderung  für unmöglich erklären.  

Kein Jahresanfangsprojekt

Noch ein weit verbreiteter Irrtum:  Die Annahme, dass eine äußere Veränderung – ein Ortswechsel, eine Reise, ein neues Erscheinungsbild – automatisch zur  inneren Veränderung führt. Tatsächlich nimmt man sich selbst immer mit, mit allen offenen Fragen, Prägungen und Konflikten. Wer glaubt, durch äußere Korrekturen substanziell ein anderer Mensch zu werden, wird enttäuscht.   Auch der Kalender führt oft in die Irre: Veränderung ist kein Jahresanfangsprojekt. Wer wirklich etwas ändern will, kann das jederzeit tun. 

Aber  wann ist es überhaupt Zeit  für  eine Kurskorrektur?  Ein zentrales Warnsignal für notwendige Neujustierungen ist chronische Unzufriedenheit. Entscheidend ist an dieser Stelle, wohin der Blick geht: nach außen oder nach innen? Wer immer nur  darauf wartet, dass sich andere oder die Welt ändern, bleibt handlungsunfähig. Weiterentwicklung erfordert stets ein Stück Selbstverantwortung und  die Fähigkeit, sich und seine Möglichkeiten zu reflektieren.  Dann hat der Neustart Bestand.
 

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