Gendermedizin: Maßgeschneidert für Frau und Mann

Ein Arzt hält ein rotes Stethoskop hinter seinem Rücken.
Beide Geschlechter haben medizinisch betrachtet ihre Besonderheiten. Ein neues Buch zeigt die Unterschiede auf.

Erst seit einigen Jahren gibt es weibliche Crashtest-Dummies, und bei Studienteilnehmern setzte die Medizin bis in die 1990er-Jahre auf weiße, 40-jährige Männer. Ein Umdenken setzt erst langsam ein: Etwa, dass Frauen bei Herzinfarkten andere Symptome haben. Im KURIER-Interview spricht Österreichs führende Gendermedizinerin Univ.-Prof. Alexandra Kautzky-Willer, MedUni Wien, über Status quo und Zukunft der Forschung sowie unerwartete Widerstände.

KURIER: Viele glauben noch immer, Gendermedizin – also geschlechtsspezifische Medizin – betreffe nur Frauen.
Alexandra Kautzky-Willer: Das ist eines der großen Missverständnisse und einer der Beweggründe, ein Buch zu schreiben. Gendermedizin ist nichts Feministisches oder Politisches. Es ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Aspekten, die für Frauen und Männer wesentlich sind. In manchen Bereichen sind ja die Männer benachteiligt. Osteoporose wird als Frauenkrankheit wahrgenommen, trifft aber auch Männer. Dass es Angriffe von feministischer Seite gibt, ist kurios. Aber verständlich aus der Geschichte der Frauenbewegung. Wir sagen ja nicht, dass Frauen biologisch schlechter gestellt oder weniger intelligent sind, ganz im Gegenteil! Die Wechselwirkungen aus körperlichen Faktoren, Umwelt und persönlichen Erfahrungen sind wesentlich und das betrifft beide Geschlechter. Aber wenn es Unterschiede gibt, muss man das auch sagen dürfen. Viele Studien zeigen schon jetzt, dass es diese sehr wohl gibt .

Nützt das für die Praxis? Ja. Aus aktuellen Studien wissen wir heute, dass Männer früher Darmkrebs-Vorstufen entwickeln als Frauen. Wir müssen alsodie Altersgrenzen für Vorsorgeuntersuchungen verändern. Männer sollten schon mit 45 zur Darmspiegelung, Frauen vielleicht erst mit 55. Derzeit liegt die Vorsorgeempfehlung für beide bei 50 Jahren.

Erst seit den 1990ern ist Gendermedizin ein Thema. Im Jänner 2010 haben Sie den ersten Lehrstuhl an einer heimischen Uni übernommen.
Trotzdem fehlt es noch immer an Infrastruktur und Mitarbeitern. Es braucht noch viel mehr Willen, das zu fördern. Schade, dass der manchmal fehlt. Es gibt so viel Spannendes.

Was zum Beispiel? Wir haben gerade eine große Studie mit 1000 TeilnehmerInnen zur Adipositas publiziert, die zeigt, dass Frauen unabhängig vom Gewicht eine bessere Insulinempfindlichkeit und Insulinausschüttung als Männer haben. Bei Frauen verschlechtern sich hingegen die Blutfett- und Blutdruckwerte nach der Menopause deutlich, dadurch ist das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen sehr hoch. Bei Männern nicht. Wahrscheinlich besteht ein Zusammenhang mit dem unterschiedlichen Abfall der Geschlechtshormone. Der Testosteronspiegel fällt bei Männern langsamer ab als der Östrogenspiegel bei Frauen. Wir wollen wissen, warum das Herzinfarkt-Risiko bei Frauen mit Stoffwechselveränderungen so besonders ansteigt.

Wird es einen Facharzt für Gendermedizin geben? Wir sind im Grunde ein interdisziplinäres Fach. Das zeigen die 16 Teilnehmer unseres ersten Lehrgangs – unter anderem Internisten, Psychiater, eine Gynäkologin und eine Nephrologin. Eine Spezialisierung innerhalb einer Fachgruppe ist aber sicher nötig. Wenn es eine Zusatzausbildung dafür geben würde, wäre das toll. Wir haben für ein Ärztekammerdiplom eingereicht. Aber es ist noch ein langer Weg.

Info: Verschiedene Aspekte aufzeigen

Buchtipp A. Kautzky-Willer, E. Tschachler, Gesundheit: Eine Frage des Geschlechts, Verlag Orac, 22 €. Ab Samstag im Handel.

Studien Kautzy-Willer sucht Teilnehmerinnen für Studien. In einer soll ein neues Medikament gegen sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen getestet werden. Bei der anderen geht es um den Schutz übergewichtiger Schwangerer vor Schwangerschaftsdiabetes.

Info: 01/40400-2069.

 

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