Revolution: Mit der fühlenden Beinprothese wird die Sturzgefahr reduziert.

© APA/HERBERT NEUBAUER

Positive Studienergebnisse
06/08/2015

Erster Mensch mit einer fühlenden Beinprothese

Forscher sprechen von "Revolution in der Prothesenforschung".

Bis vor wenigen Monaten erhielt Wolfgang Rangger noch starke Opiate, um seine Schmerzen zu ertragen. Seit der 54-jährige Lehrer vor acht Jahren sein Bein verloren hat, litt er unter heftigen Phantomschmerzen. Die Therapien halfen nicht – er konnte nicht schlafen, musste seinen Beruf aufgeben.

Die Schmerzen sind jetzt weg. Rangger braucht keine Opiate mehr. Möglich gemacht hat das der Prototyp einer neuartigen Beinprothese. Rangger kann damit fühlen, wie „sein“ Fuß abrollt, er spürt, ob er auf Asphalt, Schotter oder auf Rasen geht und steigt Stiegen wie mit zwei gesunden Beinen.

Möglich gemacht hat das der Prothetik-Experte Hubert Egger, Professor an der FH Oberösterreich in Kooperation mit der MedUni Innsbruck. „Prothesen waren bisher gefühllose Geräte am Fuß. Das ist vergleichbar damit, als würden wir eine Treppe übersehen und ins Leere steigen“, erklärt Egger. Seine sensorische Prothese hat sechs künstliche Drucksensoren auf der Sohle, die den Bodenkontakt messen und die Information über die Abrollbewegung den Fußnerven zuführen – diese wurden vorher operativ so umgeleitet, dass die Empfindung auf die Haut übertragen werden kann. „Der Patient spürt den Kontakt zum Boden, und dass die Zehen vom Boden abheben – das gibt Sicherheit beim Gehen und reduziert die Sturzgefahr.“

Weltweit wird intensiv an der Entwicklung noch besserer Prothesen gearbeitet. Man unterscheidet inzwischen grundsätzlich zwischen motorisch-gedankengesteuerten und sensorisch-fühlenden Prothesen. Egger war es auch, der vor acht Jahren leitend an einem Prototyp einer gedankengesteuerten Armprothese beteiligt war. Betroffene können mithilfe von Gedankenkraft nach etwas greifen oder Dinge halten oder Essen klein schneiden. Die Prothese hat vergangenes Jahr in den USA die Zulassung der Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) erhalten.

Näher zur Natur

Bei der Armprothese werden die Informationen aus dem Gehirn an den Arm weitergeleitet – die sensorisch-fühlende Beinprothese leitet die Informationen vom Fuß an das Gehirn. Forscher der Case Western University in Cleveland haben vergangenes Jahr den Prototyp einer Armprothese vorgestellt, mit der Betroffene ihren Tastsinn zurückerlangen – sie können zwischen Texturen unterscheiden und sogar den Stiel von einer Kirsche entfernen.
Egger hofft, das Leben von Menschen mit Amputationen deutlich zu erleichtern, sie von ihren Phantomschmerzen zu befreien, indem die künstlichen Gliedmaße den verlorenen immer ein Stück näherkommen.

„100 Prozent werden wir nie erreichen können – aber jetzt sind es bei der Beinprothese noch sechs Druckpunkte, in einigen Jahren vielleicht schon mehr. Der nächste Schritt wäre ein motorisch-sensorisches Bein“, sagt Egger, der hofft, dass seine Forschungsergebnisse von der Industrie aufgegriffen werden.
Sein Traum: „Vielleicht ist es eines Tages möglich, so selbstverständlich eine Prothese zu bekommen wie eine Brille.“

Geschichte der Prothese

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