"Den Kranken so lange wie möglich im Leben halten"

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Foto: Jürg Christandl Demenz-Experte Udo Zifko

In Österreich braucht es mehr und spezielle Einrichtungen für Demenz-Patienten, sagen Experten wie Udo Zifko.

Universitäts-Dozent Udo Zifko, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, behandelt Demenz-Erkrankte und engagiert sich für bessere Akzeptanz und Angehörigen-Hilfe. (Öffentliche Infotage, Infos auf: www.neuro-psycho-geriatrie.at) . Der KURIER wollte wissen, wie Zifko das Modell von Hogewey bewertet, und ob es auch für Österreich ein gangbarer Weg wäre.

KURIER: Herr Dr. Zifko, gibt es vergleichbare Einrichtungen in Österreich?

Udo Zifko: Nein, aber es wäre sinnvoll. Unsere Therapiekonzepte gehen jedoch in die gleiche Richtung: Den Demenzkranken so lange wie möglich in seinem Leben zu halten.

Wie viel dieses Lebens ist Demenzkranken zumutbar, ohne dass Gefahr besteht?

Demenzkrank zu sein heißt, man hat in vielen Bereichen Defizite, aber in anderen funktioniert alles sehr gut. Wenn man einen Patienten besachwaltet, nimmt man ihm viel Leben weg.

Den Kranken in seinem Leben zu halten, bedeutet aber meist: im eigenen Zuhause eingesperrt sein.

Stimmt, in der eigenen Wohnung oder im Pflegeheim. Aber die Heime sind deutlich besser geworden. Man hat manche architektonisch und durch eigens geschultes Personal demenzgerecht gemacht. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber bis alle Demenz-Patienten in solchen Einrichtungen untergebracht werden können, dauert es noch.

Dennoch können wir – im Gegensatz zu Holländern – noch immer nicht offen über die Krankheit reden.

Das offene Gespräch ist sehr wichtig, auch das Anerkennen und vor allem: es nicht zu tabuisieren. Das hindert auch die Früherkennung, erste Anzeichen werden so oft übersehen.

Was sind Anzeichen?

Ein dringendes Zeichen ist, wenn über die Vergesslichkeit andere Gehirnfunktionen beeinträchtigt werden. Oder logische Handlungsabläufe nicht mehr gemacht werden können. Oder die Orientierung fehlt, dass jemand nicht mehr weiß, welche Straßenbahn er nach Hause nehmen muss. Oder wenn der Überblick bei leicht überschaubaren Geldbeträgen verloren geht.

Kann man Demenz austesten?

Wichtig ist eine neurologische Untersuchung und ein Gespräch mit dem Patienten. Einer der Standardtests ist der Minimentalstate (MMSE), den man bei jedem Neurologen und Psychiater machen kann. Dabei muss man sich Begriffe merken oder einfache Rechnungen durchführen: Ziehen Sie 7 von 100 ab, davon wieder 7 und so weiter. Der MMSE ist auch wichtig zur Verlaufskontrolle und Medikamenten-Einstellung. Aber der Betroffene muss hingehen. Das passiert oft nicht. Daher ist Selbstüberprüfung wichtig.

Womit wir beim Problemfeld Familie sind. Demenzkranke gestehen sich und Angehörigen das Problem oft nicht ein.

Für Angehörige ist es auch schwer zu beurteilen, keiner kann bei Verwandten objektiv sein. Viele Fälle werden erst in besonderen Momenten wahrgenommen, etwa bei der Zeitumstellung. Auch nach dem Währungswechsel auf Euro wurden viele Fälle erkannt.

Der Umgang mit Demenz überfordert viele Familien. Es gibt Streit über Fremdbetreuung oder ein ständiges "Na geh, streng dich ein bisserl an". Was ist richtig?

Objektiv: So wenig Hilfe wie möglich, so viel wie nötig. Das Zuhause ist das bessere Umfeld, solange der Mensch sich nicht selbst gefährdet. Der Demenz-Zustand kostet viel Energie. Aber es kommt auf den Menschen an: Wie ist die Persönlichkeit? Lebt er in einer Eigentumswohnung, auf die er ewig gespart hat? Wie ist die Nachbarschaft – gute Kontakte oder Fremde? Ich habe als Arzt kein Recht, Angehörigen zu sagen, was zu tun ist. Es würde vieles erleichtern, wenn jeder eine Patientenverfügung hätte. Das ist auch bei schweren Unfällen gut. Jeder sollte aufschreiben, was und wie er es im Unglücksfall will.

Demenzfälle nehmen zu, Ursache und Heilung sind unbekannt – gibt es eine positive Botschaft?

Der Umgang damit wird besser. Es gibt spezielle Heime. Und wir haben heute zumindest Medikamente, die den Verlauf verlangsamen. Das gilt jedoch alles nur bei Früherkennung. Meistens kommen Menschen aber erst ein bis zwei Jahre nach den ersten Anzeichen.

(kurier / Axel N. Halbhuber) Erstellt am
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