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24.10.2018

"Das Frauenwahlrecht hat man nicht mehr verhindern können"

Seit 40 Jahren hatten sie für Gleichberechtigung an der Wahlurne gekämpft: 1918 konnten die Frauen die Aufbruchstimmung nutzen.

"Raus mit den Männern aus dem Reichstag, und raus mit den Männern aus dem Landtag, und raus mit den Männern aus dem Herrenhaus, wir machen draus ein Frauenhaus!" (Aus einem Chanson Friedrich Hollaenders)

Als sich Ende Oktober 1918 die Ausrufung des neuen Staates Deutsch-Österreich abzeichnet, hatte der Kampf um die Gleichberechtigung bereits Jahrzehnte gedauert. Jetzt, war die Frauenrechtlerin und Sozialdemokratin Therese Schlesinger überzeugt, müsse die Aufbruchsstimmung auch den Frauen zugute kommen: „Die Frauen müssen gleiche Bürgerinnen werden!“ Und die Journalistin Maria Tausk forderte: „Wir Frauen dürfen den Augenblick, da alles gelockert ist und sich zu neuen Formen erst fügen will, nicht versäumen.“

Immerhin waren die ersten österreichischen Frauenstimmrechtsvereine bereits Ende der 1880er-Jahre gegründet worden. Als einzige politische Partei unterstützte die Sozialdemokratie die Forderung nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht „ohne Unterschied des Geschlechts“ und hatten sie in ihr Programm aufgenommen. Am 19. März 1911 gingen sogar 20.000 Frauen und Männer dafür auf die Straße.

Der Erste Weltkrieg war ein Mobilisator für die Frauen, sagt die Genderforscherin und Historikerin Gabriella Hauch: „Damals begann eine umfassende, alle Schichten durchdringende Diskussion über das Frauenwahlrecht, das sie sich in weiten Teilen Europas zwischen 1918 und 1922 erstritten.“

Enormer Druck

Im Herbst 1918, als das alte Regime am Abgrund stand, meldeten sich die Frauen dann mit Hilfe der zweiwöchentlich erscheinenden Arbeiterinnen-Zeitung, deren Auflage sich in weniger als einem Jahr verdreifacht hatte, wieder zu Wort. „Das Frauenwahlrecht hat man nicht mehr verhindern können, weil die Frauen in der Sozialdemokratie enormen Druck aufgebaut haben“, ist Historiker Anton Holzer überzeugt.

Als Karl Renner, der sozialdemokratische Regierungschef des Umbruchs, in den ersten Novembertagen 1918 mit den Christlichsozialen und den Deutschnationalen in Verhandlungen über das neue Grundgesetz trat, hatten sogar die Konservativen erkannt, dass der Geist der neuen Zeit nicht mehr aufzuhalten war und ihren prinzipiellen Widerstand gegen das Frauenwahlrecht aufgegeben: Am Spätnachmittag des 11. November 1918 wurde die Einführung des Frauenwahlrechts öffentlich angekündigt. Eine Sonderausgabe der Wiener Zeitung informierte die Bevölkerung.

Das eingangs erwähnte Chanson von Friedrich Hollaender zeigt die Stimmung unter den Frauen nach dem Ersten Weltkrieg ganz gut: „Damals haben Frauen laut darüber nachgedacht, ob die Männer nach der menschlichen Katastrophe des Weltkrieges überhaupt noch das Recht haben, zu regieren“, sagt Historikerin Hauch.

Es blieb beim Nachdenken: Nur 115 Frauen kandidierten österreichweit für die erste Parlamentswahl 1919.

 

Die Wahlergebnisse waren für die Frauen enttäuschender als erwartet. Sieben weibliche sozialdemokratische Abgeordnete schafften es ins Parlament, darunter Adelheid Popp und Therese Schlesinger. Von den Christlichsozialen wurde nur Hildegard Burjan entsandt. Insgesamt lag der Anteil der weiblichen Abgeordneten bei mageren 4,7 Prozent und sollte während der gesamten Ersten Republik nur unwesentlich ansteigen.

Die Regierungsbank blieb ausschließlich männlich besetzt. Holzer: „Das war die ganz große Enttäuschung. Das Frauenwahlrecht war ein großer symbolischer Erfolg, aber die reale Politik dahinter war sehr viel mühsamer.“