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Wissen und Gesundheit
09/24/2012

Altern: Die Welt der hoch agilen Greise

Der Mensch ist kein Süßwasserpolyp, er stirbt irgendwann. Lebensverlängernd sind: wenig Stress und viele soziale Aufgaben.

70 ist nicht das neue 60, sondern das neue 70. Das ist das Credo der US-Altersforscher und also auch das von Unterstaatssekretärin Kathy Greenlee, Gast bei der Wiener Weltkonferenz zu Fragen des Alterns. Ihr Credo: "Die 70-Jährigen von heute wollen nicht unbedingt jünger sein, aber sie wollen agil sein." Machen wir uns nichts vor, alt werden ist harte Arbeit.

- Der geordnete Lebenswandel 50 Prozent der Hundertjährigen leiden an Demenz. Die goldene Regel lautet: Alles, was für das Herz gut ist, ist auch fürs Hirn gut. Das bedeutet: Blutdruck, Blutzucker und Blutfette kontrollieren, regelmäßig Bewegung machen, Gewicht reduzieren, mit dem Rauchen aufhören, auf die Ernährung achten. Wussten Sie etwa, dass Mandarinen einen Stoff enthalten, der nicht nur Übergewicht entgegenwirkt, sondern auch Schutz vor Altersdiabetes und Arterienverkalkung bietet? Start: spätestens mit 40.

- Die unterschätzte Psyche Wer sehr alt wird, hat meist einen guten Grund in der Früh aufzustehen. Greenlee: "Ich bin überzeugt, man muss auch psychisch gesund sein, um sehr alt zu werden."

- Die tägliche Håckn Was tun die 112-Jährigen im "Tal der Hundertjährigen"? Sie stehen auf ihren Feldern und pflücken Unkraut. Auch auf der "Insel der Hundertjährigen" in Okinawa, Japan, werden die Senioren noch mit vielen sozialen Aufgaben betraut. Ein weiterer Schlüssel zum Älterwerden, sagt Jutta Gampe vom deutschen Max-Planck-Institut für demografische Forschung.

- Das Unausweichliche Menschen sterben. Das ist nicht so banal wie es scheint, denn nicht alle Organismen tun es. Süßwasserpolypen, daumennagelgroße Bewohner unserer Gewässer, sind praktisch unsterblich, wenn sei nicht gefressen werden. Sie ersetzen ihre alten Zellen durch neue. Hummer weisen nach Jahrzehnten kaum körperliche Abnützungen auf. Das genetische Programm des Menschen sieht hingegen vor, dass sich die meisten Zellen nicht unbegrenzt vermehren können.

- Das schöne Laster Die steinalten Männer im Andendorf Vilcabamba konsumieren Drogen, sie rauchen Stechapfel-Blätter. An Sex denken sie sowieso ununterbrochen. Die älteste Frau aller Zeiten, die Französin Jeanne Calment (✝1997), trank in ihrem 122-jährigen Leben täglich ein Glas Portwein und rauchte bis sie 117 wurde und so schlecht sah, dass sie sich die Zigaretten nicht mehr selbst anzünden konnte. Die Französin traf als junge Frau Vincent van Gogh in einem Pinselgeschäft und meinte, der sei "ungewaschen und schlecht gekleidet" gewesen. Sie nahm mit 85 Jahren noch Fechtunterricht und fuhr als Hundertjährige Fahrrad. Geistig war sie voll da: Auf die Frage eines Reporters "Werde ich Sie nächstes Jahr wiedersehen?", antwortete sie: "Warum nicht, sie sehen doch ganz gesund aus?" Da war Calment 120.

"Gemüse essen ist immer gut"

Kathy Greenlee ist seit 2009 Unterstaatssekretärin für Gesundheit in der Obama-Administration. Die Expertin aus Kansas will selbst sehr alt werden, "weil ich noch lange für meine Enkelkinder da sein will".

KURIER: Wie bringen Sie einem Jugendlichen bei, dass er die Cheeseburger aufgibt, und auf Gemüse umsteigt?

Kathy Greenlee: Jeder soll seine Jugend genießen, aber früher oder später musst du aktiv werden und die richtigen Dinge tun (schon ab 30 bilden sich die Muskeln des Menschen deutlich zurück, Anm.). Michelle Obama, die sich um Fettleibigkeit bei Kindern kümmert, hat gesagt, dass jeder für seine eigene Gesundheit Verantwortung übernehmen muss.

Hört sich anstrengend an, was sind Ihre konkreten Ratschläge?

Wenn du nach Hause kommst und du warst mit dem Auto unterwegs, geh mit deinem Hund spazieren. Nimm dein Leben an. Ich bewundere Menschen, die täglich etwas Neues lernen wollen. Und: Esst euer Gemüse, das ist immer ein guter Ratschlag.

Was kann man von sehr alten Menschen lernen?

Die besten Alten haben einen feinen Sinn für Humor. Sie wissen, was wirklich wichtig ist im Leben und was lediglich Unannehmlichkeiten sind.

Die Musik als Überlebenshilfe

Selbst wenn das Leben mit voller Härte zuschlägt, gibt es die Chance auf ein positives Weiterleben. Das beweist die Pianistin Alice Herz-Sommer, 108. Buchautorin Christine Haiden hat sie mit anderen 100-Jährigen in ihren Büchern "Vielleicht bin ich ja ein Wunder" und "Wunderbar weise" (Residenz Verlag) porträtiert.

Durch ihre Musik überlebte Herz-Sommer mit ihrem kleinen Sohn das Konzentrationslager Theresienstadt. Ehemann und Mutter kamen um. Tägliches Üben der anspruchsvollen 24 Etudes von Frederic Chopin half ihr später über eine Depression mit Todessehnsüchten. Sie emigrierte nach Israel und mit 84 nach London, wo sie mit 98 Jahren den Tod ihres einzigen Kindes miterlebte. Ihren Lebensmut hat all das nicht gebrochen. Sie spielt noch immer Klavier – und beginnt jeden Tag mit Bach und Beethoven: "Die Musik ist ein Zauber."

Lebensspanne: Weshalb wir altern

Veränderungen Hände werden dünner, Haare grauer, die Haut faltiger. Hunderte von Genen wirken zusammen, wenn ein Mensch altert, ihr Einfluss ist mit 25 Prozent aber begrenzt. Wie viele Geburtstage wir erleben, hängt zu 75 Prozent von Zufall, Umwelt oder Lebenswandel ab. Ein absolutes Alterslimit gibt es nicht.

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