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Advent
12/01/2015

Gegen den Stress, für das Kipferlwutzeln

Vorfreude? Wahnsinn! Gabriele Kuhn über ihr persönliches Stress-Management in der "stillsten" Zeit des Jahres.

von Gabriele Kuhn

Weihnachten betreffend wurde ich mit Engelshaar und Stille Nacht sozialisiert – gesungen von den Sängerknaben, gespielt auf dem Akkordeon. Mutter und Nachbarin waren fürs Engelshaar zuständig, meine zwei linken Hände für die Altottakringer Cover-Version der Weihnachtshymne.

Ersteres liebte ich, Zweiteres hasste ich. Weil Stille Nacht oder Süßer die Glocken nie klingen von einer Zwölfjährigen auf einer Quet’schn gespielt, vermutlich der häufigste Auslöser von Ohrenkrebs sind. Die Sängerknaben-Version habe ich sowieso völlig verdrängt. Aber immerhin sah das Fichtenkrewecherl durch den Weichzeichnereffekt der Engelshaar-Orgie für uns alle so aus wie diese Über-Tannen aus den amerikanischen Weihnachtsfilmen. Außerdem bin ich mir sicher: Ich, nur ich, habe das Christkind gesehen.

White-Christmas-Effekt

Bis heute habe ich mir von all dem etwas erhalten, das ich nicht missen möchte: das Wissen um die Macht der Illusion. Manche sagen Blödheit dazu, ich nenne es "White-Christmas"-Effekt: Wer lange genug von weißen Weihnachten singt, sieht irgendwann weiße Weihnachten, trotz Klimawandels. Von der Mama habe ich gelernt, dass Weihnachtsgefühle eine Frage der Entscheidung sind. Sie hat es geschafft, mich in dieser Zeit zu verzaubern. Sie hat gut gemacht, was nicht gut war. Sie hat mir Stiefel geschenkt, die sie sich nicht leisten konnte. Sie hat ein Essen gekocht, das nicht besonders war, aber speziell. Von ihr habe ich gelernt, dass es möglich ist, sich zu entscheiden – gegen das Böse, für das Schöne. Gegen den Stress, für das Vanillekipferlwutzeln. Und – heute: gegen Last Christmas, für die Stille. Eine Stille, die es nur gibt, wenn man sie sucht. Keiner muss mitrudern auf der Das muss ich auch noch erledigen-Galeere. Jeder kann entscheiden, in dieser Zeit etwas anderes zu machen, als allen suggeriert wird. Ich kann auch innehalten, pausieren und mich damit selbst beschenken. Hauptsache, nix mit Akkordeon (sorry, Akkordeon-Fans, nix Persönliches).

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