Robert LASSHOFER

Robert Lasshofer, Ex-Chef der Wiener Städtischen, wechselte in den Eigentümer-Verein

© schoendorfer karl

Wirtschaft
01/05/2021

Wiener Städtische: "Die individuellen Risiken werden mehr"

Robert Lasshofer im KURIER-Interview über einen sehr einflussreichen Verein, Corona und warum die Unfallzahlen im Homeoffice steigen.

von Andrea Hodoschek

KURIER: Sie waren 21 Jahre im Vorstand der Wiener Städtischen. Fällt das Loslassen schwer?

Robert Lasshofer: Es ist ein bisschen ein Phantomschmerz. Man baut mit der Zeit eine emotionale Verbindung zum Versicherungsgeschäft auf, man begleitet die Kunden in den unterschiedlichsten Lebensbereichen, vom Schaden über die Kranken-, Lebens- und Pflegeversicherung bis zur Cyberversicherung. Das ist eine schöne Aufgabe.

Seit 1. Jänner sind Sie Vorstandsvorsitzender des Wiener Städtische Versicherungsvereins. Damit sind Sie noch einflussreicher.

Der Verein ist Mehrheitsaktionär der VIG. Ich bin ja nicht im Vorstand oder Aufsichtsrat der VIG. Aber im Verein habe ich viele Gestaltungsmöglichkeiten und kann der Gesellschaft etwas zurückgeben, der Verein unterstützt soziale und kulturelle Initiativen sehr stark.

Anders gefragt: Wie einflussreich ist der Verein?

Dass ein großer Aktionär Einfluss hat, ist evident. Das wird ausgeübt über die Hauptversammlung, wo die Aufsichtsräte bestellt werden, die den Vorstand bestellen. Aber ein wechselseitiger Verein kann keine Kapitalmaßnahmen an der Börse durchführen, deswegen wurde die Wiener Städtische AG in den 1990er Jahren gegründet.

Was war im Rückblick Ihr einschneidendstes Erlebnis?

Am 3. August 2010 erfolgte offiziell die Spaltung zwischen VIG und Wiener Städtischer, durch die ich Generaldirektor wurde. Das war zufällig auch mein Geburtstag. Ich dachte mir, als Versicherer kannst du Zufälle gar nicht so schlecht managen.

Aber spannend wurde es erst mit der Ost-Expansion.

Es war und ist im Wesentlichen das Verdienst von Dr. Geyer, der die Energie und den Mut aufgebracht hatte, die Expansion voranzutreiben – die ja sehr erfolgreich war und nach wie vor ist.

Zur Zukunft, was sind die großen Herausforderungen der nächsten Jahre?

Zuerst einmal die Geldpolitik und damit einhergehend die klassische Lebensversicherung. Es gibt keine risikolose Veranlagung mehr. Wer mehr Rendite erzielen möchte, sollte zur Fondsgebundenen greifen. Eine weitere Herausforderung ist die Digitalisierung. Wir bieten unseren Kunden bereits heute eine analoge und digitale Beratung und viele Online-Services, etwa bei der Schadensabwicklung. Der Kunde kann Apps nutzen oder wie bisher seinen Berater kontaktieren, er hat die Wahl. Diese hybriden Lösungen werden künftig mehr werden.

Wie ernst nimmt Ihr Haus nachhaltige Veranlagungen?

Die Versicherungswirtschaft kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Wir sind bedeutende Sammelstellen für Kapital, aber es fehlen noch regulatorische Rahmenbedingungen. Atomenergie etwa wird in Frankreich anders diskutiert als in Österreich. Wir zeichnen zum Beispiel keine Kohlerisiken mehr. Als Konsument kann man sich bei der Fondsgebundenen aussuchen, ob man nachhaltig investiert sein will oder nicht. Dabei gibt es keinen Renditenachteil, ganz im Gegenteil, Studien belegen, dass nachhaltige Unternehmen krisenresistenter sind.

Apropos Schaden, wird das Leben riskanter?

Die individuellen Risiken werden nicht weniger, sondern eher mehr. Die Versorgungslücke im Alter wird allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung immer größer, Stichwort Pension und Pflege. Und dann kommen neue Risiken hinzu wie Cybercrime, Smart Home, etc.

Welche Versicherungen werden teurer?

In der Lebensversicherung muss man für einen entsprechenden Kapitalstock mehr ansparen. Daher sollte man schon in jungen Jahren mit der Vorsorge beginnen. Und der Pflegebedarf wird ebenfalls zunehmen. Heute beziehen 470.000 Menschen in Österreich Pflegegeld, 2050 werden es 750.000 sein. Wir haben das demografische Problem und die Versingelung der Haushalte. Die Menschen wollen so lange wie möglich zu Hause gepflegt werden, das kostet natürlich Geld. Hier können wir mit der privaten Pflegeversicherung einen Beitrag leisten.

Die Versicherungen kommen immer mit dem Schreckgespenst der steigenden Pflegebedürftigkeit. Die alten Menschen sind doch heute wesentlich fitter als vor ein, zwei Generationen.

Aber wenn die Menschen Pflege brauchen, dann dauert diese länger als früher. Die Finanzierungsfrage wird unsere Gesellschaft noch sehr stark beschäftigen. Am vernünftigsten ist eine Kombination zwischen öffentlicher und privater Pflegevorsorge. Laut Wifo steigen die staatlichen Pflegekosten von 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 13,2 Milliarden im Jahr 2050.

Wie sehr trifft Corona Ihre Branche?

Wir sind konjunkturelastisch. Wir profitieren, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Die hohe Arbeitslosigkeit ist nachteilig, wer keinen Job hat, beschäftigt sich nicht mit Vorsorge. Ein schneller Wiederaufschwung wäre für alle das Beste. Ich befürchte aber, die BIP-Entwicklung wird kein V, sondern ein U, also der Aufschwung wird noch auf sich warten lassen.

Wie wirkt sich Corona auf die einzelnen Sparten aus?

Die Krankenversicherung erfreut sich hoher Nachfrage, das Bewusstsein dafür steigt. Die Lebensversicherung ist schwierig, das gilt insbesondere für die klassische wegen der niedrigen Zinsen. Die Einbruchschäden sind rückläufig, weil viele Menschen in Homeoffice sind. Die Kfz-Schäden sind im ersten Lockdown im Frühjahr um 40 Prozent gesunken, waren über den Sommer dann wieder auf normalem Niveau, weil die Leute weniger mit Öffis und auch mehr mit dem Auto in den Urlaub fuhren. Zu Jahresende betrug das Minus rund fünf Prozent.

Die Unfallzahlen müssten doch auch sinken?

Nein, das Homeoffice ist unfallträchtig. Es gibt zwar weniger Freizeitunfälle, aber mehr Unfälle zu Hause. Die Leute haben Corona genutzt, um ihre Wohnungen und Häuser zu renovieren. Dadurch gab es auch mehr Stürze.

Wie groß sind die Risiken durch Naturkatastrophen?

Immens. Laut dem Rückversicherer Swiss Re verursachten Naturkatastrophen heuer versicherte Schäden von mehr als 80 Milliarden Dollar. Wir heizen die Erde zu sehr auf. China beispielsweise nimmt immer noch neue Kohlekraftwerke ans Netz, die Emissionen machen aber nicht an Landesgrenzen halt. Wir brauchen globale Lösungen, die diszipliniert eingehalten werden.

Ihr Mitbewerber auf der anderen Seite des Donaukanals hat einige Hundert Kündigungen angemeldet. Wie schaut’s im Ringturm aus?

Wir haben keine Kündigungen auf der Agenda, haben auch keine Staatshilfen und keine Kurzarbeit in Anspruch genommen. Gleichzeitig sind wir der größte Lehrlingsausbildner in der Branche.

Sie haben halt schrittweise abgebaut.

Unser Kostenmanagement ist ein ständiger Prozess, wir haben die natürliche Fluktuation genutzt und im Verwaltungsbereich abgebaut. Im regulatorischen Bereich sind viele neue Arbeitsplätze entstanden, wir haben Mathematiker, Physiker, Aktuare, Juristen eingestellt.

Der 63-Jährige übernahm mit 1. Jänner 2021 den Vorstandsvorsitz des Wiener Städtische Versicherungsvereins. Dieser hält 72 Prozent am börsenotierten VIG-Konzern (Vienna Insurance Group). Die VIG, Österreichs größte Versicherungsgruppe, entstand aus der Wiener Städtischen. Lasshofer begann 1983 in der Bank Austria, 1999 wurde er Vorstand der Wiener Städtischen, ab 2010 war er CEO. Mit Jahresbeginn 2021 ist er auch Präsident des Versicherungsverbandes. Die Wiener Städtische zählt mehr als 2,5 Millionen Kunden und drei Milliarden Euro Prämien.

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