Wirtschaft 28.05.2018

Wie Österreichs Erdgasbranche "grüner" werden will

Erdgasspeicher der RAG © Bild: RaG

Überschüssige Wind- und Sonnenenergie könnte zur Erzeugung von Wasserstoff genutzt und ins Gasnetz eingespeist werden.

Es geht um viele Milliarden Euro an Investitionen und einen kompletten Strategiewandel: Österreichs Erdgas-Unternehmen stehen vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Sie müssen die fossile Energie Gas, das mit seinen -Emissionen mitverantwortlich für den Klimawandel ist, „grün“ machen. Wie das gehen soll, erzählen Peter  Weinelt, Obman des Gas-, Wasser- und Wärmefachverbands sowie Vize-Chef der Wiener Stadtwerke und Markus Mitteregger, Chef des Gasspeicher-Unternehmens RAG dem KURIER.

KURIER: Erdgas ist fossile Energie. Wie soll das klimafreundlich werden?

Peter Weinelt: Wir haben zwei Ansatzpunkte: Erstens Biogas. Es gibt eine Reihe von Anlagen in Österreich, die aus Biogas aus der Landwirtschaft Strom erzeugen. Wir wollen die Betreiber ermuntern, dieses Gas ins Erdgasnetz einzuspeichern statt Strom zu produzieren, was sich ohnehin nicht rechnet. Und zweitens wollen wir Ökostromüberschüsse zur Erzeugung von Wasserstoff nutzen, der auch ins Gasnetz eingespeist wird.

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RAG-Chef Markus Mitteregger © Bild: STEVE HAIDER/www.steve.haider.co

Markus Mitteregger: Es geht ja darum: Wir brauchen im Winter die meiste Energie. Die Solar- und Windstromanlagen erzeugen aber das meiste im Sommer. Wenn wir aus diesen Stromüberschüssen in der Elektrolyse Wasserstoff produzieren und diesen in Gasspeicher lagern, bringt das viel für die Erreichung der Klimaziele.

Wasserstoff in Gasspeicher. Verträgt sich das überhaupt?

Mitteregger:Wir haben in unseren Gasspeichern in Oberösterreich ein Versuchsprojekt, den „Underground sun Storage“ durchgeführt. Bis zu zehn Prozent Wasserstoff können demnach problemlos dem Erdgas beigemischt werden. Sie müssen bedenken, dass das frühere Stadtgas, das es bis Ende der 1960er Jahre in Österreich gab, zu 50 Prozent aus Wasserstoff bestand.

Aber was ist „grün“ an diesem Gas. Bei der Verbrennung entsteht ja wieder . . .

Weinelt: Erneuerbar ist das Gas dann, wenn vorhandenes etwa aus der Biomasseverbrennung genutzt wird und im Produktionsprozess wieder gebunden wird. So entsteht ein nachhaltiger Kohlenstoffkreislauf. Oder wenn aus Ökostrom Wasserstoff erzeugt und ins Gasnetz eingespeist wird. Dann ist der -Kreislauf geschlossen.

Mitteregger: Wir haben bei unserem Testprojekt im Gasspeicher eine spannende Entdeckung gemacht: Aus dem eingespeisten Wasserstoff wird gemeinsam mit dem zugeführten in 1000 Meter Tiefe mit den dort vorhandenen Mikroorganismen wieder Erdgas. Wir haben diese Underground Sun Conversion patentieren lassen. Österreich hat auf diesem Gebiet eine Riesenchance. Denn wir haben mit den viertgrößten Gasspeichern Europas viel Platz für diese Technologie.

Bis wann wollen Sie Österreichs Gasbranche “grün“ machen?

Weinelt: Das braucht sicher 30 bis 40 Jahre. Aber der Umbau ist teuer und kapitalintensiv. Da muss man sich rechtzeitig Gedanken darüber machen.

Mitteregger: Nach unseren Schätzungen könnte 2020 das gesamte Gas, das fürs Heizen verwendet wird, „grün“ sein. Das ist in etwa ein Viertel des Gas-Gesamtverbrauchs. Dafür brauchen wir weniger Gasimporte.

Kann die Branche die Milliarden-Investitionen wirklich schultern?

Weinelt: Wir benötigen Anreize von der Politik. Das künftige Energiegesetz muss Gas und unsere Infrastruktur berücksichtigen. Immerhin haben wir 43.000 Kilometer Gasleitungen in Österreich. Zum Beispiel sollten Biogasanlagen, die auf die Einspeisung von Gas ins Netz umsteigen, gefördert werden.

Sind Gas-Autos gar kein Thema mehr?

Weinelt: Wir denken, dass Flüssiggas für Lkw den Diesel ersetzen wird. Das reduziert den -Ausstoß im Schwerverkehr enorm.

DI Peter Weinelt
Peter Weinelt, Vize-Chef Wiener Stadtwerke © Bild: Wiener Stadtwerke / Kurt Keinrath/KURT KEINRATH
( kurier.at ) Erstellt am 28.05.2018