Wirtschaft
29.04.2018

Wie Erdgas „grün“ werden soll

Branchen-Chef Michael Mock erklärt die Ökostrategie der Gasversorger

von Irmgard KischkoWenn es um Klimaziele geht, reden alle über Strom: Strom aus Windkraftanlagen, Photovoltaik oder Biomasse soll schmutzige Kohle- und Ölkraftwerke ersetzen. Doch was ist mit Erdgas? Auch das ist ein fossiler Energieträger, bei dessen Verbrennung entsteht – wenn auch vergleichsweise weniger als bei Öl. Michael Mock, Geschäftsführer des Fachverbands Gas, Wasser, Wärme im KURIER-Gespräch über die Bemühungen der Branche, „grün“ zu werden.

KURIER: Viele Österreicher heizen mit Gas. Müssen Sie in den nächsten Jahren auf ein anderes Heizsystem umsteigen?

Michael Mock: Die Klimastrategie der Regierung sieht vor, dass die Emissionen im Wärmebereich bis 2030 um drei Millionen Tonnen sinken müssen. Zwei Millionen Tonnen davon sollen aus dem Ausstieg aus der Ölheizung kommen, der Rest von anderen fossilen Heizquellen. Dafür haben wir Lösungen, ohne dass die Verbraucher neue Heizungen kaufen müssen.

Die Gasheizung wird also kein Auslaufmodell?

Dass alle auf Strom umsteigen wird nicht gehen. Die Energiewende kann nicht nur eine Stromwende werden. Dafür fehlen die Ressourcen: Woher soll der viele erneuerbare Strom kommen? Und das zweite Problem des Stroms ist die Speicherbarkeit und die Volatilität von Wind und Sonne. Da glauben wir, dass Gas helfen kann.

Wie soll das gehen?

Das Schlagwort heißt Sektorkopplung: Aus unserer Sicht bedeutet das aber nicht, eine Windrad mit einem Pumpspeicherkraftwerk oder einer Autobatterie zu verbinden , sondern dass man Strom, Gas, Fernwärme, Heizung, Mobilität mitdenkt.

Das macht Gas aber noch nicht klimafreundlich ...

Ein Punkt unseres Ansatzes lautet: Aus überschüssigem Ökostrom Wasserstoff zu machen und daraus unter Zuführung von so genanntes synthetisches Erdgas, das ins Gasnetz eingespeist werden kann. Oder man erhöht den Wasserstoffanteil im Gasnetz.

Ist die Qualität dieses Gases gleich gut wie die von Erdgas oder müssen die Gasgeräte erneuert werden?

Nein. Das synthetische Erdgas hat 1:1 dieselben Eigenschaften wie Erdgas. Das kann in Kraftwerken genauso eingesetzt werden wie in Thermen. Allerdings ist die Herstellung ein Arbeitsschritt mehr, das heißt: Es ist eine Kostenfrage. Daher arbeitet die Gasbranche weltweit an der Frage, wie viel Wasserstoff dem Erdgas beigemischt werden kann ohne dass Leitungen zu Schaden kommen.

Synthetisches Gas statt Erdgas: Ist das überhaupt machbar?

Grundsätzlich glauben wir, dass der gesamte Gasverbrauch für die Raumwärme von derzeit 2,1 Milliarden Kubikmeter im Jahr bis 2050 durch grünes Erdgas ersetzt werden kann. Synthetisches Gas wird davon aber nur einen kleineren Teil, etwa 530 Millionen Kubikmeter ausmachen.

Und der große Rest?

Das wird Biogas sein, hergestellt aus Lebensmittelabfällen oder Klärschlamm.

Und dieses Gas soll genauso über Pipelines transportiert werden?

Wir haben 43.100 Kilometer Gasnetz in Österreich. Das ist eine wertvolle Transportinfrastruktur, die für die Energiewende genutzt werden soll. Beim Windstrom haben wir ja das Problem, ihn dorthin zu bringen, wo die Kunden sind. Der Stromleitungsbau ist fast unmöglich. Wir sagen: Wandelt den Strom in Gas um und transportiert es über Pipelines. Eine Gaspipeline fasst so viel Energie wie fünf 380-KV–Leitungen.

Hat die Branche Wünsche an die Politik?

Ja, wir hoffen auf eine Gleichstellung des grünen Gases mit den anderen erneuerbaren Energien. Wird grünes Gas dem Erdgas beigemischt, wird es derzeit mit der Energieabgabe belastet. Das sollte aufgehoben werden. Wir erwarten eine Einbeziehung ins Energiegesetz neu, das das Ökostromgesetz ablösen soll.