Wall Street: Der Marsch der 99 Prozent

Aus der "Occupy the Wall Street"-Aktion einiger Studenten wurde ein breiter Protest aus Gewerkschaften, Aktivisten und Anwohnern.

"Rettet unsere Republik", "Gleichheit, Demokratie, Revolution", "Milliardäre, Eure Zeit ist vorbei!": Tausende Demonstranten haben in New York am Mittwoch (5.10.) gegen die Macht der Banken und die wachsende Ungleichheit in den USA protestiert. Begleitet von einem großen Polizeiaufgebot zog der Marsch durch den Finanzdistrikt in Manhattan. Polizisten schätzen die Menge auf 5000 bis 7000 Menschen. Offizielle Zahlen gibt es nicht. "Wir sind die 99 Prozent, die die Gier und Bestechung des einen Prozents nicht mehr hinnehmen wollen", heißt es in Aufrufen in Anspielung auf Amerikas reichstes Prozent der Bevölkerung. Der Protest der "99 Prozent" richtet sich gegen die Wall Street, "weil dort unsere Renten verschwinden". Zusammen mit "den ehrbaren Arbeitern" wurde gegen große Ungerechtigkeit protestiert, "damit der amerikanische Traum wieder leben kann". Bereits Stunden vor der Demonstration versammelten sich am Mittwoch rund 2.000 Menschen im New Yorker Zuccotti-Park. Die kleine Grünfläche ist seit Mitte September das Hauptquartier der Protestler, weil die scharf bewachte Wall Street sich nicht für größere Demonstrationen eignet. Die Protestbewegung "Occupy the Wall Street" hatte in den vergangenen Tagen immer mehr Zulauf erhalten. Mittlerweile hat die Bewegung Rückendeckung von führenden Gewerkschaften, etwa dem Dachverband AFL-CIO, der Automobilgewerkschaft UAW und der Transportarbeitergewerkschaft TWU. In der Regel geben sich arbeitskampfgestählte Gewerkschafter nicht mit jungen Studenten ab, die das harte Erwerbsleben nicht kennen. Diesmal ist es anders, diesmal sind die Gewerkschaften mit dabei. "Es ist ganz einfach", sagte Larry Hanley von der Amalgamated Transit Union dem Sender CNN. "Diese jungen Leute an der Wall Street machen auf die Probleme aufmerksam, die die vielen arbeitenden Menschen in Amerika in den vergangenen Jahren bekommen haben". Zusammengehalten wird die Bewegung von der Wut darüber, dass vor allem die Mittelschicht und die ärmere Bevölkerung unter den Folgen der Finanzkrise zu leiden hätten. Klare Forderungen etwa nach Sondersteuern, Änderungen des Sozialrechts oder schärferer Verfolgung von Wirtschaftskriminalität allerdings sucht man vergebens. Die Demonstranten sprechen von zivilem Ungehorsam und beziehen sich ausdrücklich auf "die Taktik des Arabischen Frühlings". "Ich glaube, dass sich jeder hier ausgeraubt fühlt", sagte die 29-jährige Lindsey Personette. "Sie haben es schwer, über die Runden zu kommen." Die 26-jährige Kelly Wells, die aus dem Bundesstaat Oregon an der Westküste für die Proteste nach New York gekommen ist, hofft auf weiteren Schwung durch die wachsende Unterstützung: "Mehr Teilnehmer, mehr Macht, mehr Öffentlichkeit." Die New Yorker Abgeordnete Louise Slaughter, die für die Demokraten im Repräsentantenhaus sitzt, äußerte ihre Sympathie für die Bewegung. Slaughter sagte, sie sei "so stolz", dass die Wall-Street-Kritiker sich gegen die "ungezügelte Gier" bei Banken und Konzernen erheben würden und "friedlich an unserer Demokratie teilnehmen". Während die Manager vorüberhasten, vielleicht mal interessiert stehenbleiben, fühlte sich Sam Schmidt an seine Jugend erinnert. "Ich bin 60 Jahre alt. Ich habe die Sechziger und Siebziger erlebt und das hier ist gar nichts", sagte der Anwalt der Businessweek. "Die benehmen sich doch alle ganz ordentlich. Wir haben zwar ein paar Verrückte dabei. Aber die haben wir in New York sowieso." Nach Medienberichten wurden bei der Protestaktion 28 Menschen festgenommen. Mittwochabend (Ortszeit) kam es auch zu Handgreiflichkeiten zwischen Demonstranten und der Polizei. Witzig statt gewalttätig: Um gegen "die Fäulnis des Bankensystems" zu protestieren, verkleideten sich ein paar Dutzend Demonstranten am Montag (3.10) als Zombies. Sie demonstrierten gegen einen ganzen Katalog von Dingen, die nach ihrer Ansicht in den USA und dem Rest der Welt falsch laufen: das Wirtschaftssystem, die Sozialpolitik, die Justiz, die Klimapolitik - vor allem aber die Macht der Banken. Die Aktion "Occupy Wall Street" (Besetzt die Wall Street) begann am 17. September nicht – wie man vermuten sollte – in der Börsen- und Bankenstraße… …sondern 150 Meter weiter nördlich im Zuccotti Park… …einer kleinen Grünfläche am Broadway unweit des bei den Anschlägen vom 11. September 2001 zusammengestürzten World Trade Centers. Vorbild waren die Protestcamps in Spanien und von Demonstranten in der arabischen Welt. Es war auch alles andere als eine Massenbewegung. Nur eine Handvoll Studenten begann den Protest gegen die Macht der Banken. Sie machen insbesondere gegen Zwangsversteigerungen von Häusern durch Banken… … die hohe Arbeitslosigkeit … …sowie die Milliarden-Hilfen für Geldhäuser während der Finanzkrise Front. Über die Internetseite occupywallst.org sind die Demonstranten vernetzt. Rasch fand und findet die Aktion so Nachahmer und neue Anhänger ... – auch in anderen US-Städten wie Boston, Seattle, Chicago, San Francisco, Atlanta ... ... oder Los Angeles. In Boston protestierte am Freitag, den 30. September, eine große Meute vor einem Gebäude der Bank of America. Ihr Protest richtete sich unter anderem gegen Zwangsversteigerungen von Immobilien. Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich rund 3.000 Menschen an den Demonstrationen, die Polizei gab keine Schätzung ab. 24 Demonstranten wurden wegen unerlaubten Betretens eines Grundstücks festgenommen. „Besetzt die Wall Street“ thematisiert nicht nur die Allmacht der Banken, die es zu brechen gilt, sondern öffnete sich mit fortschreitendem Protest neuen Themen: die Situation an den Schulen etwa, die allgegenwärtige Energieverschwendung in den USA, Datenschutz und Rassismus. "Wir wollen Wall Street gar nicht abschaffen", sagte Jackie Fellner der Bloomberg Businessweek. "Das ist nicht arm gegen reich. Es ist dagegen, dass das große Geld diktiert, wer gewählt und was beschlossen wird." Die 32-Jährige ist selbst Managerin, hat sich dem Protest aber angeschlossen. Ebenso wie Denise Martinez, einer Lehrerin: "Die Ursache des Protests ist, dass die Banken hier an der Wall Street und anderswo die wirtschaftlichen Probleme verursacht haben, sich aber nicht an der Lösung beteiligen."  Die Manager würden schon wieder Millionen kassieren, während sie  Klassen mit 50 Schülern unterrichten müsse, beklagte Martinez. Wenn der Milliardär Warren Buffet sich beklagt, dass er einen geringeren Steuersatz hat als seine Sekretärin, wenn Präsident Barack Obama genau das ändern möchte, ist das Wasser auf die Mühlen der Demonstranten. Der Ärger der Protest-Bewegung richtet sich auch gegen das mitunter brutale Vorgehen der Polizei in New York, nachdem Ende September ein Polizist Pfefferspray gegen vier Protestierende eingesetzt hatte, die sich bereits in Polizeigewahrsam befanden. Eine Woche zuvor hatte die Polizei rund 80 Mitglieder der Bewegung festgenommen. Sie haben den Verkehr behindert. Zum Aufschrei kam es, als am Sonntag, den 2. Oktober gleich 700 Demonstranten festgehalten wurden. Nach einer Ordnungswidrigkeit, sagt die Polizei. Nach einer Falle, sagen die Demonstranten. Doch zu den Fakten: Einige Tausend Menschen waren aus Richtung Wall Street zur nahen Brooklyn Bridge marschiert. Die Demonstranten nahmen aber nicht den bei Millionen Touristen so beliebten Fußweg, sondern die Fahrspur. Da schlug die Polizei zu. Die Demonstranten werfen der Polizei vor, sie in einen Hinterhalt gelockt zu haben: Wie zum Schutze des Protestzuges seien die Beamten vorausgegangen und auf die Brücke. Erst dann hätten sie die Falle zuschnappen lassen. Die Polizei sieht das ganz anders und veröffentlichte Videos, auf denen Polizisten die Demonstranten per Megafon aufrufen, nicht die Fahrspur der Brücke zu betreten, sonst würden sie festgenommen. Im Hintergrund sind die Sprechchöre der aufgewühlten Menschen nicht zu überhören: "take the Bridge, take the Bridge!", "nehmt die Brücke!". Die meisten der Festnahmen erfolgten wegen "Ruhestörung", sagte ein Polizeisprecher. Fast alle Demonstranten sind mittlerweile auf freiem Fuß, würden aber wegen Störung der öffentlichen Ordnung vor Gericht vorgeladen. Lediglich "eine Minderheit" befindet sich noch in Gewahrsam, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag.

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(apa/afp/dpa / js) Erstellt am
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