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Wirtschaft
12/05/2011

Viele Griechen "haben nichts mehr zu verlieren"

Athen steht still: Beamte streiken,wütende Demonstranten zünden Feuer, die Polizei antwortet mit Tränengas.

Er sitzt schon lange mitten auf der Straße. Zehn Minuten. Seine Bitte, gegen die Regierung und deren Spar-Maßnahmen zu unterschreiben, wird von den wenigen Spaziergängen ignoriert. Der herannahende Autofahrer ist geduldig, nach gutem Zureden steht der leicht übergewichtige Herr um die 50 auf, packt sein Hefterl und verschwindet in den Gassen der Altstadt.

In guten Zeiten wäre auf der Straße kein Platz gewesen. Jetzt ist fast alles Fußgängerzone, nicht nur der Großteil der Plaka, der Altstadt Athens. Der öffentliche Verkehr existiert schon seit Tagen nicht mehr, die Taxifahrer streiken ebenso. Beinahe täglich eilt die Regierung zu Krisensitzungen, beinahe ebenso oft folgen Hiobsbotschaften mit der Bitte, zusammenzuhalten und den Gürtel enger zu schnallen.

Fahrgemeinschaften

Die Athener bilden Fahrgemeinschaften, um zur Arbeit zu kommen. Und das ganz ruhig und unaufgeregt. "Die Depression, die im Land herrscht, merkt man vor allem daran, dass kein Gehupe zu hören ist", sagt Reiseleiter Alexandros.

Krach wird dennoch gemacht. Auf dem Syntagma-Platz, dem zentralen Platz vor dem Parlament, braut sich etwas zusammen. Im Stundentakt marschieren Demonstranten durch die Straßen, auf ihre Böllerwürfe antwortet die Polizei mit Tränengas. Steirische Fußballfans, die Sturm zum heutigen Auswärtsspiel zu AEK Athen begleiten, mussten das Plaza-Hotel neben dem Parlament über den Hinterausgang in der Waschküche verlassen. Manche "weinten", sie gerieten in den Trubel und wurden Opfer der Tränengasattacken.

Sind die Demonstranten einmal vorbeigezogen, wird es wieder ruhig. "Die Touristen meiden Athen und die Griechen haben kein Geld, um es in Restaurants auszugeben", weiß der Reiseleiter.

Auf rund 1000 Euro ist das Durchschnittseinkommen der Griechen gesunken, Steuern wurden erhöht, Privilegien gestrichen. Die meisten verdienen nur rund 700 bis 800 Euro, die Energiepreise sind aber so hoch wie in Österreich. "Benzin und Diesel sind sogar noch teurer", klagt Taxifahrer Stavros. Er ist, wie viele andere Kollegen, auch an Streiktagen unterwegs. Nicht mit dem Taxi, sondern mit dem eigenen Gefährt - und verlangt das Dreifache pro Fahrt. "Jeder muss selber schauen, wie er durchkommt", sagt Stavros.
Reiseleiter Alexandros macht sich wenig Hoffnung, dass die Situation bald besser wird. Die Wirtschaft schrumpft, die Steuern werden erhöht, die Arbeitslosigkeit beträgt schon jetzt 16 Prozent - und steigt weiter. Der nächste große Streik ist für Mittwoch angesagt.

"Die Regierung wird weiter kürzen. Der Unmut der Bevölkerung wird noch zunehmen." Weitere Krawalle seien zu befürchten. "Viele Menschen in Griechenland haben nichts mehr zu verlieren."

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