Sinnbild für den Niedergang des US-Straßennetzes: Vor sieben Jahren starben 13 Menschen beim Einsturz einer Brücke in Minnesota.

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Sanierungsfall
08/20/2014

Verwahrlostes Amerika

Straßen- und Schienennetz, Flughäfen, Stromleitungen: Die US-Infrastruktur ist marod.

von Josef Siffert

Die Rettung kam spät. Vor einigen Tagen unterzeichnete US-Präsident Barack Obama ein Gesetz, um den Highway Trust Fund (siehe unten) mit einer Finanzspritze über 10,8 Milliarden Dollar solvent zu halten – zumindest bis Mai 2015. Ohne die kurzfristige Hilfe hätten noch im August mehr als 100.000 Straßenbauprojekte auf Eis gelegt werden müssen, 700.000 Jobs wären betroffen. Aus dem Fonds werden Verkehrsprojekte finanziert. "Das ist nicht die Art von langfristiger Lösung, die unser Transport-System so dringend nötig hätte", so US-Verkehrsminister Anthony Foxx. Ein Drittel der Straßen in den USA ist in schlechtem Zustand – wie die gesamte US-Infrastruktur. Im Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums WEF belegen die USA in puncto Infrastruktur Rang 19 (Österreich: Platz acht).

"Erstklassige Infrastruktur lockt Investoren an und sie schafft erstklassige Jobs", untermauerte Obama Mitte Juli bei einem Lokalaugenschein einer einsturzgefährdeten Brücke in Delaware seine Forderung, über die nächsten vier Jahre 300 Milliarden Dollar für Infrastrukturprojekte bereitzustellen. Doch da legen sich die Republikaner quer. Zudem wäre die Summe ein Tropfen auf den heißen Stein. Laut einem Ingenieursbericht müssten die USA in den nächsten Jahren 3,6 Billionen Dollar in die Hand nehmen.

Straßen Ein Drittel der Straßen ist stark renovierungsbedürftig. Durch Schlaglöcher oder Risse im Asphalt fallen für Pkw- und Lkw-Fahrer zusätzliche 67 Milliarden Dollar an Reparaturen und Betriebskosten an. Mehr als 40 Prozent der städtischen Autobahnen sind überlastet und verursachen durch Staus einen volkswirtschaftlichen Schaden von mehr als 100 Milliarden Dollar pro Jahr.

Brücken Jede neunte Brücke in den USA gilt als strukturell mangelhaft; jede vierte als stark abgenutzt. Das Durchschnittsalter der gut 600.000 Brücken beträgt 42 Jahre, ein Drittel hat die Lebensdauer von 50 Jahren überschritten.

Bahn Lange wurde verabsäumt, in Ausbau und Wartung des Schienennetzes zu investieren. Das rächt sich nun angesichts erstarkender Nachfrage. Güterzüge treffen etwa im Raum Chicago und im Nord-Ost-Korridor auf Engpässe – durch Wartezeit verliert die Wirtschaft rund 200 Milliarden Dollar jährlich. Der Hochgeschwindigkeitszug Acela Express, milliardenschweres Prestigeprojekt von Obama, wird durch das veraltete Schienennetz massiv ausgebremst.

Flughäfen Rund 22 Mrd. Dollar betrug der wirtschaftliche Schaden durch Verspätungen und gestrichene Flüge laut Luftfahrtbehörde FAA im Jahr 2012 – 2020 könnten es schon 34 Mrd. sein, 2040 bis zu 63 Mrd. Seit 2003 plant die FAA, das Radarleitsystem aus den 1960er-Jahren durch das satellitenbasierte NextGen zu ersetzen. Kostenpunkt: 40 Mrd. Dollar. Doch der Airport und Airway Trust Fund, aus dem zu 70 Prozent die Mittel dafür stammen, ist unterdotiert. Finanzierungslücke: 4,3 Mrd. Dollar jährlich bis 2020. Jetzt warnte Verkehrsminister Foxx, dass der Traum moderner Luftfahrt ohne Reform des Fonds ein Traum bleibe.

Stromnetz Das betagte Stromnetz – zwei Drittel der Leitungen sind über 25 Jahre alt – ist durch großteils oberirdisch geführte Kabel sehr anfällig bei Unwettern. Wird ein Kabel beschädigt, gehen in einem ganzen Viertel die Lichter aus. 25 bis 75 Mrd. Dollar jährlich kosten solche Ausfälle laut Schätzungen des Weißen Hauses.

Trinkwasserleitungen Rund 240.000-mal im Jahr brechen die größtenteils überalterten Hauptleitungen. Ein Tausch würde nach Schätzung der Wasserwerke rund eine Billion Dollar kosten. Die Sanierung aller Leitungen käme auf 2,1 Billionen.

Sollten die USA ihre Infrastruktur erneuern, könnten heimische Unternehmen durchaus "gutes Geschäft" machen, sagt Wirtschaftsdelegierter Rudolf Thaler zum KURIER: Etwa die voestalpine Nortrak (Schienenbereich), Getzner (Signalanlagen), Swarco (Verkehrstelematik, Ampelanlagen) oder das Ingenieursbüro ILF.

Highway Trust Fund. Verkehrs-Milliarden

Der Bund übernimmt über den Fund rund 27 Prozent der Kosten für Verkehrsprojekte. Gespeist wird er über Kraftstoffsteuern. Einnahmen pro Jahr: Rund 34 Mrd. Dollar. Da die Steuern seit 1993 nicht erhöht wurden, hat der Fonds allein durch die Inflation 40 Prozent an Wert verloren. Die Ausgaben stiegen aber deutlich. Steuererhöhungen könnten die Lücke schließen. Davor scheuen aber Demokraten wie Republikaner zurück.

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