Tauschen & Teilen: Konsum für die Zukunft

Kaufen und Besitzen sind out. Konsumenten von morgen, von Trendforschern "Millennials" genannt, wollen eine bessere Zukunft.

Patagonia - die mit dem Werbespruch "Don`t buy this jacket" werben - oder Vivienne Westwood machen es vor: Intelligenter Konsum ist auf der Höhe der Zeit. Hier weitere Beispiele dafür. Car-Sharing ist wohl die bekannteste Form des institutionalisierten Teilens. „Wir bieten eine Mietwagenvariante als Selbstbedienungsladen mit raschem, unkomplizierten Zugang", sagt Christof Fuchs, Geschäftsführer von Denzel Mobility CarSharing. Österreichweit können Mitglieder auf knapp 300 Fahrzeuge an etwa 100 Standorten zugreifen. Hotspot ist der städtische Bereich, vor allem Wien. Etwa 7000 der 11.000 Mitglieder leben hier und haben mit 50 Standorten die größte Auswahl.Martina Friedrich etwa wohnt im ersten Bezirk: „Die Parkplatzsituation ist fatal und der Carsharing-Stellplatz nur fünf Minuten entfernt." Dieser Umstand und der Umweltgedanke machten sie zur begeisterten Pkw-Teilerin.Die Standortdichte überzeugte auch Jungunternehmer Thomas Felder, der gleich zwei Sharing-Parkplätze in unmittelbarer Nähe hat. „Ich brauche das Auto hauptsächlich beruflich." Er schätzt vor allem, dass er auch ganz kurzfristig zu einem Auto kommt. „Das macht mich flexibler."Luxusartikel Carsharing nutzen längst nicht nur eingefleischte Ökos. „Junge Menschen und Studenten, für die sich ein eigenes Auto finanziell nicht auszahlt; Pensionisten, die es sich nicht mehr leisten wollen oder können", so umreißt Carsharing-Chef Fuchs seine Zielgruppe. Darunter ist auch Wilhelm Sycha: „Ich war passionierter Autofahrer. Aber in der Pension wird das Auto zum Luxusartikel." Für die meisten Car­sharer zählt also der Kostenfaktor. Kein Wunder: Bis zu 3000 Euro pro Jahr seien laut Fuchs mit Carsharing einzusparen.
INFO: Der Carsharing-Jahresbeitrag beträgt 60 € (für ÖBB-Card- und Jahreskarten-Besitzer gibt es Ermäßigungen bis zu 50 Prozent). Dazu kommen mindestens 1,40 € pro Stunde und Kilometergeld ab 0,39 €. www.carsharing.at Christian Sonnleitner schmunzelt: „Aha, das ist jetzt neu in der Stadt. Na, da sind die Landwirte ja richtige Trendsetter. Uns gibt`s schon seit 50 Jahren." Sonnleitner ist Geschäftsführer des bäuerlichen Maschinenrings im Bezirk Amstetten. Regional organisiert pflegt man hier seit Langem die Sharing-Idee, die ein bayrischer Journalist 1961 erfunden hat: Gegen einen Mitgliedsbeitrag können Bauern Leistungen, Geräte und Arbeitskraft anfordern oder selbst anbieten. Logistische Drehscheibe ist der Maschinenring. Sonnleitner: „Wir agieren als neutraler Vermittler."Das Selbsthilfe-Modell breitete sich rasch in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Bei uns gibt es heute etwa 78.000 Mitglieder, die die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche Österreichs bewirtschaften. Kaffeehausatmosphäre beim Eingang – Büroräume im Obergeschoß – und hinten ein Modeatelier, in dem man Jung-Designerinnen beim Nähen auf die Finger schauen kann: Mit diesem ungewöhnlichen Geschäftsmodell starteten die Eventmanager Manfred Göd und Tobias Pichler vor sechs Jahren das „Mon Ami" in Wien 6. Dort, in der Theobaldgasse, war früher ein Hunde-Salon untergebracht, dessen Namen man einfach übernahm, „weil er sich schon in der Umbauzeit so eingebürgert hatte", erinnern sich Göd und Pichler. Sharing sogar beim Lokal-Namen, scheint es.„Anfangs ging es darum, die Miete zu teilen", sagt Göd. Heute, nach sechs Jahren, ist das „Mon Ami" nicht mehr aus dem Grätzel nahe der Mariahilfer Straße wegzudenken – und wurde erfolgreich erweitert: Das Modeatelier übersiedelte ins anschließende Geschäftslokal, den großen Raum nutzt eine Bürogemeinschaft. „Bei uns herrscht Wohnzimmeratmosphäre", sagt Manager Göd.Während die beiden im Obergeschoß Events planen und betreuen, entstehen im Atelier Industriedesign und Videokunst – und zwischendurch treffen sich alle immer wieder an der Bar zum Gedankenaustausch. Daher sagt Göd: „Nachdem wir aus verschiedenen Ecken kommen und unser eigenes Süppchen kochen, sehen wir uns eindeutig nicht als Konkurrenten." Die besten Adressen: Auf 9flats.com werden als Alternative zum Hotel freie Zimmer privat vermittelt. „Dieser Markt wäre ohne das Internet gar nicht möglich und ist eine Form des intelligenten Konsums. Ich zahle ein bisschen weniger für die Unterkunft und bekomme als Draufgabe ganz andere Einblicke in eine Stadt und Kultur", sagt Zukunftsforscher Andreas Steinle. Etwa 60.000 Mitglieder können online aus 30.000 Privat-Wohnungen oder -Zimmern in 104 Ländern wählen.Über das Gastfreundschaftsnetzwerk CouchSurfing.org finden mehr als drei Millionen Mitglieder kostenlose Unterkünfte in 246 Ländern und 81.500 Städten. Gleichzeitig bieten sie selbst Bett & Bad und zeigen den Gästen – wenn gewünscht – ihre Stadt.car2go ist die neue, smarte Art, in Wien mobil zu sein: Nach einmaliger Anmeldung (9,90 Euro) im car2go-Shop können Kunden 500 freie Autos spontan auf der Straße anmieten oder via Internet und Smartphone-Applikation finden und reservieren. Mithilfe einer Mitgliedskarte lässt sich das gewählte Fahrzeug öffnen. Am Ziel kann man das car2go kostenfrei auf jedem öffentlichem Parkplatz abstellen. Seit Ende 2011 haben sich mehr als 7000 Wiener angemeldet.Netcycler ist eine clevere Art, Secondhand-Gegenstände zu tauschen, zu verschenken und zu handeln. Die Online-Börse gibt es vorerst leider nur in Finnland, Deutschland und Großbritannien. Dort aber hat sie bereits mehr als 110.000 registrierte Nutzer – Tendenz steigend.Über die britische Online-Community Camp in my Garden können Hausbesitzer ihren Garten an Camper vermieten. Dabei reicht das Spektrum von ganz einfachen Vorgärten bis zu High-End-Luxus in Prachtgärten von Grundbesitzern. Grünflächen in der Nähe bestimmter Events (z. B. dem Royal-Ascot-Pferderennen) sind besonders beliebt. (Standardpreis pro Nacht beträgt fünf Pfund). Die Sportmarke Patagonia hat den Trend genauso erkannt wie die Designerin Westwood. Beide rufen zu intelligentem Konsum auf

Der US-Sportartikel-Hersteller Patagonia treibt den Trend auf die Spitze: In einer neuen Anzeige fordert er dazu auf, seine Produkte  n i c h t  zu kaufen: "Reduce, Repair, Reuse, Recycle" steht als Botschaft darauf. Kaufen und Besitzen sind nicht mehr alles, scheint es: Tauschen, Teilen, Nutzen, Verschenken und Wieder-in-Verkehr-Bringen sind Spielarten des Konsumierens einer neuen Generation, diagnostizieren Trendforscher.

Andreas Steinle vom deutschen Zukunftsinstitut beobachtet seit geraumer Zeit, "dass nachhaltig konsumieren genau den Nerv der Zeit trifft. Darin liegt die große Veränderung – nicht im Konsumverzicht, sondern im intelligenten Konsum. Da wird von vornherein Hochwertigeres gekauft, das dann länger genutzt wird."

Familie Westwood praktiziert das intelligente Konsumieren bereits. Man fährt Fahrrad statt Auto und sagt, "man soll sich reiflich überlegen, was man konsumiert: Braucht man das, mag man das wirklich?"

Warum das relevant ist? Weil Frau Westwood mit Vornamen Vivienne heißt und als berühmte Designerin mehrmals pro Jahr eine Modekollektion herausgibt. Nach der Präsentation ihrer letzten hatte sie gnadenlos zum Konsumverzicht aufgerufen: "Kauft keine Mode mehr."

"Ich möchte die Leute aufwecken, dass sie sich in den Geschäften bewusst umschauen", sagt Westwood im KURIER-Interview. "Dann sieht man erst, wie viel wahnsinnig billige Mode es gibt. Wenn ein Pullover 20 Euro kostet, wie lange kann der halten? Wenn einem etwas gefällt, will man doch lange Freude daran haben. Make it last! Denken Sie nachhaltig!"

Generation Millennials

Westwood hat den Zug der Zeit erkannt, den auch der Anthropologe Rony Rodrigues von der Trendforschungsagentur Box 1824 aus seiner neuesten Studie abliest. "Das Ende des exzessiven Konsums ist gekommen. Konsumieren ist das neue Cholesterin", sagte er unlängst in der deutschen Zeit, nachdem seine Agentur rund um den Globus das Verhalten der 18- bis 24-Jährigen analysiert hatte. Sie – Millennials genannt – fühlen sich schuldig, wenn sie gedankenlos konsumieren.

Von Niedrigpreisen lassen sich die Millennials genau so wenig verführen wie von Luxusversprechen. Sie fordern Nachhaltigkeit. Von Marken, die auf schnellen Kollektionswechsel und hohe Umsätze ausgerichtet sind, wenden sich die Jungen ab, weil das nur den Kleiderschrank und später die Altkleidercontainer verstopft, hat Rodrigues analysiert und ist überzeugt: Diese Jungen sind wütend, dass sie unter den Konsequenzen des uferlosen Konsums ihrer Eltern zu leiden haben werden, und gehen in Zukunft anders einkaufen. Schon jetzt lässt sich die Entwicklung in der Modemetropole Paris erahnen: Dort gehen die Umsätze von H&M schleichend zurück.

Nachhaltigkeitsgedanke

"Das Tauschen und Teilen von Ressourcen hat viel mit der Internetkultur zu tun", sagt Trendforscher Steinle. Auch er schreibt dieses Verhalten vor allem den nach 1980 Geborenen zu.

Das veränderte Konsumverhalten der nächsten Generation ist ein Aufruf zum Umdenken, egal, in welcher Preislage man seine Geschäfte macht. Denn schon seit dem Erfolg von eBay ist im Handel nichts mehr, wie es war. Plötzlich sind Altes, Gebrauchtes und Restposten begehrenswert. Ein Prinzip, das dem klassisch geschulten Händler-Denken zuwiderläuft. Zunehmend verlangen Menschen kreislaufartige Handelsprinzipien, die sie bei eBay kennengelernt haben. Waren werden in Zukunft öfter dorthin zurückkehren, wo der Kunde sie in Empfang genommen hat – beim Händler, diagnostiziert das deutsche Zukunftsinstitut. Produkten soll ein zweites oder gar drittes Leben eingehaucht werden. Zukunftsforscher nennen es die Second-Sale-Kultur.

Kreative Beispiele gefällig? In Schweden setzt IKEA auf den Online-Wiederverkauf gebrauchter Einrichtungsgegenstände: Family-Card-Besitzer können die Vintage-Möbel ver- und kaufen. Die Idee soll in den kommenden Jahren auf weitere Länder ausgedehnt werden.

In Spanien schaffte Mango Platz im Kasten, indem man Fashionistas aufforderte, ihre alten Kleider zurückzubringen. Steinle: "Bei Rückgabe der alten Klamotten gab es Rabatte, und Mango kümmerte sich darum, dass die ausgedienten Kleider in den Kreislauf der Materialien überführt werden."

In Österreich hat Vossen noch bis 7. April seine "Verwenden statt verschwenden"-Aktion laufen: Alte Handtücher können in 17 Leiner-Häusern beim Kauf von neuen Vossen-Produkten in Zahlung gegeben werden. Die ausgedienten Frottierwaren werden als Dämm-Platten in Autos, Hotels und Häusern wiedergeboren.

In Deutschland vermieten Private auf Mein.auto.de oder Nachbarschaftsauto.de ihr Auto an Nachbarn, wenn sie es selbst nicht brauchen. Andere schauen bei Frents.com nach, welcher Nachbar seinen Rasenmäher gegen einen Obolus verborgt.

In den USA hat ein Limonadenhersteller einen Automaten entwickelt, mit dessen Hilfe man jemanden auf ein Pepsi einladen kann: Namen und Handynummer des Freundes am Touch­screen eingeben, der Automat verschickt eine SMS an den Beschenkten. Die Textnachricht enthält einen Code, mit dem das Geschenk am nächsten sozialen Pepsi-Getränkeautomaten eingelöst werden kann – eine persönliche Videobotschaft inklusive, die der Beschenkte direkt am Automaten ansehen kann. Sich digital zuprosten geht also auch.

Als "Swap in the City" (in Anlehnung an Sex in the City) haben Tausch-Initiativen einen hippen Namen bekommen und "schwappen eben aus den USA nach Europa", sagt Steinle.

Apropos Namen und Initiativen: Bei IKEA in Amsterdam fand unlängst ein "Husselmarkt" statt ("husselen" bedeutet "etwas bewegen", "mischen"). Trendforscher Steinle: "Hier konnten Kunden ihre gebrauchten Möbel, die nicht einmal von IKEA sein mussten, vorbeibringen und gegen anderes Interieur tauschen." Der Einrichtungsgigant hat verstanden, dass Tauschen nicht gleichbedeutend mit weniger Kaufen ist. Denn das frisch eingetauschte Sofa braucht dringend einen neuen Polster und die dazu passende Lampe.

Auch clevere Wirtschaftsleute haben erkannt, dass dieser Trend gewaltiges Innovationspotenzial besitzt. Und so hat sogar die EU ein neuartiges soziales Netzwerk für nachhaltig denkende Unternehmer gestartet. Mit SPREAD 2050 sollen Ideen und Konzepte schon bald in Firmen-Neugründungen münden. Motto: mit Verzicht verdienen.

(kurier / Susanne Mauthner-Weber, Nina Rada, Ingrid Teufl, Brigitte R. Winkler) Erstellt am
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