Wirtschaft
10.05.2018

Strafzölle gefährden Weltwirtschaft

US-Präsident Trump könnte eine protektionistische Lawine auslösen, meint voestalpine-Chef Wolfgang Eder

KURIER: Die voestalpine ist nicht glücklich, wenn sie als Stahlkocher bezeichnet wird und Medien Fotos von Stahlarbeitern vor glühenden Hochöfen verbreiten. Warum stört Sie das?

Wolfgang Eder: Es ist grundsätzlich richtig, dass diese überkommenen Bilder heute einen völlig falschen Eindruck vermitteln. Das gilt sowohl in Bezug auf die Öffentlichkeit als auch den Kapitalmarkt, vor allem aber auch in Bezug auf das Image bei der nächsten Generation, den jungen Menschen. Die Dinge bessern sich langsam, aber jedes Bild eines fauchenden Hochofens oder Stahlwerks verfestigt, was wir einfach nicht mehr sind. Wir haben uns in den vergangenen 20 Jahren – damals machten wir mit Stahl noch 80 Prozent des Umsatzes – zum Technologieunternehmen entwickelt. Heute liegt der Stahl bei etwa einem Drittel unseres Umsatzes – und das sind keine Massenstähle, die man auf Baustellen sieht, sondern nur im High-Tech-Bereich.

Die voestalpine sieht sich selbst als Technologiekonzern. Erklären Sie das anhand eines Beispiels.

Wir bieten im Eisenbahnbereich Komplettsysteme für High-Tech-Weichen an. Der Wert des Stahls liegt da unter fünf Prozent des Systems. Da geht es vielmehr um Digitalisierung und Datenübertragung. Da fährt ein Hochgeschwindigkeitszug mit 400 km/h über eine Weiche, die bis zu 300 Meter lang ist und durch eine Vielzahl von Sensoren zentral gesteuert und gewartet wird. An dieser Weiche wird aber auch bei jedem Rad des Zuges selbst bei 400 km/h die Temperatur gemessen. Liegt sie zu hoch, steht der Zug wenige Kilometer später. Der neue Sankt-Gotthard-Tunnel ist 70 Kilometer lang und besteht aus einem einzigen voestalpine-Komplettsystem aus 39 Weichen und 18.000 Tonnen Schienen einschließlich Signal- und Sicherheitstechnik, nur um ein Gefühl für die Dimensionen zu bekommen.

Das Drahtwalzwerk Donawitz wurde sogar im Wall Street Journal erwähnt. Was ist besonders daran?

In der riesigen, 700 Meter langen Halle sieht man im Normalbetrieb keine Menschen mehr. Die Arbeit konzentriert sich auf drei bis fünf Experten in einem High-Tech-Steuerstand, die die Anlage über viele Bildschirmen fahren. Sie ist mit 2000 Sensoren und 15.000 Datenpunkten ausgestattet, die sich selbst verknüpfen und die Produktion permanent optimieren. Der Draht kommt am Ende mit bis zu 400 km/h aus der Anlage und wird auch noch automatisch kundengerecht verpackt.

Durch die Digitalisierung entstanden dort höherwertige Arbeitsplätze. Hält sich die Zahl der neuen und der verlorenen tatsächlich die Waage?

Bezogen auf den gesamten Werksstandort Leoben-Donawitz hält er sich die Waage, bezogen nur auf das Drahtwalzwerk nicht ganz, aber wir sind näher dran als man vermuten würde. Als Voraussetzung dafür haben wir die Mitarbeiter 3500 Stunden lang geschult, das war ein Prozess über mehrere Jahre. Die meisten arbeiten damit weiter an ihrer Anlage, wenngleich mit neuen Aufgaben. Manche haben sich aber auch für einen neuen Arbeitsplatz an einer anderen Stelle im Werk entschieden. Der größte Teil ist aber ins Backoffice und die sehr anspruchsvoll gewordene Infrastruktur gewechselt. Digitalisierung ist kein Job-Killer, sondern über Aufqualifizierung und natürliche Fluktuation gut beherrschbar.

Wird der klassische Stahlarbeiter verschwinden?

Wir stehen da noch vor einem langen Prozess, der in einigen Jahrzehnten aber darin münden wird, dass es den körperlich schwer arbeitenden Stahlarbeiter im silbernen Outfit und mit Helm im Normalbetrieb wohl nicht mehr geben wird. Wir haben bereits heute im Vergleich zu den 1990er-Jahren eine deutliche Reduktion solcher Arbeitsplätze erreicht.

3D-Druck wird für die Industrie immer wichtiger. Wo setzten Sie diese Technologie ein?

Wir investieren 50 Millionen Euro in 3D-Druck, die Hälfte in die Erzeugung anspruchsvollen Metallpulvers als Basismaterial. Als zweiten Schritt entwerfen wir Konzepte, wie das im Drucker zu erzeugende Produkt herzustellen ist, quasi die Software. Drucker wollen wir keine bauen, das können andere besser, Material und Prozessdesign sind unsere Welt.

Um Produkte welcher Art geht es?

Teile für Flugzeuge, wie kleine und leichte Scharniere für die Gepäckklappen, um Gewicht einzusparen. Oder Schließmechanismen für Türen und Klappen für die Automobilindustrie oder auch Fahrgestell- und Lenkungskomponenten, die leicht, fest und sicher sein müssen. Und High-Tech-Ventile für die Öl- und Gasindustrie. Deren innere Struktur ist komplexer als alles Vorherige, weil erst durch den 3D-Druck so etwas überhaupt machbar wird.

Wird man eines Tages ganze Autos oder Flugzeuge drucken können?

Da geht – jedenfalls im Metallbereich – die Fantasie mit manchen durch. Die Grenze geben die Kosten vor. In den nächsten zehn bis 15 Jahren sprechen wir da eher von Produkten bis zur Größenordnung einer Bierkiste beziehungsweise alles, was da hineinpasst.

Der Streit zwischen EU und USA um Strafzölle spitzt sich zu, mit welcher Entwicklung rechnen Sie?

Wir gehen davon aus, dass sich die Situation ähnlich wie 2002 und 2003 entwickelt, das heißt, dass man bald einsehen wird, dass ein Handelskrieg niemandem nützt. Die USA profitieren ja auch von europäischem Know-how, Investitionen und anspruchsvollen Arbeitsplätzen. Wir allein haben in den letzten Jahren 1,4 Milliarden Dollar in den USA investiert und 3000 Arbeitsplätze geschaffen. Wir sind aber jedenfalls auf jedes Szenario vorbereitet und wären durch Strafzölle auch nur überschaubar betroffen.

Wie geht es der europäischen Stahlindustrie?

Das Marktumfeld ist grundsätzlich positiv. Das breite Wirtschaftswachstum führt dazu, dass es nahezu allen stahlverarbeitenden Branchen gut geht. Es ist, nicht nur in Europa, ein Umfeld wie wir es seit 2007 nicht mehr hatten. Wenn die Verunsicherung durch die Strafzölle nicht wäre, könnte man davon ausgehen, dass die Situation noch einige Zeit anhält. Andererseits, die wirtschaftliche Entwicklung hat sich in den letzten Jahren von der politischen Entwicklung tendenziell entkoppelt. Fälle wie der Brexit, die Krim-Krise oder Syrien hätten sich vor 20 Jahren viel massiver auf die Wirtschaft ausgewirkt als heute.

Wirklich kein graues Wölkchen am Himmel?

Ein Thema ist bedrohlich: Wenn die US-Zölle kommen, könnten sich die Warenströme ändern und Stahl aus China, Russland, der Türkei und anderen Länder in Massen nach Europa kommen und diesen letzten freien Markt zuschütten. Da muss sich die EU wappnen, sie wäre dann gezwungen, etwas Ähnliches wie die Zölle aufzubauen. Und wenn es dann global mehr und mehr protektionistische Maßnahmen gibt, wird sich das Wirtschaftswachstum sehr rasch abschwächen.

Wie wird sich die Stahlbranche weiterentwickeln?

Die Geschäftsentwicklung der Branche ist aktuell weiter gut, noch sehen wir keine Veränderungen in den globalen Voraussetzungen. Wenn politisch nichts eskaliert, könnte 2018 insgesamt vom Wachstum her sogar noch etwas besser verlaufen als 2017.

Ihr Vertrag läuft im März 2019 aus, Sie würden gerne verlängern. Wie stehen die Chancen?

Aktuell ist, was ich gerne würde, ein Thema zwischen dem Aufsichtsrat und mir. Mehr kann ich dazu nicht sagen.