Die Bahn auf's Jungfraujoch steht derzeit bei Europäern nicht hoch im Kurs.

© REUTERS/DENIS BALIBOUSE

Zu teuer
02/02/2015

Schweizer Wirtschaft leidet unter starkem Franken

Industrie und Tourismus sind gleichermaßen beeinträchtigt, Personalabbau ist die Folge.

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1,20 Franken durch die Schweizer Notenbank hat die meisten Firmen in der Eidgenossenschaft kalt erwischt. Drei Viertel waren am 15. Januar nicht gegen eine Aufwertung der Währung abgesichert, wie eine Umfrage zur Erhebung des Schweizer Einkaufsmanagersindex ergab. Entsprechend stark seien die Firmen von dem Schritt der SNB betroffen, sagten am Montag Konjunkturexperten der Credit Suisse, die den Index erhebt.

Jobabbau

Die Industrie ist im Jänner so stark eingebrochen wie zuletzt im November 2008, also seit dem Höhepunkt der Finanzkrise. Der Auftragsbestand wurde deutlich kleiner, auch Personal wurde abgebaut.

Ein Beispiel ist die Privatbank Julius Bär. Durch den Abbau von rund 200 Stellen sollen die Kosten um rund 100 Millionen Franken gesenkt werden.

Der "Frankenschock" hat auch den Tourismus mit voller Härte getroffen. Eine Tasse Kaffee kostet nun umgerechnet zwischen vier und sechs Euro, ein großes Bier zwischen sechs und neun. Entsprechend teurer wurden Übernachtungen, Fahrkarten und Skipässe – und entsprechend suchen Touristen nach billigeren Alternativen.

Dabei ist die Gewinnmarge im Schweizer Hotel- und Gastronomiesektor durchaus nicht üppig. Wohl auch deshalb planten bereits vor dem SNB-Entscheid nach Recherchen der Schweiz am Sonntag sogar im weltbekannten Zermatt 22 Prozent der Hoteliers, ihr Unternehmen in den nächsten drei Jahren zu verkaufen. Weitere 22 Prozent würden laut einer internen Umfrage die Umwandlung in Wohnungen oder Ferienwohnungen vorbereiten. "In anderen Ferienorten ist die Lage noch schlimmer."

Jubel andernorts

In den Nachbarländern profitieren Handel, Hotel- und Gastgewerbe. "Die Freude bei unseren Hoteliers ist groß", sagt die Tourismusexpertin der Wirtschaftskammer Österreich, Petra Nocker-Schwarzenbacher. Die Schweizer hätten längst die Italiener von Platz drei der wichtigsten ausländischen Gäste verdrängt und rangierten nun hinter Deutschen und Niederländern. 2010 und 2011, als der Franken schon einmal deutlich an Wert gegenüber dem Euro gewonnen hatte, verzeichneten die Wintersportorte in Österreich ein Plus von jeweils rund 14 Prozent bei den Schweizer Gästen. In der vergangenen Wintersaison gingen laut Werbung Austria 2,1 Millionen Nächte auf das Konto der Schweizer.

Ähnlich freuen sich Alpen-Touristiker in Frankreich, Italien, Deutschland und auch Slowenien über die "Fluchturlauber" aus der Hochpreis-Schweiz. Aber nicht jede Währung ist gegenüber dem Franken so schwach wie der Euro. Für Reisende aus China und Südostasien wirken sich die Kursturbulenzen weniger stark aus. Sie werden heftig umworben und kommen mittlerweile in Scharen in das Land von Eiger, Gotthard, Matterhorn und der vielen Bergseen. Ein Ergebnis: Auf dem Jungfraujoch im Berner Oberland, das als "Top of Europa" vermarktet wird, trifft man heute gefühlt weit mehr Japaner und Chinesen als Deutsche oder Niederländer.

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