© Reuters/CATHAL MCNAUGHTON

Wirtschaft
12/05/2011

Pro Tag wandern 111 Iren aus

Die Grüne Insel hat eine lange Tradition von Auswanderern. Jetzt treibt die Finanzkrise viele junge Iren ins Ausland.

Bridget Foley aus dem westirischen Limerick wurde von der Wirtschaftskrise in ihrer Heimat besonders hart getroffen. Ihr Mann, ein Konstrukteur, hat seit dem Platzen einer gigantischen Immobilienblase auf der Grünen Insel vor drei Jahren keine Arbeit mehr. Und von Foleys fünf Söhnen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren sind vier nach Australien ausgewandert, weil sie wegen der Rezession in Irland ihre Jobs verloren bzw. keine gefunden haben.

Das Schicksal der Familie ist kein Einzelfall in Irland. Wie neueste Daten des Statistischen Zentralamtes in Dublin zeigen, hat die Auswanderung aus dem früheren Boom-Land ("Keltischer Tiger") einen neuen Rekordwert erreicht. Rund 40.000 Iren haben in den vergangenen zwölf Monaten ihre Heimat verlassen. Im Jahr davor waren es 27.000 gewesen. Das heißt, dass derzeit im Schnitt 111 Iren pro Tag auswandern. Die meisten gehen nach Australien, an zweiter Stelle der beliebtesten Ziele liegt Großbritannien.

Massenexodus

"Solche Werte hatten wir seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr", sagt Deirdre Cullen vom Statistikamt in Dublin. In den 1840er-Jahren verlor Irland ein Fünftel seiner Bevölkerung. Wegen einer großen Hungersnot starben eine Million Menschen, eine weitere Million wanderte aus.

Auch in den 1950er- und 1980er-Jahren gab es wegen Wirtschaftskrisen Auswanderungswellen. Damals waren es vor allem unqualifizierte Hilfsarbeiter, die das Land
verließen. Jetzt sind es meist Junge mit Hochschulabschluss, die gehen. "Unsere Uni-Absolventen haben zwei Möglichkeiten: Das Land verlassen, um Arbeit zu finden, oder Sozialhilfe beziehen", erklärt der Chef der Irischen Hochschülerschaft, Gary Redmond, verbittert.

Auch die Arbeitslosigkeit ist in Irland mit 14,2 Prozent derzeit auf dem höchsten Stand seit vielen Jahren. Das größte Problem der Iren ist das marode Bankensystem ihres Landes. Etwa 70 Milliarden Euro, die Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung, mussten sie seit dem großen weltweiten Crash im Herbst 2008 in ihr Finanzsystem stecken, um dieses vor dem Kollaps zu retten. Die hohen Kosten brachten den Staatshaushalt aus den Fugen. 2010 betrug das Budgetdefizit 32 (!) Prozent.

Vor dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise hatten die Iren das zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen aller EU-Länder nach den Luxemburgern. Trotz der Probleme gilt das Land als Musterknabe unter jenen EU-Staaten, die von der Krise besonders hart getroffen wurden. Das Defizit soll heuer nur noch bei etwas mehr als 10 Prozent liegen - Tendenz stark fallend. Und obwohl die Regierung in Dublin derzeit das fünfte Sparpaket innerhalb von zwei Jahren schnürt, wächst die Wirtschaft wieder leicht. Die Löhne sind stark gesunken. Darunter leiden die Arbeitnehmer, es hat das Land aber für Investoren wieder interessant
gemacht.

Noch etwas kann die Iren trösten: Trotz der neuen Auswanderungswelle wächst die Bevölkerung. Grund ist die nach wie vor hohe Geburtenrate auf der Insel - es ist die höchste in ganz Europa. Eine irische Frau hat im Schnitt 2,1 Kinder, obwohl es viel weniger staatliche finanzielle Förderungen für Familien gibt als etwa in Österreich, wo die Geburtenrate bei 1,4 liegt.

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