Pressestimmen zur Griechenland-Krise

Wie die sich derzeit überschlagenden Ereignisse in Athen am Freitag von der internationalen Presse kommentiert werden.

"Handelsblatt" (Düsseldorf)
"Vor die Alternative gestellt, mit der geplanten Volksabstimmung über das EU-Sparpaket die Mitgliedschaft in der Euro-Zone aufs Spiel zu setzen, vollzog Ministerpräsident Papandreou eine radikale Kehrtwende: Er verzichtete auf das Referendum, mit dem er die Finanzmärkte zu Wochenbeginn in schwere Turbulenzen gestürzt hatte. Oppositionsführer Samaras ging nach monatelangem erbitterten Streit erstmals auf den Regierungschef zu. (...) Die Konservativen wollen aber Neuwahlen am 5. Dezember ansetzen, die sozialistische Regierung erst in einem halben Jahr. Griechenland steht damit möglicherweise vor einem monatelangen Machtvakuum - und das dürfte den Märkten die Euphorie schnell wieder nehmen, denn nichts hassen sie mehr als Ungewissheit."  "Le Figaro" (Paris)
"Das Psychodrama um das Referendum in Griechenland hat die Hypothese eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone in greifbare Nähe gerückt. Das Ergebnis sind eine dramatische Zuspitzung der Situation und ein Gefühl berechtigter Dringlichkeit. Ab sofort muss vermieden werden, dass eine Zahlungsunfähigkeit Athens eine Kettenreaktion auslöst, die die Totenglocken der Eurozone läuten lassen würden. Italien würde zum nächsten Opfer der Märkte, gefolgt von Spanien und einigen anderen. Das europäische Bankensystem würde das nicht überleben. Daher der starke Druck auf (Italiens Regierungschef) Silvio Berlusconi in Cannes, damit er endlich die nötigen Sparmaßnahmen ergreift. Eine solche Botschaft europäischer Glaubwürdigkeit ist vor dieser Versammlung der Politiker aus aller Welt dringend nötig." "Le Monde" (Paris)
"In Griechenland lauert ständig die Gefahr politischer Gewalt einer rechtsradikalen nationalistischen und einer linksradikalen revolutionären und marxistischen Strömung. Die bösen Geister des Bürgerkrieges 1947-49 und der Militärdiktatur 1967-74 spuken immer noch in den Köpfen der Griechen und der griechischen Regierung. Der Abbau der Schulden und die (angekündigte und wieder abgesagte) Volksabstimmung sind hauptsächlich Versuche, die Versuchung einer marxistischen Revolution und einer autoritären Tendenz im Keim zu ersticken. Wird dies ausreichen, um Griechenland im Lager der Demokratie fest zu verankern? Das ist nicht sicher. Es fehlt den Griechen heute eine Antigone, die ihnen erklärt, dass eine Rückkehr zur Drachme ihr Land auf das Niveau der Dritten Welt zurückwerfen würde." "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ)
"Papandreou sagte sinngemäß, das Referendum sei zu keinem Zeitpunkt ein Selbstzweck gewesen, sondern habe nur dazu gedient, die wichtigste Oppositionspartei Nea Dimokratia (ND), deren Chef Samaras sich bisher einer Zusammenarbeit verweigert hatte, ins Boot zu holen. Wenn die Opposition bereit sei, das Paket im Parlament zu unterstützen, müsse auch kein Referendum abgehalten werden. Zuvor hatten sich die Euro-Staaten erstmals ausdrücklich auf den Austritt Griechenlands aus der europäischen Währungsunion vorbereitet." "taz - die tageszeitung" (Berlin)
"Monatelang forderte die bisher ausgesprochen destruktiv agierende Opposition unter dem ehemaligen Außenminister Antonis Samaras immer wieder Neuwahlen sowie eine Neuverhandlung des Rettungspakets für Griechenland ein. Nun zeigt sie sich erstmals bereit, eine Übergangsregierung der nationalen Einheit zu unterstützen und auch für die jüngsten EU-Gipfelergebnisse im Parlament zu stimmen. Alles deutet darauf hin, dass Papandreou nicht ohne weiteres aus freien Stücken zurücktreten wird und seine politische Zukunft vom Ausgang der Vertrauensabstimmung im Parlament abhängig macht." "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) (Im Bild: Griechische Zeitung "Ta Nea")
"Das Referendum ist vom Tisch. Gleichzeitig hat sich auch der Nebel über der griechischen Bereitschaft verzogen, die in Brüssel verabreichte bittere Pille harter Sanierungsmaßnahmen zu schlucken. Der konservative Oppositionsführer Antonis Samaras bequemte sich dazu, von seiner Forderung nach einer Neuverhandlung der Brüsseler Beschlüsse - ohnehin nur ein parteitaktisches Werkzeug im Kampf gegen die sozialistische Regierung Papandreou - abzurücken. Sofern Samaras seine Fraktion wirklich hinter sich hat und seine Meinung nicht wieder ändert, zeichnet sich im Athener Parlament eine große Mehrheit für das Brüsseler Hilfspaket ab."
(APA) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?