© Jeff Mangione

KURIER-Gespräch
03/26/2014

OMV-Chef Roiss: "Wir sollten nicht zündeln"

Der OMV-Chef warnt vor Sanktionen gegen Putin, Außenminister Kurz setzt auf Dialog.

Wenig bis gar nichts" hält OMV-Chef Gerhard Roiss von Wirtschaftssanktionen gegen Russland. In einem gut besuchten KURIER-Gespräch Mittwochabend zum Thema "Ukraine-Krise, Energie-Krise" mit Außenminister Sebastian Kurz meinte er: "Wir leben in einer arbeits- und ressourcenteiligen Welt. Wir sollten daher nicht drohen und schon gar nicht mit dem Thema Gas zündeln, sondern den konstruktiven Dialog suchen."

Das konnte der Außenminister durchaus unterschreiben. Kurz ortet leichte Entspannung und glaubt, dass der russische Präsident Putin ein Interesse habe, in Gespräche einzutreten. Sollte Russland aber dennoch mit seinen Soldaten weiter vorrücken, würde an Wirtschaftssanktionen kein Weg vorbeiführen. Diese könne niemand herbeisehnen. Denn das schade nicht nur Russland, "sondern auch uns".

Schiefergas gestorben

Die Versorgungssicherheit mit Gas wäre in Österreich trotzdem nicht gefährdet, meinte Roiss. Steigen würden aber die Preise. Die OMV sucht nach neuen Gasquellen, etwa aus dem rumänischen Schwarzen Meer. "Gestern ist ein Bohrschiff unter der Bosporusbrücke Richtung Rumänien gefahren."

Zumindest in Österreich vom Tisch ist hingegen die Suche nach Schiefergas. Die Politik hat sich dagegen ausgesprochen. "Das Thema ist für uns beendet, obwohl ich es traurig finde, den Weg der Forschung auszuschließen", kritisierte Roiss. Zwei Diskutanten aus dem Publikum unterstützten seine Meinung sogar. Ärgerlich findet Roiss auch, dass die EU die Pipeline Nabucco fallengelassen habe. Ein Fehler, der aber nicht revidierbar sei, weil es jetzt keinen privaten Investor mehr gebe, der hier ein zweites Mal der EU vertraue. "Europa hat da völlig versagt", meinte Roiss unter Applaus des Publikums.

Eine kritische Wortmeldung, wonach die OMV nur die Wirtschaft, nicht aber die Menschenrechte im Auge habe, wies Roiss zurück: Man fördere vor Ort Sozial- und Bildungsprojekte, etwa in Tunesien oder Pakistan. Um Menschenrechtsverletzungen im Land müsse sich aber die Politik kümmern. Da gebe es eine "Arbeitsteilung". Wobei er augenzwinkernd nicht verhehlte, dass es ihm noch lieber wäre, würde die OMV lediglich mit der Schweiz Geschäfte machen.

Dankbarer Neominister

Und wie geht es eigentlich dem Außenminister, der gleich zu Beginn seiner Amtszeit in Krisen handeln müsse, wollte Moderator Helmut Brandstätter wissen. "Ich habe das Gefühl, dass ich in einer sehr intensiven Zeit Minister bin", gab Kurz zu. Er sei dankbar, so gut im Außenamt aufgenommen worden zu sein. Und natürlich sei Österreich keine Supermacht, zähle aber zu jenen Ländern im Ukraine-Konflikt, die eine ausgleichende Position innehaben. Kritik an der EU aus dem Publikum wies Kurz zurück: Dass die EU mit Russland zu wenig kommuniziert habe, als sie ein Assoziierungsabkommen mit der Ukraine abschloss, habe er zunächst auch geglaubt. Aber das stimme nicht. Seine Hoffnung: Vielleicht könne man langfristig eine Freihandelszone schaffen, damit Russland keine Sorge mehr habe, dass noch weitere Ex-Sowjetstaaten zur EU überlaufen.

Ohne Russen-Gas wird es teuer

Die Krim-Krise hat Österreich und Europa wieder einmal die starke Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland vor Augen geführt. Doch welche Alternativen hat die EU zum Russen-Gas? Hier die wichtigsten Fakten.

Wie viel Gas bezieht Österreich aus Russland und wie viel die EU?

Etwa 60 Prozent unseres Gasverbrauchs deckt Russen-Gas, 20 Prozent kommt aus inländischer Förderung und 20 Prozent aus Norwegen und Deutschland. Einige EU-Länder – u. a. das Baltikum, die Slowakei – sind zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig, Spanien und Portugal dagegen gar nicht. Im Durchschnitt deckt russisches Gas ein Drittel des EU-Gasverbrauchs.

Hat die Krim-Krise den Gaspreis in Europa erhöht?

Nur sehr kurzfristig. Inzwischen sinkt der Gaspreis im europäischen Großhandel bereits wieder. Händler gehen also nicht davon aus, dass es zu Lieferproblemen bei russischem Gas kommen wird.

Für wie lange reicht Gas aus den Speichern?

Sollte es zu einer Lieferunterbrechung von russischem Gas kommen, kann Österreich auf Erdgas aus den Speichern zurückgreifen. Wegen des milden Winters sind diese derzeit noch zu einem Drittel voll. Das reicht bis September, sagt E-Control-Vorstand Walter Boltz. Österreich hat im Vergleich zum Verbrauch die größten Gasspeicherkapazitäten in ganz Europa. Zum einen hat die OMV Gasspeicher in Ostösterreich, zum anderen die mehrheitlich zur EVN gehörende RAG, an der auch die deutsche E.ON beteiligt ist. In den RAG-Speichern lagert auch die russische Gazprom Erdgas ein.

Was passiert im totalen Krisenfall?

Bei einem längeren Total-Ausfall der russischen Erdgaslieferungen kann der Wirtschaftsminister per Verordnung den Notfallplan der E-Control in Kraft setzen. Dieser verlangt von den Versorgern, alle zusätzlichen Gasbeschaffungsmöglichkeiten auszunutzen. Zudem können Verbraucher von den Gaslieferungen abgeschnitten werden. Das trifft zuerst die Industrie, Haushalte müssen zumindest 30 Tage weiterversorgt werden.

Kann russisches Gas kurzfristig durch andere Lieferquellen ersetzt werden?

Ein hundertprozentiger Ersatz ist kurzfristig nicht möglich. Aber auch die Russen könnten die Gaslieferungen nicht einfach von Europa in andere Regionen wie etwa China umleiten. Denn die Gasförderstätten, von denen Gas nach Europa geliefert wird, verfügen über keine Pipeline nach China. Diese mindestens 4000 Kilometer lange Leitung müsste erst gebaut werden.

Gibt es also wirklich keine Alternative zum Russen-Gas?

Kurzfristig könnte Europa wohl einen Teil der Gasbezüge aus Russland durch andere Quellen ersetzen. Norwegen könnte mehr Gas in die EU liefern und die Niederlande könnten ihre Erdgasförderung steigern, die sie wegen des raschen Rückgangs der Reserven gebremst haben. Beides würde wohl nur zu höheren Gaspreisen möglich sein.

Ist mittelfristig eine Reduktion des Bezugs von Gas aus Russland möglich?

Mangels Pipelines in andere große Gasförder-Regionen könnte Europa den Flüssiggasbezug steigern. Dieses Gas kommt verflüssigt per Schiff etwa aus Kuwait oder Nigeria in Häfen an und muss dort wieder in Gas umgewandelt werden. Flüssiggashäfen hat Europa etwa in Rotterdam, in Spanien und in Italien. Allerdings: Flüssiggas kostet etwa ein Fünftel mehr als Gas, das via Pipeline kommt.

Ist Schiefergas eine Alternative?

Europa hat noch nicht einmal überprüft, wie viel Schiefergas förderbar wäre. E-Control-Chef Boltz plädiert daher für rasche Probebohrungen: "Damit wir zumindest wissen, wie viel wir haben". Teurer als in den USA wäre es jedenfalls, weil das Gas in Europa sehr viel tiefer im Boden lagert. Doch dagegen hat sich großer Bürgerwiderstand formiert.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.