Nord Stream: Mammut-Pipeline startet

Durch eine 1200 Kilometer lange Leitung in der Ostsee fließt künftig russisches Erdgas direkt nach Westeuropa. Kritiker befürchten Abhängigkeit von Russland.

Nach nur eineinhalb Jahren Bauzeit war es soweit: Am Dienstag wurde der Gashahn der Nord Stream aufgedreht und... ...  nun strömt das flüssige Gold vom russischen Wyborg bis zum deutschen Endpunkt Lubmin. Nord Stream ist eines der wichtigsten energiepolitischen Projekte Europas der vergangenen Jahrzehnte. Für die offizielle Inbetriebnahme reisten Staats- und Regierungschefs (im Bild die Präsidenten Russlands und Deutschlands, Medwedew und Wulff) beteiligter Länder zum Erdgas-Gipfel am flachen Greifswalder Bodden an. Seit 2010 wurden auf speziellen Verlege-Schiffen 200.000 jeweils zwölf Meter lange Rohre für den Doppelstrang zusammengeschweißt und... ... im Ostseewasser versenkt. Damit die Leitung am Meeresgrund liegen bleibt, wurden die Rohre in einer extra auf Rügen errichteten Fabrik mit Beton ummantelt. Wenn im Herbst 2012 auch der zweite Pipeline-Strang betriebsbereit ist, sollen bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr nach Westeuropa fließen. Zum Vergleich: Österreich verbraucht jährlich rund neun Milliarden Kubikmeter. Rein rechnerisch könnten damit 26 Millionen Haushalte  in Westeuropa mit Gas versorgt werden. Gut 7,4 Mrd. Euro kostet das Projekt, das Putin und der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder 2005 auf den Weg brachten. 30 Prozent der 7,4-Milliarden-Euro-Investition brachte die russische Gazprom als Hauptanteilseigner zusammen mit den deutschen Unternehmen Wintershall und E.ON Ruhrgas sowie der Nederlandse Gasunie und der französischen GDF Suez auf. Den großen Rest des benötigten Geldes stellten internationale Banken zur Verfügung. Unter Experten ist umstritten, ob die Ostsee-Pipeline eher ein wirtschaftliches oder ein politisches Projekt ist. Für Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin überwiegt der politische Aspekt: Die Pipeline senke für Westeuropa die Lieferrisiken, wenn es in den Transitländern Probleme gebe, sagt er. Prognosen über einen steigenden Erdgasbedarf sieht  Geden dagegen skeptisch. "Der Verbrauch stagniert inzwischen." Auch der deutsche Atomausstieg werde nicht zu höherem Erdgas-Verbrauch führen. An der deutschen Abhängigkeit von Russland in Sachen Erdgas ändere auch Nord Stream nichts, sagt Rainer Wiek vom Energie Informationsdienst (EID). Der wichtigste Grund für ihren Bau aber sei - und da ist Wiek anderer Meinung als Geden - "dass Europa mehr Erdgas brauchen wird". Und vom Erdgas lägen nun einmal die meisten Vorräte "unter dem Permafrost in Nordrussland". Gazprom habe die Pipeline nicht ins Blaue hinein geplant, "sondern weil es eine Nachfrage dafür gibt", so Wiek.
(APA / sho) Erstellt am
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