Die neue Filiale im Stadtzentrum.

© /Josef Siffert

Lokalaugenschein
08/19/2014

Wiener Röstung für Chicago

In der US-Metropole eröffnete kürzlich das dritte Meinl-Kaffeehaus.

von Josef Siffert

Was ist heut’ Kaffee des Tages?", ruft Thomas Meinl senior dem Kellner zu, kurz nachdem er auf einem der beiden Tische im neuen Kaffeehaus in der Innenstadt Chicagos Platz genommen hat. Espresso Spezial. Dazu gönnt sich der Ur-Enkel von Meinl-Firmengründer Julius I. und Onkel von Banker Julius V. ein Schoko-Croissant. Serviert wird der Kaffee stilecht auf ovalem Silbertablett, dazu das obligatorische Glas Wasser. Der Löffel liegt obenauf. Schließlich soll hier Wiener Kaffeehaustradition hochgehalten werden. Auf der Karte stehen Melange, Einspänner oder Franziskaner. Der Verlängerte heißt hier Americano. Das gehe auf die Wiener Besatzungszeit zurück, als GIs den Espresso verwässerten, um ihn so wie zu Hause trinken zu können, erklärt Carolyn Minor, seit zwölf Jahren Kaffee-Expertin bei Meinl North America. Dazu gibt’s Plundergebäck und Torten.

Was in Österreich nicht kredenzt wird, ist der Mocha, ein Espresso mit Kakaobutter, und der derzeit sehr angesagte Cold Brew, von Landsleuten Toddy genannt. Dabei fließt kaltes statt warmem Wasser über zermahlene Bohnen, wodurch der Kaffee nur wenig Säure erhält – serviert wird er mit Eiswürfeln. Doch sonst bekomme man alles wie daheim, so Meinl. An den Geschmack des US-Kunden hätte man sich nicht anpassen müssen, sagt Minor. Kunden würden die mitteldunkle Röstung schätzen, da sie nicht so herb wie sonst üblich sei und der Kaffee dadurch mehr Balance bekomme. "Außerdem ist es Teil unserer Identität", so Meinl. "Moccacinos gibt es in den USA genug."

Bilder: Eindrücke aus den Meinl-Filialen in Übersee

Meinl, USA…

Meinl, USA…

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Meinl, USA…

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Meinl, USA…

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Meinl, USA…

Goldener Mohr

Im Jahr 2002 zog Meinl aus Österreich aus, um die Stadt am Michigansee mit Wiener Kaffeetradition zu erobern. Eine alte Tankstelle im Norden Chicagos wurde durch ein Wohnhaus ersetzt, im Parterre war noch Platz für ein Geschäft. So investierte Meinl 300.000 Euro in das Abenteuer, ließ Mobiliar ganz im Stil eines Wiener Kaffeehauses von einer Kremser Tischlerei zimmern, zusammenbauen, wieder zerlegen und über den Atlantik verschiffen. Um die neue Kundschaft nicht vor den Kopf zu stoßen, wurde der Meinl-Mohr, das Markenzeichen, gold gefärbt. Dass das neue Kaffeehaus in einem Viertel (Lakeview) mit vielen deutschsprachigen Einwanderern eröffnete, wusste Meinl davor nicht. "Das war Glück." Doch Chicago als Stadt wählte man schon bewusst. Denn viele Leute mit europäischen Wurzeln haben sich im Laufe der Zeit hier angesiedelt, "und außerdem gibt es strenge Winter. Und wo es Winter gibt, trinken die Leut’ mehr Kaffee", erzählt Meinl. Außerdem sei Chicago ein riesiger Markt.

Heimische Mehlspeisen

Das Konzept ging auf, 2008 wurde ebenfalls im Norden ein zweites Kaffeehaus eröffnet, 2011 eine Patisserie, in der Katie Cunningham unter anderem Apfelstrudel und Esterhazy-Schnitten bäckt. Vier Millionen US-Dollar Umsatz erzielt Meinl North America im Jahr. 50 bis 60 Tonnen gerösteter Bohnen werden jährlich per Schiff oder Flugzeug in die USA verfrachtet.

"Die Marke Meinl ist in Chicago mittlerweile sehr bekannt", sagt Bernd Gerwig, mit seiner Firma Sios selbstständiger Restaurant-Berater und momentan für Meinl tätig. Am 31. Juli sperrte das dritte Kaffeehaus auf – in der Innenstadt. Wobei es vom Konzept wohl mehr als Kaffeebar zu verstehen sei, so Gerwig. Denn in einer Seitenstraße der belebten Einkaufs- und Flanierstraße Michigan Avenue, auch als Magnificent Mile (deutsch: Prächtige Meile) bekannt, liegt der Fokus stärker auf Mitnehm-Kaffees. Das mögen die Amerikaner. Entsprechend sei auch der Raum kleiner, gäbe es nur wenig Sitzmöglichkeiten und die Speisekarte wurde auf Süßspeisen beschränkt.

Auf die Frage, ob es weitere Expansionspläne gäbe, bemüht Thomas Meinl das Sprichwort, dass auch eine 1000 Kilometer lange Reise mit dem ersten Schritt beginne. "Und eben erst haben wir wieder einen Schritt getan."

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