Wie heimische Unternehmen das Weltall-Business aufmischen
Österreicher mischen das Weltall-Business auf – und das ausgerechnet vom Flughafen Wien aus. Konkret aus dem Space Hub des Innovation Centers. 2022 wurde dort eine Umgebung für österreichische und internationale Raumfahrt-Start-ups aufgebaut. Unternehmer mit Weltraum-Fokus können sich dort einmieten, forschen und ihre Produkte produzieren. Das erste Unternehmen, das dort seinen Platz gefunden hat, ist „Enpulsion“.
„Wir sind ein Spin-out der Fachhochschule in Wiener Neustadt“, erzählt Gründer Alexander Reissner. Vor zehn Jahren – heuer im Februar ist das Jubiläum – gründete er seine Ionentriebwerksfirma. Warum das im All gebraucht wird? „Satelliten sind mobil. Sobald sie in den Orbit starten, müssen sie an ihren genauen Zielort gelangen, dürfen dabei nicht mit anderen zusammenstoßen und müssen irgendwann auch wieder entfernt werden.“ Dafür brauchen sie Antriebssysteme. Und jene von Enpulsion werden seit 40 Jahren entwickelt – zunächst am Austrian Institute of Technology (AIT) und danach von der FOTEC Forschungs- und Technologietransfer GmbH.
„Bis vor zehn Jahren wurden dort grundlegende Technologien für den Antrieb von Satelliten entwickelt“, sagt Alexander Reissner. „Die Technologie wurde dann industrialisiert. Jetzt produzieren wir mit 70 Mitarbeitern am Flughafen Wien unsere Ionentriebwerke. Und das auf einer 4.000 m2 großen Fläche.“ Sie werden gebaut, getestet, Weltraumbedingungen ausgesetzt, verkauft und ins All geschickt. Aktuell schweben bereits 300 seiner Triebwerke im luftleeren Raum. Mit 50 Kunden u. a. in Japan, Korea und den USA gehören sie laut Reissner im Kleinsatellitensegment zu den weltweiten Marktführern: „Wir sind mittendrin in einer stark wachsenden Industrie.“
„Es ist für uns nach wie vor ein interessantes Pflaster, weil hier aufgrund der Automobil- und Flugzeugzulieferer eine starke und qualitativ hochwertige Zulieferindustrie vorhanden ist“, erklärt Reissner. Außerdem würde das „Ökosystem um sie herum das Business-Modell gut verstehen“. „Space-Technologie wirkt für viele wie ein Elfenbeinturm, aber am Ende des Tages bestellen wir Teile, bauen sie zusammen und liefern ein Produkt aus. Das ist etwas, das die österreichische Politik und Förderlandschaft verstehen.“ Was wiederum Vorteile bringe.
Österreich sei auch als Forschungsland spannend, meint er – nur beim Thema Unternehmertum gebe es Schwächen. „Vieles verläuft hier im Sand oder wird erst im Ausland sehr groß“, so der Gründer. „Viele junge Menschen trauen sich nicht zu gründen, obwohl sie brillante Forscher sind und Innovationen in der Hand haben, aus denen man viel machen könnte.“ In der Verbindung zwischen Unternehmertum und Forschung sieht er also noch viele Chancen und will deshalb sein Wissen im Space Hub an jüngere Firmen weitergeben. Zu diesen jüngeren Unternehmen gehört etwa „Gate Space“.
- 2022 hat der Flughafen Wien im Innovation Center einen „Space Hub“ aufgebaut – ein Ort, an dem sich Start-ups (günstig) ansiedeln können.
- Stakeholder sind u. a. die ESA (European Space Agency), Universitäten, Fachhochschulen, Investoren, die Länder Wien und Niederösterreich und Förderungsagenturen wie die FFG.
- „Wir haben damit einen Playground geschaffen, wo aus Spitzentechnologie Wertschöpfung für den Standort und für Österreich geschaffen wird“, erklärt Christoph Schmidt, Geschäftsführer des Vienna Airport Conference & Innovation Center.
Österreichs Schwächen und die großen Ziele von Gate Space
Am Flughafen Wien haben auch sie ihre 600 m2 große Produktionsanlage und eine 1.000 m2 große Testanlage für ein mikrowellengroßes Satellitenantriebssystem. „Antriebe kann man auf unterschiedliche Arten lösen“, erklärt Moritz Novak, Gründer von Gate Space. „In unserem Fall ist es eine Kombination aus zwei nachhaltigen Treibstoffen.“
Vor dreieinhalb Jahren gründete er das Unternehmen als Spin-out der Technischen Universität Wien (TU Wien) – heute arbeiten 26 Mitarbeiter an den Antriebssystemen. „Wir haben einige Jahre an der TU zusammengearbeitet, an Raketentriebwerken geforscht und Praxiserfahrung gesammelt.“ Dann fiel die Entscheidung, das Produkt zu kommerzialisieren und zu patentieren. „Wir hatten das große Glück, dass wir schon an der Uni viele Unterstützer hatten.“ Unter ihnen auch der österreichische Astronaut Franz Viehböck und die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).
Unterstützung lehnt man besonders in dieser Branche nicht ab: „Man hat es mit sehr risikoaversen Kunden zu tun, die sogar dazu bereit sind, mehr zu zahlen, um sicherzugehen, dass das Produkt auch wirklich funktioniert“, sagt er. Entsprechend müsse Vertrauen aufgebaut und viel Zeit in Forschung und Entwicklung gesteckt werden. „Zunächst besteht das Unternehmen also primär aus Ingenieuren. Im vierten Jahr kommt erst der Schwenk ins Kommerzielle.“ Heuer sollen auch ihre Antriebssysteme erstmals ins Weltall geschickt werden. Damit sei Novaks Ziel aber nur „partiell“ erreicht.
„Die meisten Raumfahrtunternehmen kommen nie ins Weltall. Dass es bei uns so schnell geht, ist untypisch, zeigt aber, dass der Markt aktuell sehr spannend ist und viele Möglichkeiten aufgehen“, sagt der Luftfahrtingenieur. Die Anzahl an Satelliten, die ins All geschickt werden, steige exponentiell. „Antriebssysteme wie unsere sind fundamentale Bausteine. Sie werden eingesetzt, um ins Weltall zu fliegen, auf anderen Planeten zu landen, das Sonnensystem zu verlassen.“ Über die kommenden Jahrzehnte will er solche spannenden Raumfahrtmissionen ermöglichen.
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