Wirtschaft | Karriere
15.10.2018

Kreative Programmiererinnen: „Job ist perfekt für Frauen“

Initiativen wie Women and Code oder das FiT-Zentrum Wien machen es sich zum Ziel, Frauen für Technik und IT zu begeistern.

Ein goldener Tisch, ein knallrotes Sofa – auf Understatement setzt der Coworking SpaceLoffice“ in der Wiener Schottenfeldgasse nicht. Die beiden Programmiererinnen, die hier heute Abend zum kostenlosen Javascript-Kurs geladen haben, ebenso wenig. Jedenfalls nicht, wenn es um ihre beruflichen Fähigkeiten geht: Sie wissen, was sie können. Und warum sie es so gerne tun.

Vor rund sechs Wochen haben Eva Lettner, Frontend Developerin bei xxxldigital und Barbara Ondrisek, Doktorin der Informatik und Geschäftsführerin der Chatbots Agency, darüber nachgedacht, wie man andere für das Programmieren begeistern könnte. Konkret: Andere Frauen. Nun läuft der erste „Women and Code“-Kurs. Warum ein reiner Frauenkurs? Lettner: „Weil wir Frauen die Scheu vor der IT nehmen wollen.“ Und Männer in der Gruppe, das wissen die beiden aus Erfahrung, tun dem weiblichen Wissensdurst nicht gut. „Frauen in reinen Frauengruppen sind offener. Sie trauen sich, auszuprobieren und Fehler zu machen. Das ist ganz wichtig, nur so lernt man Programmieren“, erklärt Ondrisek. „Wir wollten ein behütetes Umfeld schaffen“, ergänzt Lettner.

Denn noch immer sind Technik und IT überwiegend Männerdomänen. Um das zu ändern, organisiert das FiT-Zentrum Wien (FIT steht für Frauen in Technik und Handwerk) am 18. Oktober bereits zum zweiten Mal die österreichische Frauenmesse für handwerkliche, technische und nicht-traditionelle Berufe. Bei freiem Eintritt werden "in hochkarätigen ExpertInnentalks spannende Themen diskutiert", an diversen Infostände von namhaften Unternehmen können Berufe ausprobiert werden. "Ziel ist es, das Bewusstsein für das Thema Frauen in die Technik weiter zu steigern und ein Zeichen zu setzen, dass Frauen in diesen Branchen mehr leisten, als ihnen zugetraut wird", so die Organisatorinnen in einer Aussendung.

Ortswechsel: Die rund 20 Frauen, die an diesem Abend um kurz vor 18.30 Uhr im Loffice zum "Women and Code"-Kurs eintrudeln, müssen unterdessen nicht mehr überzeugt werden. Genauso bunt und vielfältig wie die Sessel sind auch die zukünftigen Developerinnen: Da sitzt die schicke Dame in den hohen Stiefeln neben der im achten Monat Schwangeren, die nach Kinderbetreuung fragt (Lettner: „Ja, wird es geben“). Die Start-up-Unternehmerin bildet ein Lernteam mit einer studierten Historikerin, die jetzt Online-Marketing macht, eine Jus-Studentin mit einer Consulterin. Verbindendes Element: Laptops. Lettner gibt – in der Kursprache Englisch – die Paroli aus: „Versucht Sachen, zerbrecht Sachen, macht Fehler und lernt, wie ihr sie wieder gutmacht.“

Programmieren ist wie Stricken

Los geht es mit Lektion Eins und für manche auch mit dem ersten großen Fragezeichen: Wie finde ich die Konsole meines Computers?

Zehn Mal pro Semester, immer abends für 2,5 Stunden, können sich Neo-Programmiererinnen hier frontalunterricht-frei und mit Mentorinnen fortbilden. Kostenlos und gesponsert von Förderern wie etwa dem Loffice. Vermittelt werden nicht nur IT-Skills sondern auch der Mut, Programmieren nicht als unbewältigbare „Rocket Science“ sondern als Jobchance zu sehen. „Ich mache sehr viele kreative Tätigkeiten, wie etwa Stricken. Programmieren von Websites oder Apps ist in gewisser Weise sehr ähnlich: Da kann man sich richtig verlieren und es kommt trotzdem was raus“, erklärt Lettner ihre Faszination für den eigenen Beruf. Man brauche zwar viele Skills und muss immer am Ball bleiben, aber im Grunde habe es etwas Spielerisches – „wie Puzzeln.“ Ondrisek: „Developerin ist ein toller Beruf. Man ist flexibel, kreativ und verdient überdurchschnittlich gut.“

Denn in der IT–Branche, so die beiden beruflich selbst erfolgreichen Initiatorinnen, gibt es mehr Arbeitsplätze als Arbeitsuchende. Ondrisek: „Wir haben gerade in Wien einen massiven Mangel. 50 Prozent der Bevölkerung – also Frauen – von vorneherein ausklammern, hilft nicht, den IT Standort Österreich zu forcieren. Daher wollen wir zeigen: Der Job ist für Frauen perfekt geeignet.“ Denn ohne Kommunikations- und Teamskills geht es nicht. Ein Blick in die von der Magie des Programmierens bereits infizierten „Women and Code“-Teilnehmerinnen zeigt: Das Bild des Programmier-Genies, der im stillen Kämmerlein vor dem PC hockt, ist heute passé. (Teresa Richter-Trummer)

Technikerinnen oft von Familie ausgebremst

Während die Teilnehmerinnen der Initiative "Women and Code" sich in der Gruppe gegenseitig anspornen, sind andere Frauen, die eine Karriere in der Technik anstreben, vielfach auf sich gestellt. TU-Studentin Carina etwa ist als Frau an ihrem Institut klar in der Minderheit. Bauleiterin Nina Avramovic Trninic steht voll im Berufsleben, ist aber ebenfalls fast ausschließlich von männlichen Kollegen umgeben. Frauen sind in Technik und Industrie immer noch rar.

Carina Patras konnte sich kein anderes Studium vorstellen. Sie ist mit der Liebe zur Technik aufgewachsen, da ihre Eltern beide Maschinenbau an der Technischen Universität  „Gh. Asachi“ in Iaşi, Rumänien unterrichten. Trotz ihrer Versuche, die Tochter auch für andere Bereiche zu begeistern, blieb die bei ihrem Entschluss, an die TU Wien zu gehen. „Maschinenbau macht mir Spaß –  trotz der schwierigen Prüfungen.“ Carina ist als Frau im  Hörsaal aber in der Unterzahl. „In manchen Vorlesungen machen wir ein Drittel aus, manchmal sind wir zu dritt.“

Laut der Statistik „Bildung in Zahlen“ 2016/2017 waren nur 24,9 Prozent der Technik-Studierenden an öffentlichen Unis Frauen. Eine Prognose für die nächsten 20  Jahre zeigt, dass  sich der Frauenanteil in diesem Bereich nicht groß verändern wird.  Andreas Philipp von der Abteilung Bildungspolitik und Berufsausbildung der WKO Wien erklärt das auch mit der Familienerziehung. „Mädchen haben Interesse an technischen Berufen, oft wird das in der Familie ausgebremst.“

Trotz der Vielfalt an Förderungsprogrammen bleibt ihr Anteil in der Technik niedrig. Nina Avramovic Trninic hat es unter die wenigen Frauen in der Baubranche geschafft  – laut Statistik-Austria beträgt hier der Frauenanteil lediglich 13,9. Die 35-Jährige ist Bauleiterin bei PORR und hat große Projekte, wie die U2 Verlängerung Hausfeldstraße, umgesetzt. „Die Frauen  müssen mehr Chancen haben, sich in der Branche zu beweisen“, sagt Avramovic Trninic. Die familiäre Unterstützung von klein auf hält auch sie für wichtig. (Tsvetiana Petalareva)