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Wirtschaft Karriere
02/18/2019

Kräftiges Plus nach Kanada-Pakt

Österreich hat vom Freihandelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada zwar mehr als die meisten anderen EU-Mitglieder profitiert. Der Einfluss anderer Faktoren auf die Handelsbeziehungen ist jedoch größer.

Die Aufregung in den Wochen vor dem 21. September 2017 war groß. Was die einen als große Chance für die europäische Wirtschaft feierten, sahen andere als schwarzen Tag für die Demokratie.

An jenem Donnerstag vor knapp eineinhalb Jahren trat das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada – kurz CETA (Comprehensive Economic and Trade Agreement) – großteils in Kraft. Mit diesem Schritt wurden 98 Prozent der bilateralen Zölle abgeschafft. Neue Ursprungsregeln und geschützte Herkunftsbezeichnungen werden seither ebenfalls angewendet.

„Die Aufregung war übertrieben.“

Gurkenprinz-Geschäftsführer Jürgen Hagenauer

Für die ersten zwölf Monate liegen jetzt Zahlen vor. Die Bilanz entspricht dem, was viele Experten erwartet hatten: Es gibt positive Impulse, aber keinen Grund für Euphorie. Und schon gar nicht für Panik.

Von September 2017 bis Oktober 2018 ist der Exportumsatz von Österreich in Richtung Kanada um elf Prozent auf 1,25 Milliarden Euro gestiegen. Ein überdurchschnittlicher Wert, heißt es aus der Wirtschaftskammer Österreich.

Die EU-Länder liegen im Schnitt darunter, einige freilich mit bis zu 40 Prozent Wachstum auch darüber. Wieviel Anteil CETA daran hat, lässt sich allerdings nicht exakt sagen. Fest steht, dass sich die heimischen Unternehmen jede Menge Dokumentation, Bürokratie und Zeit erspart haben.

„Es erleichtert uns den Transport von Produktionsequipment  sehr.“

Karl Großalber Marketingchef bei Starlim/Sterner

Am stärksten fragen Kanadier Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge, Motoren, elektrotechnische Waren und pharmazeutische Erzeugnisse aus Österreich nach. Zu den größten Exporteuren zählen Rotax, Magna, KTM, Red Bull, Doka, Schöller-Bleckmann und Blum.

Neben industriell gefertigten Produkten spielen Dienstleistungen eine große Rolle – vor allem technische und industrienahe Dienstleistungen oder Planungsaufträge. Sie machen in Summe 300 Millionen der 1,25 Milliarden Euro aus. Der größte Posten ist der Tourismus.

„Bei uns hat CETA wirklich was geholfen.“  

Winzer-Krems-Geschäftsführer Franz Ehrenleitner

Die AUA startet ab Ende April 2019 täglich nach Montreal. „Kanada hat eine vielseitige Industrie. Hier sehen wir Potenzial für unsere neue Flugverbindung – insbesondere, wenn die Handelsbeziehungen weiter verstärkt werden“, sagt AUA-Vorstand Andreas Otto. Die Destination Wien-Toronto fliegt Air Canada, die Verbindung ist als Codeshare über die AUA buchbar.

Die Außenhandelsbilanz mit Kanada ist positiv, der Überschuss beträgt rund eine Milliarde Euro, da Österreich nur Waren um rund 350 Millionen Euro importiert – eher exotische Produkte wie Raumfahrtteile, Turbostrahl- und Propellertriebwerke, Kobalt und Münzen.

In den zwölf Monaten vor CETA lag das Exportwachstum übrigens bei 13,3 Prozent. Es war deshalb so hoch, weil es in Kanada 2015/’16 eine Wirtschaftskrise gab, auf die ein „Nachholbedarf“ folgte.

 

Gurkenprinz und Marmeladenkönig

Staud’s exportiert Saures und vielleicht bald auch Süßes in Bio-Qualität nach Kanada

Essiggurkerl aus dem Burgenland für Kanada? „Ja, die Nachfrage nach Lebensmitteln aus Europa ist gegeben“, sagt Jürgen Hagenauer. Er ist Geschäftsführer der Südobst Obst- und Gemüseveredelungs GmbH,  besser bekannt als die „saure Sparte“ des Wiener Traditionsbetriebes Staud’s, die auch unter der Marke „Gurkenprinz“ verkauft wird.

Hagenauer liefert seit rund einem Jahrzehnt nach Kanada, genau genommen an rund 60 Lebensmittelgeschäfte des Costco-Konzerns.

Vor Inkrafttreten des Freihandelsabkommens lagen die Zölle auf eingelegtes Gemüse aus der EU bei durchschnittlich acht Prozent, mit CETA sind sie weggefallen. Nun hat Hagenauer sogar Anfragen für Nachbestellungen, weil die Ware vergriffen ist.

„Ich denke aber nicht, dass das in einem konkreten Zusammenhang mit CETA steht, das ist mehr das Ergebnis einer kontinuierlichen Marktbearbeitung“, relativiert er.  „Im Nachhinein betrachtet ist die Aufregung um das Freihandelsabkommen sogar etwas übertrieben gewesen.“

Die Zusatzbestellungen aus Kanada kann der Gurkenprinz derzeit ohnehin nicht liefern. Schlicht, weil er nicht genug Nachschub hat. Schuld sind die extremen Wetterbedingungen, sprich die Hitze im vorigen Anbaujahr. Dazu kommt, dass viele Anbauflächen wegfallen, weil Bauern sich den arbeitsintensiven Gurkerlanbau nicht mehr antun.

Währenddessen plant Stefan Schauer, Geschäftsführer der süßen Sparte von Staud’s, den Verkauf von Marmeladen in Kanada. „Wir  stellen demnächst bei einer Lebensmittelmesse in Toronto und im Juni bei einer weiteren in New York aus.“

In Kanada sieht er auch für seine Bio-Linie gute Chancen. „Wir brauchen Handelspartner wie Kanada, die auf hohe Umwelt- und Sozialstandards Wert legen. Im Preiskampf mit Indien oder China können wir nur verlieren.“

-Simone Hoepke

 

Weinexporte der Winzer Krems

Auch wenn die Zölle nicht hoch waren,  ist einiges an Bürokratie beim Weinexport nach Kanada weggefallen.  Die Verkaufszahlen steigen

Auch bei Geschäften in Ländern mit einem staatlichen Alkoholmonopol sind Handelserleichterungen von Vorteil. In Kanada werden die Importe von alkoholischen Getränken vom Staat kontrolliert.  
Die Winzer Krems  verkaufen seit Jahren Grünen Veltliner nach Übersee.

„Wir sind die einzigen Winzer aus Österreich, die in Kanada in den Monopolläden des LCBO (Liquor Control Board of Ontario) gelistet sind“, betont Geschäftsführer  Franz Ehrenleitner.

Schließlich ist es nicht selbstverständlich, ins staatliche Vertriebssystem aufgenommen zu werden. Man muss Kontingente liefern und die Weine werden getestet. Vergangenes Jahr wurden etwa 18.000 Flachen nach Kanada verkauft.

Das Freihandelsabkommen ist von Vorteil. „Bei uns hat es wirklich was geholfen“, meint  Ehrenleitner. Denn mittlerweile gebe es zusätzliche Bestellungen aus Kanada. Es geht dabei um die sogenannten „special orders“, für die es auch eigene Ausschreibungen geben kann.  

Bürokratie fällt weg, Verkaufszahlen steigen

So wurden zusätzlich 500 Kartons an die Gastronomie verkauft und dann abermals 500 weitere Kartons exportiert. Ein Karton besteht aus 12 Flaschen. Allein die beiden Bestellungen haben ein Volumen von 12.000 Flaschen.

Auch eine kanadische Lebensmittelkette hat mittlerweile Grünen Veltliner DAC aus dem Kremstal im Angebot. Wobei es dabei  nicht um Billigware geht, sondern um österreichischen Qualitätswein im durchaus höheren Preissegment. 

Eine Flasche hat  in Kanada immerhin einen Endverkaufspreis von 13,95 kanadischen Dollar  (rund 10 Euro). Auch wenn es nicht  um sehr viel  Geld geht, ist der Wegfall der Steuern eine deutliche bürokratische Erleichterung für den heimischen Weinhandel. 

Bei Weinen bis 13,7 Volumenprozent betrug die Abgabe 1,87 Cent je Liter. Bei Weinen mit einem höheren Alkoholgehalt sind früher 4,68 Cent pro Liter angefallen.

- Andreas Anzenberger

 

„Wir fühlen uns sehr wohl in Kanada“

Der Wiener Schmuckproduzent Frey Wille ist seit 2011 mit einem Geschäft in Vancouver vertreten. Von dort aus bearbeitet er auch den US-Markt. Chef Friedrich Wille  sieht Freihandel generell positiv

Kanada hat es Friedrich Wille geschäftlich angetan. Schon Jahre, bevor CETA zum Thema wurde, hat sich der Chef der Wiener Schmuckmanufaktur Frey Wille entschlossen, in Kanada Fuß zu fassen. „Es ist ein interessanter und wichtiger Markt“, sagt er im KURIER-Gespräch.

Seit 2009 beliefert er dort ansässige Juweliere, 2010 wurde in Vancouver eine eigene Boutique eröffnet. Dank CETA gehe die Warenlieferung einfacher und schneller. Auch die Nachfrage sei gestiegen.

„Früher haben wir drei bis vier Mal im Jahr nach Kanada geliefert, jetzt ist es ein Mal im Monat.“ Als „Brückenkopf zu Nordamerika“ sieht Wille Kanada: Die mentale Nähe des Landes zu Europa sei ungleich größer als jene zu den Vereinigten Staaten. „Dort sind alle begeistert von Europa. Und wir fühlen uns sehr wohl.“

Weiters sei Kanada politisch und wirtschaftlich stabiler. Die USA würden Importeure schlechter behandeln, auch jene aus Kanada. „Vernünftige Nationen tun sich zusammen.“ Daher dürfe man Kanada nicht die kalte Schulter zeigen; CETA sei wichtig, das Abkommen mache beide Vertragspartner stärker. Und bessere in der Folge vielleicht langfristig auch das Verhältnis zu den USA, hofft Wille.

Generell baut der Unternehmer auf Handelsverträge. „Europa muss überall Abkommen abschließen –  im Gegensatz zu den USA, die sich abkoppeln.“ Als Beispiel nennt er den Anfang Februar in Kraft getretenen EU-Vertrag mit Japan, wo Wille ebenfalls Potenzial für seinen Schmuck sieht. Einstweilen konzentriert er sich aber auf Nordamerika, wo „noch sehr viel Luft drin ist. Ich glaube  an Nordamerika.“

Über Kanada nach Mexiko

Von rund 35 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet Frey Wille erst rund eine Million westlich des Atlantiks. Sowohl in Kanada und den USA möchte Wille das Vertriebsnetz – sei es mit eigenen Boutiquen oder über Juweliere – ausbauen.

Zudem sei die Suche nach Franchisepartnern in Vorbereitung. Via Kanada will Frey Wille auch nach Mexiko gehen. Schon seit 2013 ist man  in Südamerika mit einer Boutique in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá vertreten. „Damit habe ich mir einen lang gehegten Traum erfüllt“, sagt Wille.

Die Expansion ins Ausland mit eigenen Niederlassungen begann Mitte der 90er-Jahre. Entsprechend hoch ist inzwischen die Exportquote (von rund 90 Prozent).

- Robert Kleedorfer

 

„Ein treuer Partner“

Laut Außenwirtschaft Austria hat CETA für die Unternehmen Erleichterungen gebracht

KURIER: Wie bilanziert die Außenwirtschaft Austria  die ersten eineinhalb Jahre des in Kraft getretenen Freihandelsabkommens CETA?
Michael Otter: Es ist sehr gut gelaufen. Wir hatten hunderte Anfragen von heimischen Unternehmen in unseren Büros.

Worum haben sich diese gedreht?
Die meisten wollten anfangs wissen, was sie tun müssen, um zur Zollbefreiung zu kommen und wie man die Vorteile nutzen kann. Dafür braucht man eine Ermächtigung. Um diese zu bekommen, muss man sich registrieren. Jetzt stehen eher Steuerthemen im Vordergrund.

Sind die Auswirkungen des Abkommens für die Unternehmen bisher positiv oder negativ?
Es ist auf jeden Fall eine Erleichterung für die österreichischen Unternehmen.

Welche Bedeutung hat Kanada für die österreichische Exportwirtschaft und welche Beziehung haben die beiden Länder?
Kanada ist ein sehr wichtiger Partner. Während die USA für uns eine wirtschaftliche Großmacht sind, gilt Kanada als wichtiger Nischenpartner. Kanada ist ein sehr treuer und stabiler Partner, wir haben immer einen Überschuss in der Außenhandelsbilanz mit Kanada.

Wie werden sich Ihrer Einschätzung nach die Exporte Richtung Kanada heuer entwickeln?
Wir sind für die nächsten Jahre etwas skeptischer. Nachdem 2018 sehr gut verlaufen ist, könnten sich die Exporte wegen des weltweiten Abschwungs etwas abschwächen, sollten aber immer noch über vier Prozent liegen.

Kritiker meinen, CETA würde Konzernen ermöglichen, durch Schiedsgerichte österreichisches Recht zu untergraben. Wie sehen Sie das?
Um es auf Englisch zu sagen, für uns ist das ein No-thrill-Thema. Kanada ist ein guter Partner, da gab es nie große Verwerfungen.

- Thomas Pressberger

 

„CETA erleichtert uns die Abwicklung sehr“

Kanada ist für Starlim/Sterner eine Art zweite Heimat, da spielen Zölle eine geringere Rolle. Dafür freut man sich über weniger Bürokratie

„Kein Auto fährt mittlerweile mehr ohne Starlim/Sterner-Produkt.“ Klingt hochtrabend, aber tatsächlich finden sich die Dichtungen der Silikon-Profis aus Marchtrenk unter so gut wie jeder Motorhaube. Dabei ist Automotive nur ein Bereich unter vielen.

Die Palette reicht vom Medizin-Equipment über Babyschnuller bis hin zur Küchenschublade: 14 Milliarden Silikonteile produziert der weltgrößte Verarbeiter von Flüssigsilikon im Jahr.

Eine Art zweite Heimat ist für die Spritzguss-Spezialisten Kanada geworden: 2005 hat das familiengeführte Unternehmen  ein Werk in Ontario in Betrieb genommen. Jüngst wurde kräftig ausgebaut. Mit dem 2018 eröffneten Ausbau sind 16.500 Quadratmeter dazugekommen, drei Produktions-Inseln, ein zweigeschoßiges Büro, Cafeteria, Lager, ein Reinraum für die keimfreie Produktion.

40 Millionen kanadische Dollar (rund 27 Millionen Euro) wurden dafür investiert. 40 zusätzliche Arbeitskräfte sind schon eingestellt, 120 weitere sollen in den nächsten Jahren noch folgen.

Weniger bürokratische Hürden

Was aber hat das Abkommen CETA einem Unternehmen zu bieten, das ohnehin vor Ort produziert? Niedriger Importzölle spielen da ja keine allzu große Rolle mehr. Dafür freut man sich über weniger Bürokratie, sagt Marketingchef Karl Großalber: „Beim Transfer von Produktionsequipment erleichtert uns CETA die Abwicklung sehr.“

In Kanada werde momentan eine ähnliche Produktvielfalt wie in Österreich erzeugt. „Ein großer Teil sind medizinische Anwendungen“, so Großalber. Das können Dichtungskomponenten für die Dialyse sein oder  Funktionsteile, die Beschäftigte im Gesundheitswesen vor Verletzungen durch Nadelstiche schützen.

Auch in Österreich schreitet die Expansion von Starlim/Sterner voran. Man steht kurz vor dem Start der Produktion im neuen Werk in Lambach, dem dritten neben Weißkirchen und dem Hauptstandort in Marchtrenk, wo die Sparte Werkzeugbau ausgeweitet wird. Das Gros der 1400 Mitarbeiter der Gruppe – rund 1000 – ist weiterhin in Österreich beschäftigt.

- Hermann Sileitsch-Parzer

 

Die Angst der Kritiker

CETA-Gegner sehen mit dem Abkommen große Probleme auf Österreich zukommen

Für Kritiker ist das Freihandelsabkommen CETA ein Machwerk. Das Abkommen sei ein trojanisches Pferd, hieß es etwa seitens der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Hinter den versprochenen wirtschaftlichen Vorteilen würden sich Gefahren für Umweltstandards, eine Ausweitung der Macht von Konzernen durch eigens eingerichtete Schiedsgerichte und Einschränkungen für demokratische Handlungsspielräume verstecken, hieß es.

Effekte des Abkommens bisher positiv

Sonderklagerechte für Konzerne könnten zu hohen Schadenersatzzahlungen führen, der Konsumentenschutz werde schwieriger und ökologische Standards in der Landwirtschaft kämen unter Druck. Was hat sich davon bewahrheitet? Für eine Bilanz ist es zu früh, da bisher nur der Teil mit den Zollregulierungen, nicht aber jener mit den umstrittenen Schiedsgerichten in Kraft getreten ist.

Die Zollregulierungen haben sich positiv ausgewirkt, die Wirtschaftskammer Österreich glaubt nicht, dass die oben angeführten Befürchtungen eintreten werden. Österreichs Unternehmen sollten in Summe profitieren.

Kürzlich hat auch der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof das System zur Streitschlichtung als vereinbar mit dem Unionsrecht bezeichnet. Die Zuständigkeit des für diese Streitfälle vorgesehenen Gerichts sei eng begrenzt.

- TP