Wirtschaft | Karriere
10.04.2018

Erfahrungen sammeln: Abenteuer Auslands-Job

© Bild: Getty Images/iStockphoto/malerapaso/iStockphoto

30 Prozent der jungen Jobsuchenden zieht es beruflich ins Ausland. Geschichten von Hoffnung und Herausforderungen.

Jeden Abend sitzt Lukas vor seinem Computer und durchforstet das Netz nach internationale Stellenangeboten. „Für unsere Zweigstelle in London suchen wir einen Projektmanager (m/w) im Bereich E-Commerce“, steht dort etwa. Er klickt auf das Inserat. Es ist nicht so, dass der 31-Jährige hierzulande keine Arbeit findet. Aktuell ist er für einen Materialiengroßhändler tätig, leitet sogar ein kleines Team. Lukas’ Problem ist viel eher, dass er sich auf dem Gebiet Onlinehandel im Großkundenbereich beruflich weiterentwickeln möchte. Und dass er in Österreich einfach keinen passenden Arbeitgeber mit dieser Spezialisierung findet.

Besseres Verständnis für qualifizierte Bewerber

„Bestimmte Skills kannst du nur bei den großen, internationalen Playern lernen. Österreich hinkt in Sachen E-Commerce stark hinterher“, sagt der Betriebswirt. Die vielen englischsprachigen Jobausschreibungen, die er täglich liest, schlagen sich in seinem Wortschatz nieder. Und so schreibt er sie an, die großen Player: Amazon in München, Mercateo in Leipzig, Lidls Zweigstelle in London. „Die Gehälter sind höher und das Verständnis für qualifiziere Bewerber ist besser“, erklärt Fuchs seine Vorliebe für große, internationale Firmen.

Jeder dritte würde für den Job ins Ausland gehen

19 Prozent der arbeitsuchenden Österreicher im Alter von 20 bis 34 Jahren können sich vorstellen, für den Job in ein EU-Nachbarland zu übersiedeln. Elf Prozent würden für die passende Stelle gar in ein Land außerhalb der EU ziehen. Das hat eine aktuelle Studie des europäischen Statistikamts Eurostat herausgefunden. In Summe ist also gut jeder dritte Junge bereit, für den Job die Heimat zu verlassen. Österreich liegt damit über dem EU-Schnitt. Eine, die den Sprung ins Ausland gewagt hat, ist Sara Noemie Plassnig. Nach ihrem Abschluss an der FH Johanneum zog es die 24-Jährige nach Norwegen. Seit vergangenem Oktober arbeitet sie für eine Hilfsorganisation in Oslo.

„Es hat allein drei Monate gedauert, bis ich in Norwegen endlich ein Bankkonto hatte.“ Sara Noemie Plassnig über bürokratische … © Bild: Privat

Norwegen

Angefangen hat Plassnig als Praktikantin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, inzwischen steht auf ihrer Visitenkarte „Medienassistentin“. „Ich schreibe Artikel für die englischsprachige Homepage, betreue die Facebookseite, verfasse Pressemitteilungen und hin und wieder organisiere ich Veranstaltungen“, beschreibt die Grazerin ihre Aufgaben beim Norwegian Refugee Council. Die Organisation leistet Hilfe in Krisengebieten und macht sich in Europa mit Lobbying für die Rechte von Flüchtlingen stark. „Was mir an Norwegen besonders gefällt, ist, dass es sehr fortschrittliche ist“, schwärmt sie. In Norwegen sind Männer und Frauen gesetzlich verpflichtet, je zehn Monate in Karenz zu gehen. „Diese Maßnahmen greifen. Es gibt viel mehr Frauen in Führungspositionen.“ Auch sie selbst arbeitet unter einer Chefin.Was war die größte Herausforderung am neuen Job im Ausland? „Englisch als Arbeitssprache hat mir nie Probleme bereitet, das war ich von früheren Praktika gewohnt“, sagt Plassnig.

Bürokratie

Mehr zu schaffen habe ihr nach dem Umzug die Bürokratie gemacht. Arbeitgeber in der EU sind verpflichtet, Arbeitnehmer aus allen Mitgliedsstaaten wie Einheimische zu behandeln. Weil Norwegen aber kein Mitgliedsland der EU ist, musste die 24-Jährige erst um eine Arbeitsgenehmigung ansuchen und eine passende Stelle finden: „Es hat allein drei Monate gedauert, bis ich endlich ein Bankkonto hatte. Denn um in Norwegen ein Konto zu eröffnen, muss man einen Arbeitsplatz vorweisen können. Der zukünftige Arbeitgeber will inzwischen wissen, an welche Bank er das Gehalt später überweisen soll.“ Gewöhnungsbedürftig findet die Grazerin auch die Kälte und die ständige Dunkelheit im Winter. Aktuell hat es in Oslo null Grad. „Die Dunkelheit macht träge. Die Menschen hier trinken deshalb literweise Kaffee und machen viel Sport“, sagt Noemie Plassnig, die sich selbst angewöhnt hat, abends mit Taschenlampe langlaufen zu gehen. „Im Sommer habe ich aufgrund der Helligkeit dafür einmal am Meer die Zeit übersehen und war bis ein Uhr morgens Kajakfahren.“

Rückkehr?

Für den Job auszuwandern und nach Norwegen gegangen zu sein, bereut Noemie Plassnig nicht. Dennoch kann sie sich vorstellen, eines Tages nach Österreich zurückzukehren. Auch Lukas hat sich vorgenommen, nicht für immer ins Ausland zu gehen. „Wenn meine Partnerin und ich irgendwann eine Familie gründen, wollen wir zurück in die Heimat“, sagt der Oberösterreicher. Er hofft, dass die Handelsbranche für das Thema E-Commerce im B2B-Bereich bis dahin auch hierzulande aufgeschlossener ist. Dann rechnet er sich mit seinen im Ausland erworbenen Qualifikationen Vorteile am Arbeitsmarkt aus. Es ist wieder Abend. Lukas öffnet seinen eMail-Posteingang: Lidl teilt mit, dass er den Onlinetest bestanden hat. In den kommenden Tagen steht ein Telefoninterview an. - Andrea Vislozil

In der EU überall versichert

Versicherung, Pension und Steuern. Das gilt es beim Auslandsjob zu beachten. Wer sich beruflich auf internationales Parkett wagt, stellt sich zwangsläufig  Fragen zum Thema Einkommenssteuer, Sozialversicherung oder Pension. Hier gilt es, einiges zu beachten:  In der EU  muss jeder Bürger sein Einkommen grundsätzlich dort versteuern, wo er wohnt und seinen Lebensmittelpunkt hat. In welchem Land das Einkommen erzielt wird, ist dabei zweitrangig. Ein Tiroler, der beispielsweise zum Arbeiten nach Bayern pendelt, ist  zu Hause in Österreich steuerpflichtig.

Ähnliches gilt für die Sozialversicherung

„In welchem Staat ein Arbeitnehmer versichert ist, richtet sich EU-rechtlich nach dem Territorialitätsprinzip“, sagt Caroline Krammer, Sprecherin der Arbeiterkammer. Das bedeutet, dass ein Mitarbeiter unabhängig von seinem Herkunftsland und vom Sitz des Arbeitgebers immer in dem Land versichert ist, in dem er tatsächlich tätig ist. „Das gilt für  alle EU- und EWR-Staaten,  etwa auch für Norwegen.“ Wenn der Arbeitnehmer nach seiner Zeit im Ausland wieder nach Österreich zurückkommt, kann er sich die geleistete Arbeitszeit als Pensionsjahre anrechnen lassen. In welcher Höhe die Pension später ausgezahlt wird, hängt vom Zielland ab. „In der EU und in bestimmten Vertragsstaaten erhalten Sie ergänzend zu Zahlungen in Österreich eine Teilpension aus dem Ausland“, erklärt Krammer.