© Katharina Plange

Wirtschaft Karriere
04/17/2019

Adelscoach: "Ehemalige Fürsten gehen ganz normalen Jobs nach"

Gäbe es noch Adelstitel, wäre Katharina Plange Gräfin. Als Coach berät sie Menschen, die mit dieser Umstellung straucheln.

Aufgewachsen ist sie im eigenen Schloss, der Feldmarschall Radetzky zählt zu ihren Vorfahren und ihr Geburtsname lautet: Katharina Folliot de Crenneville-Poutet. Katharina Plange wäre eine Gräfin, wenn es noch Adelstitel gebe. Obwohl das Adelsaufhebungsgesetz 1919 schon in Kraft trat, leben viele ehemalige Fürsten und Grafen noch in einer Parallelwelt. Daheim in ihren Kreisen gelten die alten Gesetze und Hierarchien. Gemeinsame Werte und Traditionen, die gelebt werden.

In der realen Welt sind diese längst überholt, Identitätskrisen bestimmen den Alltag. Die Frage nach: „Wer bin ich ohne Titel?“ dringt immer mehr ins Bewusstsein. Katharina Plange ist selbst diesen Prozess durchgegangen. Heute hat sie Frieden geschlossen und kann beide Welten miteinander verbinden. Als zertifizierter Coach hilft sie Adeligen raus aus alten Denkmustern. Ein Interview über eine Parallelwelt, die nach Antworten sucht.

 

KURIER: Wie sieht die Welt der ehemals Adeligen aus?

Katharina Plange: Die meisten von ihnen haben keinerlei Besitztümer wie Schlösser oder Ländereien mehr und gehen einem ganz normalen Job nach. Denn das Erbe hat meistens nur ein Familienmitglied bekommen, um es der Nachwelt in seiner Gesamtheit zu erhalten und nicht zu zersplittern. Sind Adelige unter sich, gelten wieder Rangordnung und Verhaltensweisen wie eh und je. Sie tragen ihre Siegelringe mit dem Familienwappen, schreiben sich mit dem Titel an und leben auch die typischen Werte, die uns bereits als Kinder vermittelt wurden.

Welche Werte sind das?

Schon als Kind werden uns Benimmregeln eingetrichtert. Angefangen von wer wie wo am Esstisch zu sitzen hat, über die korrekte Begrüßungsform zwischen Männern und Frauen bis hin zu wie man zu leben hat. Dass man beispielsweise nur innerhalb des Adels zu heiraten hat. Auch eine klassische katholische Ausbildung ist ein Muss im Lebenslauf. Es wird auch vermittelt, dass man selbst gar nicht so eine große Rolle spielt. Viel wichtiger ist es, dass es deinen Mitmenschen gut gehen soll. Anderen zu helfen und zu geben wird verlangt, aber man selbst darf keine Emotionen zeigen. Stattdessen muss man immer lächeln und nach außen überzeugt vermitteln, dass alles wunderbar im eigenen Leben läuft.

Mit welchen Problemen kämpfen die einstigen Fürsten, Grafen und Ritter heute?

Die meisten leiden unter den extremen Prägungen aus der Vergangenheit. Der Verlust, der durch das Adelsaufhebungsgesetz entstanden ist, ist zudem noch immer spürbar. Sie haben wenig Selbstbewusstsein und Probleme in der Familie. Ich habe Kunden, die sind verheiratet und todunglücklich, würden sich aber nie scheiden lassen. Denn das machen Adelige nicht, aus Angst aus der Gemeinschaft verstoßen zu werden. Die meisten wissen einfach nicht, wer sie sind und was sie wollen abseits des ganzen Gesellschaftskonstrukts aus Regeln, Traditionen und Werten.

Aber seit dem Jahr 1919 haben sich doch mit Sicherheit Veränderungen abgezeichnet.

Ja. Es gibt immer mehr, die ihren eigenen Weg gehen und sich beispielsweise scheiden lassen oder außerhalb des Adels heiraten, so wie ich das auch getan habe. Und dennoch haben viele meiner Bekannten damals mit mir gebrochen. Arrangierte Hochzeiten für die eigenen Kinder gibt es Gott sei Dank keine mehr. Auch die Berufswahl obliegt ihnen mittlerweile zur Gänze. Wobei schon immer geschaut wird, dass der Job Prestige hat und der Partner gewisse Vorzüge.

Was wünschen sich Ihre Kunden?

Sie wollen mit der eigenen Kindheit Frieden schließen und die Vergangenheit aufarbeiten. Viele haben auch eine Mordswut in sich, weil ihnen ständig gesagt wurde, wie sie zu leben haben. Und falls man es doch anders gemacht hat, müssen sie damit leben, das schwarze Schaf der Familie zu sein. Ich helfe ihnen, ihre Bedürfnisse und Wünsche endlich aussprechen zu können und coache sie individuell , damit sie später einmal den Mut haben, endlich so zu leben, wie sie es für richtig halten. Wir können Geschichte immer umschreiben und unsere Emotionen dadurch verändern.