© Larus Karl Ingason / MEDIA CONSULTA AG

Wirtschaft
12/05/2011

Island träumt vom Euro

Auf der kleinen Insel im Nordatlantik wird ein Beitritt zur EU skeptisch gesehen. Nur die gemeinsame Währung lockt.

Für Geologen hat Island Einzigartiges zu bieten: Quer durch die Insel, vom Südwesten bis zum Nordosten, verläuft ein großer Spalt zwischen der nordamerikanischen und der eurasischen Platte. Seit Jahrmillionen reiben sie aneinander und verursachen Erdbeben und Vulkanausbrüche, wie zuletzt der Grímsvötn oder der Eyjafjallajökull, dessen Aschewolken 2010 wochenlang Europas Flugverkehr lahmlegten.

Es scheint, als ob der Spalt massiven Einfluss auf die Gesellschaft ausübt: Über kaum ein Thema sind sich die Isländer einig. Nicht über das Ausmaß des alles dominierenden Fischfangs, nicht über die Weiterentwicklung des Tourismus, der jährlich doppelt so viele Besucher nach Island bringt, wie Einwohner auf der Insel leben, und nicht über das Ausmaß der Nutzung der Energie aus Geothermie, die zusammen mit der Wasserkraft Island zu hundert Prozent mit erneuerbarer Energie versorgt.

Absturz

Besonders heiß ist der Streit der Isländer, ob sie der Europäischen Union beitreten sollen. Der Großteil der Bevölkerung war die längste Zeit strikt dagegen, bis 2007 lief es auch ohne EU prächtig. Island war eines der reichsten Länder Welt, die Wirtschaftsleistung pro Kopf übertraf jene der USA oder der EU bei Weitem. Bis im Herbst 2008 der internationale Finanzsektor zusammenbrach, und Islands Wirtschaft in nur einer Woche implodierte. Die drei heimischen Banken Landsbanki, Kaupthing und Glitnir hatten einen Schuldenberg angehäuft, der fast tausend Prozent der isländischen Wirtschaftsleistung ausmachte. Die Arbeitslosigkeit stieg von 0,8 auf 9,3 Prozentpunkte, viele gut Ausgebildete sind seither ausgewandert. Dazu kam eine Inflation von fast 20 Prozent. Islands Regierung entschied, mit der EU über einen Beitritt zu verhandeln.

Das war Grund genug für Bryndis Hlöðversdóttir, sich endlich zu engagieren. Die junge Mutter steht an der Spitze der "Já Ísland"-Bewegung, die für einen Beitritt zur EU - und zum Euro wirbt. "Unsere Währung ist die kleinste der Welt", erzählt sie, "sogar der Disney-Dollar ist größer". Und entsprechend sprunghaft ist die Krone, die Währung für die 320.000 Isländer. Besonders die Inflation, derzeit bei über fünf Prozent, macht das Wirtschaften schwierig. Fast alle großen Firmen, auch die Fisch-Industrie, kalkuliert seit Jahren nur mehr in Euro.

Páll Vilhjálmsson treibt diese Diskussion die Zornesröte ins Gesicht. Als einer der Gründer von "Heimssýn", der größten Anti-EU-Bewegung des Landes, spart der Lehrer und Blogger auch nicht mit Polemik, um gegen die EU zu wettern. Wofür habe man erfolgreich gegen die norwegische Herrschaft(von 1262 bis 1380) und das dänische Königshaus gekämpft (bis 1944), wenn sich Island jetzt dem EU-Diktat unterwirft? "Wir fordern, dass die EU-Verhandlungen sofort gestoppt werden", sagt der Strickjackenträger. "Die Zukunft liegt außerhalb der EU."

Politisch stehen seine Chancen gar nicht schlecht. Bis auf die regierenden Sozialdemokraten sind alle Parteien gegen einen Beitritt, sogar die Links-Grüne Bewegung, der Juniorpartner in der Regierung. Dennoch stimmten sie zu, jetzt einmal mit Brüssel Bedingungen für einen Beitritt zu verhandeln, danach soll das Volk in einem Referendum abstimmen, sagt Steingrímur Sigfússon, Parteichef der Links-Grünen und Finanzminister.

Vor einem Jahr starteten die Beitrittsverhandlungen. 2013, sagte Islands Chef-Unterhändler Stefán Haukur Jóhannesson, könnten sie beendet sein. "Wir sind auf gutem Weg." Von den Umfragen, die eine stabile Mehrheit gegen einen Beitritt zeigen, lässt er sich nicht verunsichern. "Ein Drittel will in die EU, ein Drittel ist dagegen. Der Rest will die Verhandlungen abwarten und dann entscheiden."

Verletzlich

Anders als bei allen bisherigen Beitrittskandidaten sind die Wirtschaftstreibenden Islands gegen einen EU-Beitritt , die Gewerkschaften aber dafür, bestätigt Gylfi Arnbjörnsson, Präsident der größten Gewerkschaft ASÍ. "Weil unsere Währung so verletzlich ist, dass sie unsere Einkommen und unseren Wohlstand jedes Jahr um ein Viertel reduziert." Könnten sie es sich aussuchen, würden sie auch nur dem Euro beitreten.

Fischfang als größte Hürde Islands für EU-Beitritt

Als Mitglied des Europäischen Binnenmarktes und Vollmitglied der Schengen-Zone haben die Isländer bereits einen großen Teil der EU-Gesetze übernommen.
Als lösbar gelten die Verhandlungen mit der EU über Agrarbeihilfen, Steuerpolitik und Regionalhilfen.
Unlösbar scheint dagegen eine Einigung bei der Fischereipolitik. In der EU ist die Fischereipolitik Gemeinschaftsrecht.
Island hat sich bis jetzt vom EU-Markt völlig abschotten können. Islands hoch effiziente Fischfangflotte erwirtschaftet fast 60 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Kabeljau, Hering, Schellfisch, Goldbarsch, Lodde und Shrimps aus Island werden weltweit exportiert und geschätzt. Dabei können sie, anders als die Europäer, auf eine echte Nachhaltigkeit ihrer Fischereipolitik verweisen. Die Fischbestände bleiben seit Jahrzehnten konstant, während Europas Fischflotte nahezu alle Arten überfischt und teilweise sogar ausgerottet hat.
Aber auch die Zuteilung der Fangquoten gelten als große Hürde der Verhandlungen. Diese werden in Island nach einem historischen Schema vom Staat kostenlos an nur wenige Familien vergeben. Neunzig Prozent der Familien verkaufen "ihre" Quoten für viele Hundert Millionen Euro jährlich an die Fischereibetriebe. Mitbewerber, speziell jene aus dem Ausland, bleiben ausgesperrt. Kaum verwunderlich, dass die Fisch-Industrie als auch die mächtigen Familien gegen die EU mobil machen.

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