Wirtschaft | Immobiz
20.11.2018

Wohnen mit Solarkraft

Fossile Brennstoffe gehören der Vergangenheit an – zumindest, wenn es nach Architekten geht, die auf Solarkraft setzen.

„Viele haben uns prophezeit, dass wir im Winter erfrieren werden, weil sich kaum jemand vorstellen konnte, dass eine Heizung mit reiner Sonnenkraft funktioniert“, erzählt der Bauherr Andreas S. Er hat sein Einfamilienhaus in Reutte in Tirol gemeinsam mit dem Unternehmen Holzbau Saurer geplant.

Trotz skeptischer Stimmen in seinem Umfeld hat sich der Tiroler für eine fast autarke Solarheizung entschieden. „Im vergangenen Winter hatten wir zwei sonnenfreie Wochen. In dieser Zeit mussten wir mit der Stückholzheizung zusätzlich Wärme erzeugen. Ansonsten haben wir nur mit der Sonne geheizt“, sagt er.

Diese Skepsis kennt Harald Kuster von FIN Energielösungen nur zu gut: „Es ist schwierig vorzustellen, dass der Wohnraum bei minus 20 Grad Außentemperatur dauerhaft warm bleibt – aber es funktioniert.“ Seit zwanzig Jahren beschäftigt Kuster sich mit dem Thema Solarenergie.

Seine Einschätzung: „Je mehr Projekte nach dem Prinzip der Solarwärme entstehen, desto häufiger sehen und spüren die Menschen, dass ein ganzes Haus allein mit Sonnenenergie gewärmt werden kann. Dadurch verschwinden auch die Vorurteile, dass Solar- oder Fotovoltaikanlagen an Fassade oder Dach, hässlich, unsicher, kompliziert und vor allem viel zu teuer sind.

Heizung vs Strom

Wichtig ist aber zuerst, den Unterschied zwischen den zwei verschiedenen Solargewinnungsmöglichkeiten zu verstehen. Einerseits gibt es die Fotovoltaikanlage, deren Solarzellen Strom erzeugen.

Spricht man aber von vollsolaren Häusern, ist die Solarthermie oder thermische Solaranlage gemeint. Dabei wird mithilfe eines Kollektors Wasser erwärmt, das dann in die Fußbodenheizung oder den Bauteilspeicher weitergeleitet wird.

„Das Prinzip des Bauteilspeichers, auch Bauteilaktivierung genannt, funktioniert wie eine Fußbodenheizung“, erklärt Kuster. Der einzige Unterschied, ist, dass nicht der Estrich mit warmem Wasser beheizt wird, sondern die Boden- oder Deckenplatte.

Der Vorteil: In Boden und Decke steht die sechs- bis zehnfach größere Speichermasse, als in einer Fußbodenheizung zur Verfügung. Dadurch kann die Raumtemperatur – ohne zusätzliche Energiezufuhr – eine Woche lang gehalten werden.

Die solare Fußbodenheizung hingegen hält die Temperatur in den kalten Wintermonaten für rund vier Tage. Allerdings nur in Verbindung mit einem groß dimensionierten Pufferspeicher, wie beispielsweise einem großen Wassertank.

Auch optisch werden die Projekte immer ästhetischer. Das beweist unter anderem Adi Strigl von Holzbau Strigl mit der Planung eines „Fast-Nullenergie-Gebäudes“ im Mostviertel. In dem Haus wurde sowohl eine Solar- als auch eine Fotovoltaikanlage optisch ansprechend verbaut.

„Damit Solaranlagen der architektonischen Ästhetik nicht in die Quere kommen, müssen die Kollektoren so verpackt werden, dass das Gesamtprojekt schön bleibt“, weiß Kuster. Dafür gibt es mehrere Lösungsansätze.

Einen davon setzte der Energieplaner mit Architekt Thomas Lechner von LP architektur für den Bau der Volksschule Hallwang um. „Wir wollten die Solartechnik vorbildlich darstellen und haben die Elemente daher in die Fassade integriert“, erklärt Architekt Lechner.

Zusätzlich wurden 300 Quadratmeter Solarzellen und eine stromerzeugende Fotovoltaikanlage am Dach installiert. „In der Architektur geht es um einen Mix aus Oberflächen, Proportionen, und Materialien – und auch die Energietechnik, die frühzeitig in die Planung integriert werden muss“, weiß Lechner.

Einen anderen Lösungsansatz bieten zukünftig Solardachziegel. „Das ist vor allem für die Sanierung von Altbauten relevant“, weiß Barbara Schütze, die den niederländischen Hersteller „ZEP BV“ in Österreich vertritt. 2019 sollen auch hierzulande die ersten Solardachziegel verbaut werden.

Zu sanierende Häuser können nachträglich prinzipiell nur schwer mit vollsolarer Energiegewinnung ausgestattet werden. „Die notwendige Bauteilaktivierung kann nur eingebaut werden, wenn das Haus entkernt – und damit Böden und Wärmedämmungen entfernt werden.“

Für eine solare Energiegewinnung eignen sich laut Kuster prinzipiell Häuser, deren Dächer weitestgehend nach Süden orientiert sind und nicht von Bäumen oder höheren Gebäuden beschattet werden.

Was die Umsetzung betrifft, tragen Planer eine große Verantwortung. Das bestätigt auch Architekt Thomas Lechner: „Nicht nur die ideale Ausrichtung des Bauwerks am Grundstück, sondern auch eine abgestimmte Haustechnik ist eine Grundvoraussetzung für ein behagliches Raumklima.

Sollten diese Bereiche nicht perfekt abgestimmt sein, gibt es nachträglich wenig Möglichkeiten, Fehler zu kompensieren.“ Dazu kommt, dass jedes Projekt anders ist. „Es gibt keine allgemeingültige Standardlösung“, so Lechner. Dessen ist sich auch Georg Reinberg vom Architekturbüro Reinberg ZT bewusst.

Er hat den Bau eines 344 Quadratmeter großen Einfamilienhauses in Klosterneuburg so ausgerichtet, dass ausreichend Solarenergie gewonnen werden kann: „Wir haben zwei schwarze Solarflächen schön inszeniert und große Fenster eingeplant.“ Neben Kollektoren erzeugen eine Fotovoltaikanlage und eine Wärmepumpe Energie.

„Die Anschaffungskosten einer Solaranlage sind zwar höher, der Bau ist langfristig betrachtet aber billiger, als ein konventionelles System“, weiß Reinberg. Energieberater Kuster stimmt zu: „Mit den sogenannten Amortisationszeiten wird berechnet, wie lange es dauert, bis sich die Solar-Anschaffung rentiert.“

Die Zeiten sind in Industriebauten, in denen die Solarenergie auch für die Produktion eingesetzt wird, sehr kurz. „Die Anschaffung einer Solaranlage rechnet sich aber auch im Wohnbau“, weiß Kuster. Das sieht auch Bauherr Andreas S. so:Wir haben rund 40.000 Euro für die Solarkollektoren, den 6000 Liter umfassenden Wassertank, Messtechnik und Steuerung ausgegeben.“

Er sieht die Investition als Pensionsvorsorge, spätestens dann sollte die Anschaffung abbezahlt sein. Die Vorteile sind für jene, die in einem solarbetriebenen Haus leben, überzeugend. Andreas S.: „Wir brauchen nur Sonnenstrahlen, dann ist es in unserem Haus auch bei minus 30 Grad fein warm.“