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Wirtschaft Immobiz
05/11/2019

Eugen Otto im Interview: Welche Gebäude bleiben bestehen?

Immobiliendienstleister Eugen Otto spricht im KURIER-Interview über Baustile, Architekten und was von Häusern übrig bleibt.

von Sandra Baierl

Wer mit offenen Augen durch die Bundeshauptstadt geht, sieht die Baustile der vergangenen Jahrzehnte. Was ist schön und was hässlich? Warum wurde und wird so gebaut? Und was überdauert die Zeit? Wir legen Immobilien-Experten Eugen Otto zwei Bilder vor – und reden über Häuser.

KURIER: Herr Otto, was sehen Sie auf diesen beiden Bildern?

Eugen Otto: Ein tolles, voll ausgestattetes Gründerzeitgebäude, noch dazu ein Eck, noch dazu mit Balkonen und Erkern. Das Haus betont den Platz, an dem es steht. Und die Bedeutung der Person, die das errichten hat lassen. So stellt man sich Wien vor. Mit Ähnlichkeiten zu Paris. Ein goldenes Zeitalter.

Das andere Haus ist auch ein Eckgebäude ...

Ja. Und das ist die neue Zeit. Das sind die Bauherren und ihre neuen Interessen. Die große Vorgabe von Auftraggebern an Architekten heute ist: Effizienz.

Wieso war Effizienz beim Gründerzeithaus kein Thema?

Diese Liebe zum Detail, die Opulenz hat auch damals Geld gekostet.Sie müssen sich in die Zeit hineindenken: viele Familien, Bauherren, Architekten wollten damals Statements setzen. Die Gebäude waren Statussymbole für Familien, für Unternehmen. Um zu zeigen, wo ich herkomme, wer ich bin und was ich habe. Damals hat man aus einem Katalog Ornamente für die Fassade bestellt. Mehr oder weniger, je nach Budget.

Kommen wir zur Architektur des Gebäudes aus dem Jahr 2000.

De gustibus non est disputandum – über Geschmäcker kann man nicht streiten. Zur Architektur: wenn Unternehmen und Manager Häuser in Auftrag geben, dann ist nur eine Größe messbar: die Effizienz. Nicht messbar ist das Design. Manager werden an Zahlen gemessen, an der guten Vermietbarkeit, eventuell noch an der ökologischen Bilanz. Nicht an ihrer Präsenz in Architekturzeitschriften. Denkmäler sind heute nur wenigen Managern und Architekten beschieden. Die muss man sich leisten wollen und können – denn die Gewinnmaximierung muss in den Hintergrund treten. Aber: für Gebäude gibt es keine Geschmackspolizei. Einzig die MA 19 (Magistrat für Architektur und Stadtgestaltung) muss in Wien ihren Sanktus geben.

Der Vergleich hinkt also.

Wie soll ich sagen: das eine ist eine Gebrauchsgrafik. Das andere ein Bauwerk von einem Künstler mit Weltruhm, der sich nicht daran messen lässt, wie viel Raum er „vergeudet“. Gebäude heute werden schnell gebaut, haben geringe Raumhöhen und möglichst viel Nutzfläche.

Die Gewinnmaximierung als oberste Prämisse hält sich in der Gegenwartsarchitektur schon lange.

Ich glaube sehr wohl, dass man ein besonderes Erscheinungsbild bei fast gleichem Budget bauen könnte. Es muss aber jemanden geben, der sagt: es ist mir wichtig.

Architekten können’s anders.

Ich habe oft mit Architekten zu tun: die kämpfen schon mit sich selbst. Je bedeutender der Architekt ist, umso mehr möchte er etwas Eigenes schaffen. Wenn er das Glück hat, einen Bauherren zu haben, der ihm erlaubt, ein Denkmal zu bauen, dann tut er das. Etwa das Haas Haus – sehr umstritten –, oder das Sofitel an einem ganz prägnanten Standort. Spektakulär kann sich ein Architekt nur präsentieren, wenn er etwas Unerwartetes macht.

Was sind die Statussymbole beim Bau heute? Türme? Glasfassaden? Funktionalität?

Ich glaube, es ist nach wie vor das Ensemble. Hängt aber ganz klar vom Auftraggeber und dessen Zielen ab. Das tollste Haus würde sich in die Umgebung gut einfügen, es muss kein Raumschiff sein. Wer mit Weitblick heute ein Gebäude beauftragt, muss sich auch darum kümmern, wie es den Leuten geht, die dieses Gebäude beleben. Und man muss sich auch um die Umgebung scheren.

Bauen zu wenige Privatpersonen in Wien Häuser?

Ja, ganz sicher. Es gibt wohl auch in den großen Konsortien Menschen, die den Anspruch haben, schöne Architektur zu schaffen. Aber das sind nicht alle. Wenn ein Immobilienfonds eine Investition tätigen will, ist die Frage der Verwertung zentral. Was passt an den Standort, wie kann es genutzt werden, wie kann es im Laufe der Zeit adaptiert werden.

Denken wir 50 Jahre voraus: Was wird man dann über diese beiden Gebäude denken?

Das Palais wird hoffentlich noch immer da sein und man wird denken: Wow, Ende des 19. Jahrhunderts hat man toll gebaut.

Was passiert mit dem Neubau?

Nun ja. Sehr effiziente Gebäude, die heute und in den nächsten Jahren gebaut werden, haben einen anderen Nachhaltigkeitsansatz. Nachhaltigkeit heißt, man kann das Gebäude gut umnutzen – also aus einem Bürohaus ein Wohnhaus oder aus einem Wohnhaus ein Studentenheim machen. Nachhaltigkeit heißt aber auch, dass die Lebensdauer auf 60 Jahre ausgelegt ist – und dass man heute schon weiß, wie man Baumaterialien gut entsorgen oder wiederverwenden kann. Man wird aus modernen Gebäuden so gut wie alles wiederverwenden können. Es hat also mit Sicherheit einen Wert. Die Bewertung des Gebäudes mit dem Rechenstift hat den Vorteil, dass man genau weiß, wann es abgearbeitet ist.

Abriss ist die neue Nachhaltigkeit?

Man wird abreißen und neu bauen. Es wird in Wien ja auch nicht mehr Baugründe geben. Abriss und Wiederverwertung werden beim Bau schon mitgedacht. Man wird gut recyceln und die neuen Bautechniken der Zukunft anwenden können. Beide Gebäude haben ihre Berechtigung – es kommt immer darauf an, was das Ziel ist.