© villa winternitz

Wirtschaft Immobiz
04/28/2020

Adolf Loos' versteckte Schätze

Auf den Spuren von Adolf Loos, dem Wegbereiter der Moderne, in Pilsen, Prag und Wien.

Von außen würde niemand vermuten, dass sich hinter der Fassade des schmucklosen Hauses in der Klatovska Straße 12 im tschechischen Pilsen ein Schatz verbirgt. Vorbei an Amtsstuben mit Möbeln der 60er-Jahre gelangt man zu einer Wohnung, die Adolf Loos für den Kinderarzt Josef Vogl und dessen Frau eingerichtet hat: der Salon, getäfelt mit Kirschholz, ein Kamin aus roten Ziegeln. Vom Esszimmer aus fällt der Blick auf die mit Travertin verkleideten Wände mit Spiegeln in den Nischen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte die Arztfamilie nicht mehr in ihre Wohnung zurück, die Räume dienten Ämtern als Sitzungssaal. Salon und Speisezimmer wurden dadurch vor Zerstörung bewahrt.

Wohnungen in Pilsen

Insgesamt vier Wohnungen des Architekten sind heute in Pilsen zugänglich. Eine davon liegt in der Husova Straße in der wenig attraktiven Umgebung der Skoda-Werke. Hier errichtete Loos für Jan und Jana Brummel sowie für Janas Mutter ein Zweifamilienhaus, verbunden durch ein gemeinsames Esszimmer. Eine luxuriöse Bleibe mit modernem Badezimmer sowie einem Wohnzimmer, das mit gebeizten Eichenplatten getäfelt wurde, sowie offenem Kamin. Gegenüber ein Fresko, das die Aussicht aus dem Fenster auf eine italienische Landschaft imitiert. Das Arbeitszimmer leuchtet in hellem Gelb.

Arbeitszimmer Haus Brummel

 

 

Das Haus überstand die Bombardierung der Skoda-Werke und entging knapp den Bemühungen der Behörden, hier eine Abfertigungshalle des Pilsener Busbahnhofs zu errichten. Dass Pilsen über diese architektonischen Schätze verfügt, wissen in der Stadt nur wenige. Erst seit einigen Jahren sind sie restauriert und öffentlich zugänglich. Dass überhaupt etwas erhalten geblieben ist, ist dem Mut und Einsatz der Pilsener Historikerin Vera Behalova zu verdanken: Sie schaffte es in den 60er-Jahren, Loos' Werke unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Dank erhielt sie dafür keinen: Sie wurde von der tschechischen Geheimpolizei verfolgt, emigrierte 1968 nach Österreich.

Villa Winternitz

Das letzte Bauwerk, das Loos verwirklichen konnte, ist die 1932 in Prag-Smichov errichtete Villa für den Anwalt Josef Winternitz und seine Frau Jenny. Auch hier setzte der streitbare Architekt das um, was er schon 1910 in seinem Vortrag „Ornament und Verbrechen“ postuliert hatte: die Ablehnung von allem Zierrat. „Das Ornament ist vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit“, schrieb Loos. In einer Zeit, in der Gebäude unter der Last von Stuck und Verzierungen beinahe zusammenbrachen, ein revolutionärer Zugang, den Loos allen Anfeindungen zum Trotz durchsetzte. Er war Avantgardist, baute puristisch, mit klaren Linien. Wichtig war ihm der Funktionalismus seiner Werke. Sein Prinzip: Die Form folgt der Funktion. Oder in Loos' Worten: „Die Architektur gehört nicht unter die Künste. Nur ein ganz kleiner Teil der Architektur gehört der Kunst an: das Grabmal und das Denkmal.“

Funktionale Bauten

Was für die Häuser galt, wandte Adolf Loos auch für alle Gebrauchsgegenstände an – für Möbel ebenso wie für Gläser, Besteck oder Lampen. Typisch für seinen Einrichtungsstil sind Einbaumöbel, die bis ins kleinste Detail ausgetüftelt sind. Schränke, die sich hinter Wandvertäfelungen verbergen. Damit war er Wegbereiter der Moderne, Vorreiter der Bauhausbewegung. So sehr Loos funktionslose Behübschungen ablehnte, so sehr wusste er hochwertige Materialien zu schätzen. Seine Interieurs waren klarer als die seiner Zeitgenossen, aber nicht weniger luxuriös. Wertvolle Hölzer, Böden aus Natursteinen, Perserteppiche, Glas und Farben. Auf der Suche nach dem richtigen Stein reiste Loos durch ganz Europa.

Niederlassung Goldman & Salatsch

In Wien, der Stadt, in der man Gemütlichkeit liebte, hatte er es mit dieser radikalen Einstellung nicht leicht. Hier löste er mit dem 1910 errichteten Haus am Michaelerplatz einen der ersten Architekturskandale aus. Der elegante Herrenausstatter Goldman & Salatsch beauftragte Loos mit der Planung seiner Niederlassung. Die glatte Fassade ohne Stuck und Simse wurde als „Haus ohne Augenbrauen“ verspottet. Ein von der Stadt verhängter Baustopp wurde erst nach zwei Jahren aufgehoben, als Loos gestattete, das Haus mit Blumenkisten zu „verschönern“. Kaiser Franz Joseph ließ der Legende nach die zum Michaelerplatz weisenden Fenster der Hofburg vernageln. Heute ist das Haus im Besitz der Raiffeisen Landesbank NÖ Wien. In Wien sind nur noch wenige Werke Loos' vorhanden. Die für das Café Museum entworfene Einrichtung ist weg, nur die Raumgliederung blieb. Zu sehen sind noch das Portal der Buchhandlung Manz am Kohlmarkt, die Herrenschneiderei Knize am Graben und einige Villen und Einfamilienhäuser in Hietzing: das Haus Steiner, das Haus Scheu, das Haus Horner, das Haus Stoessl und das Haus Strasser.

Adolf Loos: Sein Leben

Heuer jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal Geboren 1870 als Sohn eines Steinmetzmeisters in Brünn, war er ein aufmüpfiger Schüler und wechselte wegen schlechter Betragensnoten mehrfach die Schule. Er übersiedelte nach Österreich, doch am Stiftsgymnasium Melk wurde ihm nach nur einem Jahr wegen schlechten Sitten der weitere Besuch verwehrt. Schließlich maturierte er in seiner Heimatstadt Brünn. Nach einem Intermezzo in den USA, wo er sich mit Hilfsarbeiten durchschlug, ließ er sich 1896 in Wien nieder.  Er arbeitete nicht nur als Architekt und Designer, sondern auch als Architekturkritiker und Publizist. Von seinem Vater hatte Loos die Schwerhörigkeit geerbt, im Alter verlor er komplett sein Gehör. Aufgrund eines Nervenleidens war Loos zuletzt auf den Rollstuhl angewiesen.  Stets hatte er die Gesellschaft geliebt, dennoch starb er einsam im Jahr 1933 mit 62 Jahren im Sanatorium Kalksburg bei Wien. Seinen Grabstein auf dem Zentralfriedhof (Gruppe 0, Reihe 1, Nr. 105) hat er selbst gestaltet.
 

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